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DSL-Drosselung

Telekom: "2016 werden Sie anders urteilen"

Michael Hagspihl - Telekom Deutschland
connect sprach mit Michael Hagspihl, Geschäftsführer Marketing Telekom Deutschland, über die geplante DSL-Drosselung und hat bei der Konkurrenz nachgefragt, was sie davon hält.

Seit die Deutsche Telekom im April die neue Tarifstruktur fürs Festnetz vorgestellt hat, kocht nicht nur der Volkszorn hoch, auch die Politik wettert. Der Grund: Die Telekom willn ab 2016 das Tempo ihrer DSL-Zugänge nach Verbrauch eines bestimmten Volumens drosseln, davon ausgenommen sind privilegierte Dienste wie Telekom Entertain.

Damit folgt die Telekom der im Mobilfunk gängigen Praxis, wo die Surfpauschalen schon längst limitiert werden. Laut Telekom-Chef René Obermann ist das der einzig gangbare Weg, um die hohen Investitionen von sechs Milliarden Euro, die die Telekom in den Ausbau ihres Festnetzes stecken will, zu refinanzieren.

Telekom drosselt DSL-Zugang und will mehr Geld für Flat-Tarife

In den nächsten Jahren planen die Bonner 24 Millionen Haushalte mit bis zu 100 Megabit anzuschließen. Damit die Versorgung in der Breite besser wird, will man die Heavy User stärker zur Kasse bitten.

Investitionen müssen sich lohnen

Diese Pläne finden nicht nur Kritiker, sondern werden von Branchenkennern befürwortet: „Ohne massive zusätzliche Investitionen ist in Westeuropa das Limit der bestehenden Netze bereits in zwei Jahren erreicht. Um das allein in Deutschland anstehende Investitionsvolumen von über 30 Milliarden Euro für den Ausbau der LTE- und Glasfasernetze aus dem Cashflow finanzieren zu können, muss es den Netzbetreibern schnellstmöglich gelingen, den zunehmenden Traffic in entsprechende Umsätze zu konvertieren“, so Dr. Roman Friedrich vom Unternehmensberater Booz & Company.

Telekom DSL-Drosselung: Das müssen Sie wissen

Laut Friedrich „war die Einführung der Datenflatrate ein historischer Fehler“. Denn wenige Nutzer verursachen das Gros des Datenverkehrs – im Schnitt erzeugen fünf Prozent der Nutzer 75 Prozent des Datenvolumens eines Anbieters.

connect sprach mit mit Michael Hagspihl, Geschäftsführer Marketing Telekom Deutschland, über die Pläne zur Drosselung, warum die Telekom keine Alternative dazu sieht, und befragte die Konkurrenz, was sie von den Plänen hält.

connect: Mit Ihren Drosselplänen haben Sie sich jede Menge Ärger und Spott eingehandelt. Ein Marketingcoup war das nicht. Warum gehen Sie so restriktiv vor?

Michael Hagspihl: Einspruch, 2016 werden Sie anders urteilen. Nicht nur, weil es weiter Flatrates geben wird und wir günstige Einsteigertarife bieten werden, sondern weil wir über nötige Anpassungen früh­zeitig informiert haben. Und ja, es gibt zweifellos Kritik an unseren Plänen, und wir nehmen die Sorgen unserer Kunden sehr ernst.

Deshalb haben wir ja schon heute unsere künftigen Tarife verbessert: Ab 2016 werden wir die Surfgeschwindigkeit nach Aufbrauchen des Inklusivvolumens auf 2 Mbit pro Sekunde reduzieren statt auf 384 Kbit – das entspricht einer Verfünffachung. Klar ist aber auch: Wir werden unsere Tarife differenzieren müssen, sodass wir unsere Netzinves­titionen auch in Zukunft zurückverdienen können.

Es stehen gewaltige Investitionen an, damit immer mehr Menschen immer schnellere Internetanschlüsse nutzen können. Die Telekom will dafür in den kommenden Jahren
sechs Milliarden Euro allein ins Festnetz investieren – mehr als jedes andere Unternehmen.

Das sagt die Konkurrenz zur DSL-Drosselung

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Robert Hoffmann - 1&1 Internet AG © 1&1 Internet AG

Robert Hoffmann, Vorstandssprecher 1&1 Internet AG „Uns sind insbesondere zwei Aspekte wichtig: Die Entscheidungsfreiheit unserer Kunden und das klare Bekenntnis zur Netzneutralität. Wir möchten beim Datenverkehr nicht zwischen eigenen und fremden Diens­ten unterscheiden.“

connect: Rechnen Sie nicht mit einem gewaltigen Kundenschwund?

Michael Hagspihl: Bisher sehen wir das nicht. Wir reden hier über Maßnahmen, die effektiv erst ab 2016 greifen sollen. Zudem haben wir bereits mehrfach erklärt, dass sowohl die reduzierte Geschwindigkeit als auch die Inklusivvolumina dynamische Werte sind, die sich an den Markterfordernissen orientieren.

