Interview

NSN: "Nokia Siemens Networks ist gut im Geschäft"

connect sprach mit Arne Schälicke, Global LTE Product Marketing Manager, Nokia Siemens Network, über die Postion des Infrastrukutur-Herstellers bei LTE und die möglichen Ausbaustrategien.

Arne Schälicke, Global LTE Product Marketing Manager

© NSN

Arne Schälicke, Global LTE Product Marketing Manager

Gerade sind die Netzbetreiber dabei, LTE breitflächig auszubauen. Wie gut ist sind Sie bei dem neuen Mobilfunkstandard aufgestellt?

Zur Zeit hat Nokia Siemens Networks die meisten LTE-Radio-Access-Verträge. Zu den deutschen Verträgen ist öffentlich, dass wir von der Deutschen Telekom und bei Telefonica O2 Germany als Ausrüster gewählt wurden. Doch auch sonst ist Nokia Siemens Networks auf den fortschrittlichsten LTE-Märkten gut im Geschäft. Etwa bei Telia in Schweden und Dänemark.Telia Dänemark erreichte bereits Ende 2011 75 Prozent der Bevölkerung mit LTE.

In ganz Skandinavien hat Nokia Siemens Networks eine starke Position. Bei sämtlichen drei Netzbetreibern Südkoreas sind wir genauso dabei wie bei den beiden größten Netzbetreibern Japans, bei KDDI und NTT Docomo. Letzterer hat im März 2012 zwei Millionen LTE-Teilnehmer gemeldet.

Mit 800 MHz, 1,8 GHz und 2,6 GHz haben die meisten Netzbetreiber drei Frequenzbänder zur Verfügung. Wie sieht eine sinnvolle Strategie beim Ausbau aus?

Mit 800 MHz ist es natürlich einfach ein großes Gebiet abzudecken. Doch die für den Kunden erzielbaren Datenraten korrespondieren mit den für ihn zur Verfügung stehenden Bandbreiten. Wenn sich die Menschen eines großen Gebietes einen Sendestandort teilen, kann es eng werden. Wer im Marketing auf hohe Datenraten abzielt, wird, um dies erreichen zu können, auch mit einem engeren Grid auf den höheren Frequenzen und Bandbreiten von 20 MHz arbeiten. So müssen sich weniger Nutzer die Bandbreite einer Zelle teilen.

Wie nah können die Zellen bei den einzelnen Frequenzen sinnvollerweise platziert sein, ohne dass sie sich stören?

Die Interferenzen, die bei zu nahe beieinander stehenden Zellen entstehen lassen sich über die Neigung der einzelnen Antennen minimieren. Durch den richtigen Winkel wird dafür gesorgt, dass eine Antenne möglichst wenig in das Gebiet einer anderen einstrahlt. Nokia Siemens Networks hat zudem eine Software-Lösung namens Interference Awareness entwickelt, die Nutzer, die sich im Randbereich einer Zelle befinden, auf unkritische Frequenzbereiche legt, damit sie nicht von anderen Nutzern im Randbereich einer nahgelegenen  Zelle gestört werden. Auf diese Weise können wir besonders im Upload die Datenraten um 5 bis 35 Prozent steigern.

Wie weit dürfen Standorte auseinanderrücken, ohne dass es zu Funklöchern zwischen den Zellen kommt?

Die Frage nach dem maximalen Abstand zwischen zwei Mobilfunkzellen, ist deutlich relevanter für die Netzplanung. Wenn ich am Rand einer Funkzelle oder am Übergang zur nächsten einen Abfall der zur Verfügung stehenden Datenraten tolerieren kann, sind Abstände von 10 Kilometern bei 800 MHz durchaus verkraftbar. Die Frage ist, ob am Zellrand mehrere 100 Kilobit pro Sekunde reichen oder ob es in Richtung 100 Mbit/s gehen soll. In erster Näherung kann man sagen, dass die versorgbare Fläche von Zellen bei 800MHz ungefähr doppelt so groß ist wie bei 1.8 GHz und viermal so groß wie bei 2.6 GHz.

