Handy-Historie

Apple Newton: Der gefloppte Trendsetter

Vor rund 20 Jahren brachte Apple seinen revolutionären Taschencomputer Newton auf den Markt. Trotz visionärer Technik floppte das MessagePad - und wurde von Steve Jobs beerdigt. Wir haben den Newton nochmal aus der Schublade geholt und neben das iPhone 5 gelegt.

Apple Newton, Apple iPhone

© Hersteller

Apple Newton, Apple iPhone

Apples Newton und das iPhone - rund zwei Jahrzehnten  liegen zwischen ihnen, ebenso der Siegeszug des Internets und die beispiellose Erfolgsstory des Touchscreens. Am Anfang dieser Entwicklung stand der Apple Newton - ein stiftbasierter Computer im Taschenbuchformat, der den Alltag revolutionieren sollte.

Im Vergleich zum klobigen Newton MessagePad 130 wirkt ein aktuelles iPhone fast zerbrechlich: 203 x 101,5 x 30 Millimeter treffen auf 124 x 58,6 x 7,6 Millimeter, und auch beim Gewicht hat der Urahn mit 450 Gramm massiv die Nase vorn (iPhone 5: 112 Gramm). Noch deutlicher werden die Unterschiede bei der Performance: Während sich der Steinzeit-PDA mit einem ARM-610-RISC-Prozessor, 20 MHz Taktfrequenz und 2,5 MB RAM bescheiden muss, spurtet im iPhone ein Dual-Core-Prozessor mit einem satten GB RAM.

Trotzdem besitzt der Newton immer noch Charme - zeigt er doch, dass die Apple-Ingenieure schon früher visionäre Ideen verfolgten. So bewarb der damalige Apple-Chef John Sculley den Newton bei der Weltpremiere in Boston als "Basistechnologie des digitalen Zeitalters" und frohlockte: "Im Newton spiegelt sich das Zusammenwachsen von Computer, Kommunikation und Unterhaltungselektronik. In dieser neu entstehenden Industrie kommt dem Kommunikationsaspekt die Schlüsselrolle zu."

Erstes Unheil kündigte sich jedoch schon bei der Präsentation an, von der die "Washington Post" süffisant berichtete, der gezeigte Prototyp habe sich "etwas unkooperativ" verhalten: "Die handgeschriebene Nachricht ,Call Bob about meeting' entzifferte das MessagePad als ,cell Bob about meexing'." Auch der Aktienmarkt traute dem kommunikativen Revolutionsführer nicht: Der Kurs des Apple-Papiers stieg am Tag nach der Vorstellung lediglich um 25 Cent auf 59,75 US-Dollar.

Spott von Steve Jobs

Als erster echter Personal Digital Assistant (kurz: PDA) auf dem Markt sollte der Newton Adressbuch, Organizer und Kommunikationsgerät in einem sein, bis zu 250 Kontakte plus 500 Termine verwalten und sich mit anderen Organizern über die integrierte Infrarotschnittstelle verbinden. Zum Verkaufsstart kostete der Trendsetter in den USA stolze 700 US-Dollar, in Deutschland waren es knapp 1400 Mark (rund 700 Euro). Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Als Sensation gefeiert wurde seinerzeit besonders der Eingabestift für den berührungsempfindlichen Bildschirm. Bei der iPhone-Premiere im Jahr 2007 hatte Steve Jobs, der Sculley 1997 als Apple-CEO gefolgt war, für diese Technik aber nur noch Hohn und Spott übrig: <

Dass Jobs den Stiftcomputer hasste, blieb seinen Mitstreitern bei Apple nicht verborgen. Schließlich erkannte der Perfektionist nach seiner Inthronisation als CEO (ursprünglich hatte er das Unternehmen nach einem Machtkampf mit Sculley 1985 verlassen) schnell, dass die launische Handschrifterkennung als Top-Feature des Newton schwer zu zähmen war.

