Interview mit Andreas Gal von Mozilla

"Das Web ist die Alternative zu iOS und Android"

Zum Start von Firefox OS sprachen wir mit Andreas Gal, Vice President Mobile Engineering bei Mozilla, über die neue Plattform, was sie der Konkurrenz voraus hat und warum sie sich neben iOS und Android etablieren wird.

Andreas Gal, Mozilla Stiftung

© Andreas Gal, Mozilla Stiftung

Andreas Gal, Mozilla Stiftung

Das erste Handy mit dem neuen Betriebssystem Firefox OS ist seit heute in Spanien zu haben. Das ZTE Open ist ein einfach ausgestattetes Einsteigermodell, das ein 3,5-Zoll-Display aus 320 x 480 Pixeln bietet und beim Netzbetreiber Telefonica beziehungsweise dessen Mobilfunkmarke Movistar für nur 69 Euro zu haben ist.

Bei den günstigen Geräten für Märkte, in denen das mobile Internet noch nicht wirklich angekommen ist, sieht Mozilla die Chance für Firefox OS, das komplett auf HTML 5 setzt. Und in der breiten Unterstützung durch Netzbetreiber, Geräte- und Chiphersteller sowie Entwickler. Connect sprach mit Andreas Gal, Vice President Mobile Engineering bei Mozilla, und wollte wissen, was Firefox OS der Konkurrenz voraus hat und warum sich die Plattform  etablieren kann.

Auf dem Mobile World Congress im Februar konnten wir uns Firefox OS ansehen und dort hieß es, dass im Sommer die ersten Geräte kommen. Sie sind also perfekt im Zeitplan. Was haben Sie die letzten Monate noch an der Software gemacht. Es schien auf dem MWC schon ziemlich stabil zu laufen.

Es war noch ein großer Schritt. Was wir auf dem MWC gezeigt haben, waren Geräte für Entwickler. Der Funktionsumfang, den Sie dort gesehen haben, ist zwar ziemlich genau das, was die Geräte jetzt auch mitbringen. Aber die Hersteller hatten noch eine Menge zu leisten, dann musste der Netzbetreiber die Geräte zertifizieren. Das ist das übliche Prozedere, es war diesmal nur aufwändiger, weil es die allerersten Geräte mit der neuen Plattform war.

Das wird mit den nächsten Versionen einfacher werden. Wir arbeiten bereits an der nächsten Version, in ein paar Monaten wird dann bereits Firefox OS 1.1 erscheinen.

Apropos Updates: Android-Nutzer warten teilweise sehr lang, bis ein Update tatsächlich auch für das eigene Gerät verfügbar ist. Wird das mit Firefox OS eine ähnliche Geduldsprobe?

Für Mozilla ist das ein sehr wichtiges Thema. Die Menschen verbinden gewisse Werte mit Firefox und Mozilla und was Ihnen ganz wichtig ist, ist Sicherheit. Und die Situation bei Android ist gerade in Sachen Sicherheit ganz schlecht.

Vom Desktop sind die Kunden ganz andere Standards gewohnt. Wenn eine Sicherheitslücke bekannt wird, erwartet man, dass sie innerhalb weniger Tage geschlossen wird. Im mobilen Bereich hat sich das noch nicht so durchgesetzt. Auch iOS ist da nicht viel besser. Für uns ist das sehr wichtig.

Und wie soll das bei Firefox OS besser klappen?

Wir haben die Plattform so entworfen, dass einzelne Teile des Systems separat ausgetauscht werden können. Wir haben dazu drei Schichten im System. Auf der untersten Schicht sind der Kernel und die Geräte-nahen Teile des Systems. Wir gehen davon aus, dass wir den nicht sehr häufig auswechseln müssen.

In der Mitte des Ganzen sitzt die eigentliche Web-Engine, die HTML-5-Engine. Die können wir separat auswechseln. Ganz oben sitzen dann die HTML-5-Anwendungen, die sehr einfach geupdatet werden können.

Wir wollten in der Lage sein, diese Komponenten einfach austauschen zu können. Die Web-Engine wird beispielsweise bei allen Geräten die gleiche sein. So können wir die Gerätehersteller sehr schnell mit Updates versorgen, an denen sie selbst nichts mehr machen müüsen.

Die Freigabe durch die Netzbetreiber garantiert zwar einen gewissen Qualitätsstandard, dauert teilweise ab ja sehr lange. Bremst das die Updates nicht aus?

