Musik-Streaming

Apple Music ist da - der erste Eindruck

Mit Apple Music stellt Apple nicht nur seinen eigenen Streaming-Dienst vor. Für Musikfans mit Apple-Geräten bleibt kein Stein auf dem anderen. Wir zeigen, wie das überarbeitete Musik-Programm von Apple aussieht und welche Stärken und Schwächen das neue Angebot aufweist.

Screenshot: www.apple.com/music

© Apple

Screenshot: www.apple.com/music

Mit dem neuen Streaming-Dienst Apple Music mieten Sie einen Zugriff auf 30 Millionen Musiktitel. Das Angebot ist umfassend und reicht von Oldies und Klassik über Classic Rock, RnB und Pop bis hin zu aktuellem Deutsch-Rap. Prinzipiell erfordert der Musikgenuss eine Online-Verbindung. Sie können die Lieder aber auch offline speichern, um die Internet-Verbindung zu entlasten.

Nach Ablauf einer 3-monatigen Probezeit kostet Apple Music knapp 10 Euro im Monat. Familien mit bis zu sechs Mitgliedern kommen mit monatlich 15 Euro günstig davon.

Für Apple Music benötigen Sie einen Mac oder Windows-PC mit dem zeitgleich veröffentlichten iTunes 12.2 oder neuer. Außerdem funktioniert der Streaming-Dienst auf Apples Mobilgeräten wie iPhone und iPad, sofern diese mit iOS 8.4 oder neuer laufen. Für den Herbst 2015 hat Apple ein Update für Apple TV und eine Android-App für Apple Music angekündigt.

Für Apple - und deshalb auch für Apple-Kunden - bedeutet Music einen Zeitenwechsel. Bislang setzten die Kalifornier alles auf den Verkauf von Musik und sträubten sich gegen deren Vermietung per Streaming. Umso mehr überrascht uns die Konsequenz, mit der Apple seinen Musik-Kosmos jetzt umbaut.

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Apple Music, Beats 1 und mehr

Apple hat seinen neuen Musikstreaming-Dienst Apple Music gestartet. Der Radiosender Beats 1 ist Teil der Musik-Offensive. So sieht das Angebot auf…

Empfehlung des Hauses

Apple Music bietet rund 30 Millionen Songs an und liegt damit auf ziemlich genau demselben Niveau wie Marktführer Spotify. Theoretisch hätte Apple noch mehr zu bieten, umfasst der iTunes Music Store doch sogar 43 Millionen Titel. Doch nicht jeder Künstler spielt beim Streaming mit. Das prominenteste Beispiel sind wohl die Beatles, deren Alben zwar via iTunes verkauft, aber nicht gestreamed werden dürfen.

Letztlich kommt es aber nicht nur darauf an, dass möglichst viele Lieblings-Bands an Bord sind. Wer sich einer Auswahl von 30 Millionen Songs gegenübergestellt sieht, der braucht Hilfe dabei, sie zu erforschen. Genau in dieser Disziplin bietet Apple Music die nach unserer Ansicht bislang mit Abstand besten Werkzeuge. Der Dienst empfiehlt neue Musik auf Basis des persönlichen Musikgeschmacks und bringt auf diese Weise jede Menge Abwechslung ins musikalische Leben.

Was Apple zu einer Besonderheit macht ist, dass sich die Kalifornier bei der Zusammenstellung ihrer Playlists nicht auf Algorithmen verlassen, sondern auf Menschen. Über 300 Redakteure stellen Vorschläge zusammen. Teilweise sind sie bei Apple fest angestellt, teilweise handelt es sich um Musikexperten, zum Beispiel vom Rolling Stone Magazine. Das Konzept hat Apple von Beats Music übernommen, dem zuvor nur in den USA erhältlichen Streaming-Dienst, den man im Vorjahr mit Beats Audio eingekauft hatte.

Die "Handarbeit" verleiht der Musikauswahl eine menschliche Note, die keine Automatik liefern könnte. Playlists wie "Van Halen - The Sammy Hagar Years", "Inspiriert von Thin Lizzy" oder "Korn für Kenner" machen Lust darauf, neues zu entdecken. Solche Zusammenstellungen erscheinen automatisch in der Rubrik "Für Dich". Grundlage dafür ist eine kurze Befragung zum Musikgeschmack im Rahmen des Abschlusses des Probe-Abonnements.