Wir beobachten die Entwicklung der Durchschnittswerte bis zur tatsächlichen Einführung sehr genau. Die allermeisten Kunden werden von den Maßnahmen also nichts merken. Wir finden es allerdings gerecht, dass die Kunden, die das Netz besonders intensiv nutzen, in Zukunft einen größeren Kostenanteil tragen. Aber auch hier gilt: Wir werden allen Kundengruppen weiterhin attraktive Angebote machen.

Die Anbieter im Vergleich

connect: Wie wollen Sie künftig Kunden gewinnen, wenn die gleich an die drohende Beschränkung denken?

Michael Hagspihl: Es geht uns derzeit vor allem darum, unsere Kunden darüber aufzuklären, was wir tatsächlich tun wollen. Die Debatte wird momentan sehr emotional geführt und einige Teilnehmer haben ein großes Interesse daran, sie weiter zuzuspitzen. Tatsache ist: Kein Unternehmen investiert so viel wie die Telekom ins schnelle Netz.

Und wir werden unseren Kunden auch in Zukunft die bes­ten Angebote machen. Sicher nicht die billigsten. Aber die bes­ten – das zeigen ja unter anderem auch Ihre Netztests. In der Kommunikation werden wir unsere Vorteile – bestes Netz, innovative Dienste und vertrauenswürdiger Anbieter – weiter nach vorne rücken. Ich bin überzeugt, dass unsere Kunden das honorieren. 

connect: Wie wird sich der Breitbandmarkt in naher Zukunft entwickeln? Glauben Sie, dass die Konkurrenz Ihrem Beispiel folgt?

Michael Hagspihl: Ich will nicht darüber spekulieren, wie sich unsere Wettbewerber verhalten. Allerdings haben einige Wettbewerber bereits vor uns Volumentarife eingeführt. Das ist auch nicht verwunderlich, da sie vor der gleichen Heraus­forderung stehen wie wir: In sechs Jahren sind die Umsätze der Telekommunikationsbranche um neun Milliarden auf 58 Milliarden Euro geschrumpft.

Gleichzeitig stehen weitere Milliarden­investitionen in neue Breitbandnetze an, weil der Internetverkehr explodiert. Die sinkenden Umsätze passen nicht zu mehr Investitionen. Die Netzaktivisten sind zwar sehr laut in der Vertretung ihrer Interessen. Wir müssen aber auch die Interessen des Großteils unserer Kunden im Blick behalten. Und das sind schnellere
Internetanschlüsse auch in den ländlichen Gebieten. Dieser Ausbau muss finanziert werden.

connect: Wie sieht es mit dem Plan aus, dass sich beliebte Webservices wie Googles mannigfaltige Diens­te, Spotify oder andere an den Infrastrukturkosten beteiligen?

Michael Hagspihl: Die Inhalteanbieter profitieren von den Hochleistungsnetzen, über die sie ihre Dienste ja erst zum Kunden bringen. Sie werden eher dazu bereit sein, sich an den Infrastrukturkosten zu beteiligen, wenn wir ihnen dafür mehr Service bieten. Deshalb wollen wir ihnen anbieten, empfindliche Dienste wie Videokonferenzen, Online-Gaming oder Telemedizin in einer höheren und gesicherten Qualität zu produzieren.

Das ist die Idee von Managed Services, die ja auch den Erwartungen der Kunden entspricht: Wenn ich einen Online-Gaming-Dienst bezahle, will ich, dass er sicher funktioniert. Managed Services gehen zudem nicht zu Lasten des normalen Internets, im Gegenteil: Das profitiert, wenn wir die Managed Services aus dem normalen Internetverkehr herausnehmen und zusätzliche Kapazitäten schaffen.

Eine weitere Spur auf der Datenautobahn, wenn Sie so wollen. Und es ist nicht so, dass sich nur große Anbieter Managed Services leisten könnten. Das Geschäftsmodell sieht vor, dass die Inhalteanbieter uns an ihren Umsätzen beteiligen. Wir sehen uns als jemand, der innovative Geschäftsmodelle im Internet ermöglicht – und wir wollen damit möglichst viele Newcomer an den Start bringen.

connect: Wie beurteilen Sie die Einwände von Wirtschaftsminister Rösler?

Michael Hagspihl: Uns geht es um die Zukunft des Internets: Wollen wir, dass sich das Netz weiterentwickeln kann oder sollen Innovationen durch Gleichmacherei von Diensten verhindert werden?

Bekommen Netzbetreiber durch neue Geschäftsmodelle die Chance, das schnelle Internet auch in ländlichen Gebieten auszubauen oder nehmen wir in Kauf, dass sich die digitale Spaltung der Gesellschaft vertieft?

Diese Fragen müssen wir beantworten, bevor wir durch Gesetze oder Verordnungen in die Erfolgsgeschichte des freien Internets eingreifen.

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