Die Netzbetreiber müssen die Software zwar noch zertifizieren, aber wir rechnen damit, dass Updates insgesamt viel schneller zum Kunden kommen, als das bei Android derzeit der Fall ist.

Wir können das System, wie es heute etabliert ist, nicht über Nacht ändern, wir können das Ganze aber schon in die richtige Richtung schieben. Und ich denke, dass wir das im Moment bei den Netzwerkbetreibern bereits sehen. Insbesondere die, mit denen wir momentan zusammenarbeiten, betrachten das Projekt als strategische Investition. Für die Geräte, die wir jetzt in Spanien ausliefern, ist schon das erste Update geplant. Eben weil wir mit den Netzwerkbetreibern so eng zusammen arbeiten.

Mozilla wirbt mit der Offenheit von Firefox OS. Was macht denn diese Offenheit aus?

Apples iOS ist einfach zu erklären: Das ist ein sehr kontrolliertes System, kontrolliert von einer Firma. Das funktioniert bis zu einer gewissen Größe, allerdings kann es nie die Größe des Internets erreichen. Es gibt zwar ein paar Hundertausend Apps für iOS, aber es gibt eben viele Millionen Webseiten im Netz mit teilweise sehr lokalen Inhalten.

Wenn es beispielsweise in Afrika lokale Inhalte gibt, dann macht es nicht unbedingt Sinn, diese nach Cupertino in Kalifornien zu schicken, um zu prüfen, ob die Inhalte in den App Store passen.

Das ist die Offenheit die der Anwender bei Firefox OS sieht, es ist die Offenheit des Web. Da gibt es keine Firma, die kontrolliert, welche Inhalte ich mir anschauen kann.

Android wird gerne als offenes System dargestellt, aber das ist nicht wirklich der Fall. Nehmen Sie die Entwicklung der Software: Die passiert bei Google streng geheim und intern. Und wenn sie fertig ist, wird sie an Gerätehersteller gegeben und dann erst wird der Quellcode veröffentlicht.

Das führt dazu, dass Google die nächsten Schritte, die technologische Entwicklung kontrolliert. Da kann kein anderer mitreden. Und das gibt insbesondere den Geräteherstellern sehr wenig Spielraum für Innovation. Wenn man sich die Android-Telefone, die heutzutage rauskommen, anschaut, dann sind die letztlich alle gleich. Der Unterschied ist das verwendete Plastik oder die Auflösung des Bildschirms.

Zudem sind alle Telefone an die Services von Google gebunden. Das führt dazu, dass alle Teilnehmer im Ökosystem, ob Entwickler, Gerätehersteller oder Netzbetreiber, letztlich keine echte Teilhaberschaft an der Plattform haben. Und das ist etwas, das wir wirklich ändern möchten. Android ist letztlich ein System, von dem nur Google profitiert.

Wie soll das gelingen?

Mozilla ist eine ganz andere Organisation als Apple oder Google. Wir sind eine gemeinnützige Stiftung. Unser Ziel ist es, das offene Web voran zu bringen. Wir machen das, indem wir Firefox OS als Open-Source-Projekt betreiben. Genau so wie wir das Firefox-Projekt für den Desktop betreiben. Es ist alles komplett offen.

Und wir entwickeln das auch nicht alleine, sondern wir arbeiten sehr eng mit unseren Partnern, zum Beispiel Telefonica oder der Deutschen Telekom und mehreren Geräteherstellern zusammen. Und das führt letztlich zu ganz anderen Systemen.

Was tragen denn die Partner dazu abei? Lässt sich das quantifizieren?

Ich würde sagen: Bei der nächsten Version von Firefox OS kommen 25 bis 50 Prozent der Beitragsleistung  von den Partnern. Und nur so sind wir eben auch in der Lage, mit so einer Organisation wie Google zu konkurrieren. Wir haben ungefähr 900 Mitarbeiter, Google hat allein im Android-Bereich viele Tausend Mitarbeiter. Der Grund, dass wir konkurrieren können, ist, dass wir eben nicht alleine sind, sondern dass wir Partner haben.

Die ersten Geräte sind Einsteiger-Modelle und das ist ja wohl auch so gewollt. Wie weit könnte man denn noch nach oben gehen. Ist es schon angedacht auch mal Mittelklasse-Phones zu bringen oder in Richtung iPhone, Galaxy S4 zu gehen. Oder gibt es technischen Begrenzungen?

