Interview

Lauren Anderson: "Collaborative Consumption verbindet Generationen"

Möchten Sie mit wildfremden Leuten die Bohrmaschine, das Auto, die Wohnung teilen? connect sprach mit Lauren Anderson, Innovation Director Collaborative Lab, über den Trend zum gemeinschaftlichen Konsum.

Lauren Anderson

© Lauren Anderson

Lauren Anderson

Ob Auto, Wohnung, Geld oder Gebrauchsgegenstände - übers Netz lässt sich vieles teilen, auch dank Smartphone und mobilem Internet. Collaborative Consumption nennt sich der Trend, zu deutsch in etwa "gemeinschaftlicher Konsum". Der Begriff geht auf die Autorin Rachel Botsman und ihr Buch "What's mine is yours" zurück.

Aus der Idee hat sich mittlerweile ein wachsendes Netzwerk entwickelt, das den entscheidenden Gedanken vorantreibt: Der gemeinschaftliche Konsum soll in einen neuen Lebensstil münden, der das Teilen von Fähigkeiten, Geld, Zeit sowie Produkten zum Ziel hat. Der Weg dazu führt über Communitys im Internet.

Nur ein Trend oder gar eine Trendwende? connect sprach mit Lauren Anderson, InnovationDirector bei der von Rachel Botsman gegründeten Beratungsagentur Collaborative Lab. Den gesamten Artikel zum Thema finden Sie in der connect-Ausgabe 10/2012, ab 7. September am Kiosk.