Dabei wählen Sie nach dem Start von Apple Music zuerst Ihre Lieblings-Musikkategorien aus. Anschließend schlägt iTunes Künstler vor, die Sie mögen, sehr mögen oder wegklicken können. Später verfeinert Apple die Vorschläge anhand Ihres Feedbacks. Dazu klicken Sie einfach auf das Herz-Symbol, das neuerdings bei der Wiedergabe eines Songs in iTunes erscheint. So lassen Sie Apple wissen, wenn Ihnen ein Lied besonders gut gefallen hat. Das Herz ergänzt die gewohnten Stern-Bewertungen, die weiterhin zur Verfügung stehen.

iTunes-Screenshot: Einstellungen Apple Music

© Apple

Als äußerst gelungen erachten wir auch die Hinweise auf "ähnliche Künstler", die Apple Music auf den Seiten der einzelnen Bands gibt. So gelangen Sie zum Beispiel von Alicia Keys auch zu Mary J. Blige und Usher. Zusätzlich zeigt Music Künstler an, die den gerade gespielten Künstler beeinflusst haben. So sind genügend Verknüpfungen entstanden, mit deren Hilfe sich stundenlang stöbern und reinhören lässt.

Darüber hinaus lädt die Rubrik "Neu" zum Stöbern ein. Hier können Sie sich einfach über das aktuelle Musikgeschehen auf dem Laufenden halten. Ein bisschen wirkt "Neu" aber auch wie das Sammelbecken für alles, was sonst keinen Platz in Apple Music fand. Hier gibt es nämlich auch "Playlists fürs Workout" (zum Beispiel "Ab Indie Joggingschuhe" und "Deutschrap zum Pumpen") und vieles mehr. Für manche Lieder liefert Apple auch direkt das Musikvideo mit - schick.

Integration in die Mediathek

Apple hat auf Anhieb geschafft, was dem Hauptkonkurrenten Spotify bislang nicht glückte: Vermietete Songs und die vorhandene Audiosammlung werden nahtlos miteinander verheiratet und stehen dank der Online-Festplatte iCloud via Internet überall zur Verfügung. Theoretisch. Praktisch ist die Funktion in der vorliegenden Form nach unserer Meinung eine große Katastrophe.

Sobald Sie Apple Music abonnieren, kopiert iTunes Ihre Musiksammlung in die iCloud Music Library. Anschließend können Sie der Mediathek auch Ihre Lieblingsmusik aus Apple Music hinzufügen. Auf diese nun cloud-basierte Sammlung greifen Sie via Internet mit Ihren Apple-Geräten zu. Eigene und gemietete Songs werden gleichwertig behandelt, lassen sich also zum Beispiel auch in Wiedergabelisten miteinander kombinieren. Änderungen an Metadaten und Bewertungen synchronisiert Apple via Cloud. Sie können Kopien für den Offline-Gebrauch abspeichern, wobei gemietete Titel mit einem Kopierschutz ausgestattet werden.

Die Synchronisation von Musik zwischen iTunes und iPhone beziehungsweise iPad entfällt. Kündigen Sie Apple Music, verschwinden die gemieteten Titel wieder aus Ihrer Sammlung und die iCloud Music Library wird abgeschaltet.

Um die Musik in die iCloud zu kopieren gleicht iTunes einen digitalen Fingerabdruck jedes Titels mit dem Katalog des iTunes Music Store ab. Wird das Lied dabei wiedererkannt, speichert Apple sofort eine Kopie (AAC mit 256 kbit/s) in der Cloud. Nur nicht erkannte Songs müssen tatsächlich hochgeladen werden. Bis zu 25.000 Titel lassen sich auf diese Weise bei Apple speichern. Mit Erscheinen von iOS 9 im Herbst 2015 will Apple dieses Limit auf 100.000 Titel anheben. Der notwendige iCloud-Speicherplatz ist im Preis von Apple Music enthalten.

iPhone-Screenshot: Apple Music Connect

© Apple

Das gute Konzept bringt in der Praxis viele Probleme mit sich. Besonders ärgerlich daran: Die meisten sind seit langem bekannt. Um das zu verstehen muss man sich in Erinnerung rufen, dass Apple mit iTunes Match schon seit 2013 eine der neuen iCloud-Funktion äußerst ähnliche Funktion anbietet. Sie synchronisiert aber nur die eigenen Songs mit der Cloud und ist mit einem Jahrespreis von 25 Euro entsprechend günstiger. Schon Match war dafür berüchtigt, dass der Lied-Erkennung zuweilen Details entgehen, wodurch die falsche Kopie in der Cloud landet. Ein Beispiel dafür ist der Unterschied zwischen dem Originaltitel mit nicht jugendfreiem Text und der gepiepten Radio-Version. Ein anderes sind Klangunterschiede zwischen verschiedenen Auflagen desselben Albums.

Der iCloud-Sync leidet unter den selben Krankheiten wie der Abgleich von iTunes Match. Zusätzlich gibt es neue Probleme. Das gravierendste dürfte sein, dass gematchte Dateien beim Download aus iCloud mit einem Kopierschutz versehen werden. Wer seine Dateien also nach dem Upload löscht und später wieder herunterlädt, kann sie nur noch mit einem Apple-Music-Abo abspielen. Das gilt nicht für Dateien, die komplett hochgeladen wurden, weil Apple sie nicht erkannt hat.