Erst mit dem Betriebssystem Newton OS 2.0 wurde die sogenannte Rosetta-Engine integriert, die einzelne Buchstaben erkennen konnte, anstatt permanent die Schreibschrift des Nutzers entziffern zu müssen. Doch die Verbesserungsbemühungen kamen zu spät: 1996 lieferte Palm schon PDAs mit der Kurzschrift Graffiti aus. Die musste man zwar erst einmal erlernen, konnte dann aber auch darauf vertrauen, dass die standardisierten Eingaben wesentlich zuverlässiger in korrekte Texte umgewandelt wurden als beim Newton.

Lehren aus der Niederlage

Wenn Apple in letzter Zeit Fragen zu kommenden Neuheiten stets mit der nichtssagenden Floskel "We don't talk about our future products" beantwortet, zeigt der iPhone-Erfinder, dass die Wunden der Newton-Niederlage noch immer nicht verheilt sind.

Apple im Marken-Check

Denn bereits ein Jahr vor dem Marktstart hatte John Sculley Apples Handschriftenerkennung feierlich als "Zukunft des Computing" gepriesen. Die Medien zitierten den Apple-Boss gern - und machten sich später umso freudiger über die Macken des Taschen-PCs her.

Sculleys Schwärmerei hatte zudem zur Folge, dass die Konkurrenz stets über die aktuellen Entwicklungen bei Apple informiert war. So konnte der Widersacher Palm im entscheidenden Moment an Apple vorbeiziehen - technologisch und in puncto Verkaufszahlen.

Am 27. Februar 1998 gab Apple, damals finanziell am Abgrund, in einer dürren Mitteilung die Einstellung aller Entwicklungsarbeiten an Newton OS bekannt. Steve Jobs ließ aber auch ausrichten, dass die Firma weiter an mobilen Computern für den Massenmarkt arbeiten werde und nannte als Vorbild das MessagePad eMate 300, bei dem die unzuverlässige Texterkennung mit einer Hardware-Tastatur kombiniert worden war.

Außer seiner mangelnden Reife gab es aber noch einen weiteren Grund dafür, dass der Newton floppte und trotz der kultischen Verehrung in vier Jahren Bauzeit nur etwa 300.000 Käufer fand: seine mangelhafte Verbindung zur Außenwelt, für die der teure Organizer auf die Hilfe externer Gerätschaften angewiesen blieb.

Zwei Jahrzehnte später ist alles ganz anders. Apples Verkaufsschlager iPhone und iPad funken in LTE-, UMTS- oder Wi-Fi-Netzen mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde oder mehr, und angesichts von rund einer Million iOS Apps bleibt kaum ein Anwendungswunsch unerfüllt.

Newton-Käufer mussten sich dagegen mit Fax-Übertragungen von maximal 14 400 Kilobit pro Sekunde begnügen und größere Programme umständlich per PCMCIA-Karte nachrüsten. Dennoch war der Newton seiner Zeit weit voraus. Umso mehr wünschen sich viele Apple-Fans, dass "ihr" Unternehmen sie nach dem 2007 gestarteten iPhone bald wieder mit einem visionären Produkt überrascht.

Der Newton in connect

In connect 6/1993 erschien der erste Praxistest des heiß erwarteten Trendsetters. Doch das MessagePad zeigte nicht nur grandiose Talente, sondern auch lästige Kinderkrankheiten.

Sieben Jahre iPhone

Die erste Kontaktanbahnung im ICE von Frankfurt nach Stuttgart verlief ernüchternd: "Alle Eingaben rufen nur einen wirren Zeichensalat auf dem Display hervor, von Handschrifterkennung keine Spur", mäkelte der Tester, machte sich aber gleich selbst Mut: "Aber man kennt das ja: Handschriftliche Notizen im fahrenden Zug lassen sich später in den seltensten Fällen entziffern. Nur fällt einem das beim Newton sofort auf." Schließlich sei das Gerät ausdrücklich dazu konzipiert, unterwegs Notizen, Termine und Adressen zu erfassen und zu kommunizieren.