Frau Anderson, Teilen bedeutet Aufwand. Glauben Sie, dass es genügend Nutzer geben wird, um eine kritische Masse zu erreichen, damit die zahlreichen Angebote erfolgreich sein können? Es stimmt: Beim Teilen, Mieten, Ausleihen und Tauschen ist natürlich immer die Frage, wie viel Aufwand es kostet, das zu bekommen, was man möchte. Allerdings ist es heute dank der Technologie viel einfacher geworden. Wir haben sofortigen Zugriff auf Dinge, die wir brauchen, in unserer Nähe. Wir vermindern damit die Reibungsverluste einer solchen Transaktion erheblich. Der wachsende Wandel weg vom Besitz bedeutet, dass es immer mehr Menschen gibt, die nach anderen Wegen suchen, um zu bekommen, was sie brauchen. Dadurch hat sich eine natürliche Eigendynamik auf den entsprechenden Plattformen entwickelt. Und wenn Nutzer eine gute Erfahrung bei einer Collaborative-Consumption-Plattform gemacht haben, werden sie erst recht darauf aus sein diese Services zu nutzen, neue auszuprobieren und diese weiterzuempfehlen. Bezogen auf die erforderliche kritische Masse an Nutzern: Glauben Sie dass dies ohne eine Art von Monopolisierung geht, wie es die Erfolgsgeschichte von Ebay zeigt? Jede Art von Plattform - vom Car-Sharing über Unterkunftsangebote bis zum Tausch von Kleidern - besitzt einen anderen Punkt, an dem eine kritische Masse erreicht wird. Während manche Unternehmen einen globalen Level einer kritischen Masse benötigen, ist der Erfolg anderer Unternehmen komplett unabhängig von der Location und dem Vernetzungseffekt, den es generiert. Zum Beispiel benötigen Angebote wie Frents lediglich eine kritische Masse an Nutzern in einem bestimmten lokalen Gebiet, um den Nutzern einen Nutzen zu bieten.Ich glaube zudem nicht, das bestimmte Unternehmen einzelne Kategorien dominieren werden, so wie Ebay, bei dem der geografische Standort weniger relevant ist. Allerdings denke ich, dass es der wundervolle Aspekt von Collaborative Consumption ist, dass er kleineren Unternehmen vor Ort Erfolgschancen bietet. Durch die Teilnahme an solchen Communities gibt man auch viele Daten von sich preis, was oft skeptisch gesehen wird. Was entgegnen Sie solchen Kritikern? Da tatsächlich viele persönliche Informationen offengelegt oder geteilt werden, wenn Menschen eine Collaborative-Consumption-Transaktion durchführen, arbeiten die Unternehmen besonders intensiv daran, die Sicherheit und Identitäten ihrer Community-Mitglieder zu schützen. Die Probleme sind bei Weitem nicht gelöst, aber es gibt eine verstärkte Aufmerksamkeit hinsichtlich der potenziellen Gefahren, die entstehen können.Darüber hinaus ist die Natur eines Tausches meist eine Online-zu-offline-Transaktion. Wenn also eine echte Identität ein wichtiger Bestandteil der Transaktion ist und Tausch von Angesicht zu Angesicht stattfindet, gibt es weniger Möglichkeiten für Identitätsbetrug und Datenklau. Der Spielraum entwickelt sich jedoch konstant weiter und es wird spannend sein zu sehen, wie die nächste Phase des Reputations-Management aussehen wird. Weitergedacht mündet Collaborative Consumption in eine schrumpfende produzierende Wirtschaft. Glauben Sie, dass dies überhaupt möglich ist? Die Veränderung hin zu Verfügbarkeit anstatt Besitz in dieser wachsenden "sharing community" wird definitiv Auswirkungen auf die weltweite Produktion haben. Während dies keine sofortige Veränderung zur Folge haben wird und auch die Produktion nicht sofort stillstehen wird, signalisiert dies jedoch wichtige Botschaften an die produzierende Industrie: Erstens weist sie auf eine Zukunft hin, in der Produkte entwickelt werden, die mit mehreren Nutzern geteilt werden, anstatt sie nur einzeln zu nutzen. Zweitens weist sie auf das Entstehen von Service-Modellen hin, bei denen Produkte gewartet, modernisiert und an einzelne Bedürfnisse angepasst werden im Unterschied zur Nutzung. Und zu guter Letzt wird die Wiederverwendung von Materialien im Zentrum einer Welt von erschöpften Ressourcen stehen, sodass die Dinge schlauer produziert werden müssen in einem Ökosystem von wiederverwertbaren Ressourcen. Fakt ist, dies muss geschehen, um auf dem Standard leben zu können, den wir haben. Es ist also keine Frage, ob sich was ändert, sondern wann. Im Unterschied zum anonymen Internet basiert Collaborative Consumption auf Reputation durch die Community, was nur funktioniert, wenn dies mit einer realen Person verknüpft ist. Glauben Sie, dass die Menschen den Wandel von der Anonymität hin zu Offenheit im Internet mitgehen? Wir sind für diesen Wandel im Internet in den letzten zwei Dekaden unmerklich vorbereitet worden und erreichen immer mehr einen Zustand, in dem unsere Online-Identitäten der unserer Offline-Identitäten entsprechen. Im Falle der Collaborative Consumption wird diese Trennline noch weiter verwischt, denn dort ist kein Raum für Diskrepanzen. Die Early Adopter sind sicherlich bereit dafür, und da immer mehr Unternehmen im Netz hinzukommen, wird man auf Dauer keine Wahl mehr haben. Die Menschen müssen bereit für Offenheit sein, wenn sie an der Entwicklung teilhaben möchten. Je mehr Offenheit und gegenseitige Transparenz herrscht, desto sicherer sind die Systeme für jeden. Warum glauben Sie, wird Collaborative Consumption mehr als nur ein Trend für Digital Natives sein, die erst mal jede neue Plattform nutzen? Die Menschen, die diese Collaborative Consumption-Ideen zuerst getestet haben, sind sicherlich junge Digital Natives, die offen für neue Ideen und Technologien sind. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass dies nicht nur ein Trend ist für diese demografische Gruppe. Weltweit zeigt sich, dass Collaborative Consumption nicht nur ein Generationenphänomen ist. Führende Unternehmen haben gezeigt, dass die Popularität generationsübergreifend ist. So liegt das Durchschnittsalter eines Gastgebers auf Airbnb bei 55 Jahren. Ähnliches zeigt sich über verschiedene Angebote hinweg. Collaborative Consumption hilft sogar dabei, Generationen in einer Weise miteinander zu verbinden, wie es bislang schwierig war, und schafft Gemeinsamkeiten und neue Räume, miteinander zu interagieren und zusammenzuwirken.

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