Außerdem ersetzte iCloud in unserem Test ungefragt Alben-Cover. Während der Synchronisation blieb iTunes zuweilen minutenlang hängen und schien abgestürzt. Lieder erhielten nicht nachvollziehbare Übertragungsstatus. "Gefunden" und "Übertragen" scheinen sinnvoll, der Status "Apple Music" für unsere eigene Musik hingegen nicht. Apples Support-Seiten schweigen sich dazu bislang aus. Der von Match gewohnte Überblick über den Synchronisationsfortschritt fehlt der iCloud-Synchronisation ebenfalls.

Sie können die iCloud Music Library in den iTunes-Einstellungen abschalten, verzichten dann aber auch auf die Integration von Apple Music in Ihre Mediathek. Wenn Sie Ihre Musiksammlung über Jahre sorgfältig gepflegt haben, raten wir Ihnen trotzdem dringend dazu. Dasselbe gilt für Match-Kunden, die jetzt zusätzlich Apple Music abonnieren. Mindestens sollten Sie über ein Backup Ihrer iTunes-Mediathek verfügen, so dass Sie bei Problemen zum Ausgangszustand zurückkehren können.

Apple macht Radio

Neben den Empfehlungsfunktionen hat Apple eine Reihe weiterer Features entwickelt, die Music zu etwas besonderem werden lassen. Prominentestes Beispiel dürfte beats 1 sein, Apples globaler Radiosender, der stündlich wechselnd aus L.A., New York und London sendet.

Moderiert wird der werbefreie Sender von (im englischen Sprachraum) bekannten DJs. Anders als der UKW-Dudelfunk soll beats 1 nicht einfach die Top 40 rauf und runter spielen, sondern vom Geschmack und der Erfahrung der DJs profitieren - was noch nicht durchweg funktionieren will, wie wir am ersten Sendetag feststellen mussten.

Außerdem will Apple die über Jahrzehnte gewachsenen Beziehungen zur Musikindustrie spielen lassen, um das Programm mit prominenten Live-Gästen aufzupeppen. Zum Sendestart lief so zum Beispiel Eminem für ein Interview auf.

Der Sender lässt sich übrigens auch ohne Apple Music Abo abspielen. Das gilt nicht für die anderen neuen Radiosender, die thematisch ausgerichtet sind ("Alternative", "Pop" etc.).

iPhone-Screenshot: Beats 1 Radio

© Archiv

Gut vernetzt?

Gespannt sind wir darauf, wie sich Connect entwickelt, Apples zweiter Anlauf, ein soziales Netzwerk in iTunes zu etablieren. Anders als das vor Jahren gescheiterte Ping ist Connect eine Mischung aus Facebook und SoundCloud. Sie können Künstlern folgen und werden von diesen mit Infos, Bildern, Videos und natürlich Musik gefüttert.

Die Musiker können einzelne Songs oder ganze Alben gratis herausrücken - wie es ihnen gefällt. Explizit will Apple damit auch für Bands eine Bühne schaffen, die bislang bei keinem Label unter Vertrag stehen.

Fazit

Apple hat aus dem Stand den Hauptkonkurrenten für Spotify erschaffen. Das gilt hinsichtlich des Musikkatalogs und des Preis-/Leistungsverhältnisses genauso wie bezüglich der tollen Empfehlungsfunktionen. Klar ist aber auch, dass Apple Music nicht fertig ist. Die schlüssig konzipierte Integration von vorhandener Musiksammlung und gemieteter Musik hat Apple sehr schlampig umgesetzt.

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Apple-Betriebssystem und Musik-Streaming

Außerdem leidet der Dienst unter Kinderkrankheiten. Die "Aktuellen Hits" in iTunes muss man derzeit noch einzeln anklicken, weil die Wiedergabe nach jedem Song endet. Die iOS-App ist da schon weiter und spielt die Liste ohne Unterbrechung ab.

Beats 1 Radio ist zum Start mehrfach komplett ausgefallen, hat sich dann aber berappelt. Eine ganze Reihe von Anwendern kämpfte damit, dass sich die iCloud Music Library nicht aktivieren ließ - nach unserem Eindruck waren Apples Server überlastet.

Unter iOS 8.4 können Nutzer nicht mehr auf die Privatfreigabe zugreifen, fraglich, ob sie zurückkommt. Und Musik-Nerds dürften ein Tastenkürzel für die Favoriten-Funktion vermissen.

Apple muss diese Problem in den Griff bekommen. Dann bleibt auch Raum für weitere Verbesserungen. Schon angekündigt ist die Integration von Liedtexten, die voraussichtlich später im Jahr 2015 erfolgt. Darüber hinaus zeigt ein Blick in die US-amerikanischen Nutzungsbedingungen, dass Apple an einer Kooperation mit Mobilfunkanbietern arbeitet. Gut möglich, dass der von Apple Music verursachte Datentransfer dann nicht mehr auf das Mobilfunkguthaben durchschlägt, so wie das heute schon bei Spotify und der Deutschen Telekom der Fall ist.

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