Fleißige Trainingseinheiten steigerten die Trefferquote dann aber erkennbar: "Ob Adressen, Skizzen, Besprechungsnotizen, Termine und Telefonanrufe, Faxe und Memos - das MessagePad ist bestens darauf vorbereitet, diese Masse an Infos zu verarbeiten." Gut kam bei connect seinerzeit auch die Connectivity-Aussstattung an: "Eine serielle Schnittstelle und die mitgelieferte Software organisieren die direkte Verbindung zu Druckern, Macoder DOS-/Windows-PCs." Und der Datentausch mit anderen Newtons ging schon damals Apple like vonstatten: "Einmal mit dem Stift auf ,Beam' getippt, und Visitenkarten oder Notizen werden per Infrarot übertragen."

Gelegentlich entwickelte der Stiftcomputer sogar seherische Fähigkeiten: "Versehen Sie beispielsweise eine Notiz mit dem Vermerk ,Fax an Tim', fragt Sie der PDA nicht nur, ob dieser Tim derjenige ist, dem Sie auch sonst viel faxen, sondern trägt auch alles in ein Fax Formular ein, das er in die Outbox legt. Sobald eine Verbindung zum Telefonnetz besteht, brauchen Sie nur noch ,Fax' anzutippen, und die Post geht ab."

Fast schon euphorisch fiel schließlich das connect-Fazit aus: "Wenn Apples PDA seine Kinderkrankheiten überwindet (derzeit sind die Apple-Mailboxen noch voller Hilferufe und Fragen zu Newton-Bugs), dann könnte der Newton für die 90er Jahre werden, was der Walkman Anfang der 80er war: Kultobjekt und Massenartikel zugleich." Es sollte dann aber doch anders kommen: Schon vier Jahre später war der PDA-Pionier mit dem bunten Apfel Geschichte.

Der Newton, ein iMac und OS X 10.8

Verrückte Menschen wie der Schotte Matt Gemmell schwören heute noch auf den kommunikativen Trendsetter aus den 1990ern und bringen ihn sogar an einem modernen iMac zum Laufen. Der Software-Programmierer liebt es, auf seinem eMate 300 zu schreiben - dem letzten Newton, der wie ein Mini-Notebook aussah.

Dass der Kleine viel zu schade für die Vitrine ist, bewies er an einem aktuellen iMac mit Mac OS X 10.8.4: Ein serielles Kabel, der passende Adapter für den USB-Anschluss des Apple-Rechners und eine kluge Software namens NCX genügen, um den betagten Taschencomputer ins 21. Jahrhundert zu beamen, Backups anzulegen und auf den Datenbestand verschiedener Programme zugreifen zu können.

Eine genaue Anleitung gibt der Entwickler in seinem Blog auf mattgemmell.com. Einen schönen Überblick über die internationalen Aktivitäten rund um den PDA-Pionier im Web liefert der Newton-Webring unter hub.webring.org.

Apple Newton

© Hersteller

Maximal 8 MB passten auf diese PCMCIA-Type-II-Karten. Außerdem gab's Programmkarten mit Bürosoftware und Modemkarten für die Einwahl ins Telefonnetz.
Apple Newton

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Mit einer Tastatur, die an den seriellen Anschluss des Kommunikators angedockt wurde, ließen sich auch längere Texte schreiben und an den Rechner übertragen.
Apple Newton

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Kommunikationstalent: Nachrichten konnte der Taschen-PC schon per E-Mail versenden (links). Mit der eWorld-Software konnte der Newton-Profi Mailkontakt zu seinen Kunden oder Mitarbeitern halten (rechts).
Apple Newton, ebay

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Schnäppchen Für knapp 140 australische Dollar (etwa 100 Euro) wechselte kürzlich bei Ebay ein fabrikneuer Newton den Besitzer - mutig angepriesen als "das originale iPad".

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