Nein, es gibt keine Begrenzungen. Das ist eine strategische Entscheidung. Wenn man sich den Markt im Moment anschaut, dann konzentrieren sich fast alle Hersteller auf den Highend-Bereich. Die nächste Milliarde an Menschen, die sich dem digitalen Zeitalter anschließen wird, lebt in Lateinamerika, Asien oder Afrika. Die meisten können sich kein iPhone, die könne sich kein Galaxy S4 leisten.

Das kann die Mozilla-Plattform

Deswegen haben wir strategisch beschlossen, dass die ersten Geräte, die wir ausliefern, für das Einstiegssegment sind. Und die ersten Hersteller mit denen wir zusammenarbeiten, ZTE und TCL/Alcatel sind eben gerade hier besonders stark.

Das heißt aber nicht, dass Firefox OS nur auf den Einstiegsmarkt zielt. Wir haben schon Interesse daran, Geräte herzustellen, die etwas leistungsfähiger sind und die dann eben auch etwas teurer werden. Sie haben es vielleicht schon gehört, dass auch LG und Sony mit uns Geräte herstellen werden. Ich kann nicht wirklich für die Gerätehersteller sprechen, aber wir haben die richtigen Partner auch höherpreisige Geräte herzustellen. Nächstes Jahr und danach könnte ich mir schon vorstellen, dass es Geräte geben wird, die entsprechend teurer sein werden.

Für uns ist es strategisch aber wichtig, dass wir den unteren Preisbereich auch in Zukunft gut abdecken, weil es dort eben nicht viele Alternativen gibt. Da gibt es die ganz alten Android-Geräte, mit Android 2.3, das heute sicher nicht mehr wettbewerbsfähig ist, weil Anwendungen nicht mehr drauf laufen. Und das war es praktisch schon. Windows Phone, iOS sind deutlich höher angesiedelt.

Die Marke Firefox und Mozilla dürfte doch so stark, dass sich auch technisch Interessierte ein Firefox-Handy kaufen würden, wenn es denn besser ausgestattet wäre.

Den Effekt haben wir bei den Geräten gesehen, die wir für Entwickler herausgeben haben. Da gibt es auch ein höherpreisiges Gerät. Das kostet um die 160 Dollar, hat einen Dualcore-Chip und ein größeres Display. An dem waren schon relativ viele Leute interessiert, auch in den westlichen Teilen der Welt. Eben wegen des Firefox-Brands. Es ist eben das erste wirkliche HTML5-Gerät. Das wird sich forsetzen und irgendwann wird es sicher auch Firefox-OS-Geräte für den europäischen oder amerikanischen Markt geben.

Mit Microsofts Windows Phone 8 gibt es eine zweite Plattform, die sich als Alternative zu iOS und Android etablieren will. Warum stehen die Chancen für Firefox OS besser, dass das gelingt?

Wir haben einen ganz anderen Startpunkt als Windows Phone, die die Entwickler überzeugen müssen, Anwendungen für die proprietäre Microsoft-Plattform zu entwickeln. Wir müssen keine eigenen Anwendungen entwicklen.

Facebook und Twitter sind zwei Anwendungen, die vom Start weg auf den Firefox-OS-Geräten installiert sind. Und wir mussten nicht zu Facebook und Twitter gehen und sie überzeugen eine Version für Firefox OS zu bauen. Wir haben einfach die vorhandene HTML-5-Anwendung verwendet.

Manchmal sind die mobilen HTML-5-Anwendungen nicht so optimiert wie die Desktop-Versionen oder die iOS- und Android-Versionen, aber häufig ist eben die Distanz nicht so groß. Wir arbeiten also mit den Herstellern zusammen, um das Ganze zu optimieren, statt etwas ganz Neues zu kreieren. Und so wird auf den Geräten vom Start weg eine Menge an Inhalten verfügbar sein.

Das ist der Grund, warum wir glauben mit den existierenden Plattformen Android und iOS konkurrieren zu können. Das Web ist einfach die einzige Alternative, weil es eben schon existiert, weil es bereits Millionen von Inhalten gibt. Das ist, denke ich, der Kern, warum das Ganze funktionieren wird.

Firefox OS - Infografik

© Mozilla

Infografik: Wie Firefox OS HTML 5 mit der Hardware verbindet.

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