Können die Netzbetreiber für den Ausbau mit LTE-Basisstationen überwiegend auf bereits vorhandene GSM- oder UMTS-Standorte setzen?

Da die Zellendistanz im Wesentlichen vom verwendeten Übertragungsverfahren GSM, UMTS oder LTE unabhängig ist, macht es viel Sinn vorhandene GSM-900-Standorte mit 800-MHz-LTE zu bestücken und in städtischen Gebieten die 1,8 GHz-Technik an den GSM-1800 Standorte auszurollen. Aber auch UMTS-2100-Standorte bieten sich für LTE-1800 oder LTE-2600 an.  

Jede Mobilfunkzelle kann mehrere Sektoren mit der Maximalbandbreite versorgen. Wie viele Sektoren haben Ihre Zellen maximal?

Normalerweise ist ein Mobilfunkstandort in jedem Bereich (Anm. der Red.: Etwa LTE 800, GSM 900 und UMTS 2100) mit je drei Sektoren ausgestattet, von denen jeder einen 120-Grad-Anteil rund um die Zelle überdeckt. Wir verkaufen bei UMTS aber auch 6-Sektoren-Antennen und haben bei LTE schon Feldversuche unternommen. Durch sechs Sektoren in der 60-Grad-Aufteilung gewinnt man etwa 80 Prozent Kapazität. Dafür wäre sonst fast ein neuer Mobilfunkstandort nötig. Wer weiß, wie schwer die Akquirierung neuer Standorte für die Netzbetreiber ist, sieht den Vorteil einer solchen Lösung für Orte mit erhöhtem Bandbreitenbedarf.

MIMO, also die Nutzung mehrerer Antennen in einem Band, ist eines der großen Themen bei LTE. Wie darf ich mir das auf der Mobilfunkzellenseite vorstellen? Hat eine Station unterschiedlich polarisierte oder weit auseinander liegende Antennen? Können die beiden Antennen auf der Netzseite auch von unterschiedlichen Mobilfunkstationen kommen?

MIMO wird in der Praxis über kreuzpolarisierte Antennen an den Mobilfunkstandorten erreicht. Sämtliche am Markt befindliche Antennen sind bereits dafür vorbereitet.

Mit welcher Geschwindigkeit darf sich ein LTE-Empfänger innerhalb eines gut ausgebauten Netzes bewegen, ohne dass es zu Verbindungsproblemen kommt?

Wir haben schon Tests in Hochgeschwindigkeitszügen gemacht und haben auch bei 250 bis 330 km/h Daten übertragen können. LTE ist für sich schnell bewegende Nutzer konzipiert und wird diesem Entwicklungsziel gerecht.

Wäre es ein guter Standard zur Versorgung von ICE-Strecken?

Wenn entsprechend ausgerichtete Antennen zum Einsatz kämen, auf jeden Fall. Bei der Netzplanung und Optimierung der Standorte entlang der Bahnstrecken muss das besondere Bewegungsprofil der Nutzer berücksichtigt werden, aber dann ist LTE eine ideale Technik, um Bahnreisenden das schnelle Internet zu erschließen.

Wie schätzen Sie das Potenzial ein, per Software-Defined-Radio Mobilfunkzellen zwischen unterschiedlichen Mobilfunkstandards umzuschalten? Ist zukünftig auch denkbar, dass in einem Frequenzband an verschiedenen Orten unterschiedliche Standards genutzt werden?

Unsere Basisstationen nutzen bereits heute SDR. Bei Telia in Dänemark nutzen wir beispielsweise SDR um bei 1,8 GHz sowohl LTE als auch GSM mit derselben Basisstations-Hardware gleichzeitig zu bedienen. Dabei sind Sender und Empfänger jeweils nur einmal vorhanden und arbeiten bei beiden Standards gleichzeitig. Die GSM und LTE zugewiesenen Frequenzallokationen um 1,8 GHz sind natürlich unterschiedlich, werden aber über dieselben breitbandigen Sender und Empfänger bedient.   

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