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E-Health: Mit Technologie die Gesundheitskosten senken

Auf Herz und Nieren: Der Einsatz von elektronischen Geräten im Gesundheitswesen ist ein Milliardenmarkt. Dabei soll intelligente Technik helfen, die Gesundheitskosten sogar zu senken.

Oximeter am Handgelenk

© Archiv

Oximeter am Handgelenk

Elektronische Lösungen im Gesundheitsbereich, kurz E-Health, profitieren vom rasanten Marktwachstum. Gleichzeitig versprechen sich die Beteiligten mit Blick auf das gesamte Gesundheitswesen deutliche Kostensenkungen. 

Potenzial durch den Sparzwang

Laut OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) geben die europäischen Volkswirtschaften rund zehn Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus. 

In Deutschland sind es sogar bereits über zwölf Prozent. "Durch das steigende Gesundheitsinteresse, den technischen Fortschritt und die Alterung wird dieser Anteil bis 2020 nach unseren Berechnungen auf rund 16 Prozent steigen", so Dr. Joachim Kartte, Leiter des Kompetenzzentrums Pharma & Healthcare beim Marktforschungsunternehmen Roland Berger. "Die Branche wird vermehrt Informations- und Kommunikationstechnologie einsetzen müssen, um bei gleich bleibenden Budgets immer mehr alte Menschen versorgen zu können."

In diesem Spannungsfeld agieren die Anbieter entsprechender Lösungen - neben den Herstellern von E-Health-Hardware und -Systemen nicht zuletzt auch die Telekommunikationsbranche. Denn auch sie sucht dringend neue Geschäftsfelder, um weiter wachsen zu können. Im Bereich E-Health hat sie einen solchen Wachstumsmarkt identifiziert.

Spezielle Lösungen für E-Health

Bei der Diskussion um diese Märkte und Lösungen ist es allerdings wichtig, sich zunächst auf eindeutige Begriffe zu einigen. Nach gängiger Definition umfasst E-Health alle Anwendungen von elektronischer Technik im Gesundheitsbereich. Mobile Health oder M-Health ist eine Untermenge, bei der der Einsatz mobiler Geräte im Gesundheitssektor im Fokus steht. 

Und Telemedizin bezeichnet den Einsatz von Telekommunikationsdiensten in Bereichen wie Diagnostik und Monitoring von Patienten - bis hin zur Durchführung von Operationen "per Fernsteuerung". Selbstverständlich ist der Alltag in Praxen und Kliniken schon heute längst von Hightech geprägt. 

Auch wenn in diesem Bereich hin und wieder Consumer-Technik wie Tablets oder stationäre PCs zum Einsatz kommt, wurden viele der dort genutzten Geräte eigens für den Medizinmarkt entwickelt. Für Röntgensysteme, Kernspintomographen oder EKGs trifft dies sowieso zu - aber zum Beispiel auch für Handhelds wie den Motorola MC75A0HC. Der ist mit Windows Mobile 6.5  und der Steuerung über eine Minitastatur im Vergleich zu iPad und Co vielleicht nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit. 

Doch sein eingebauter Barcode-Scanner ist in Zusammenarbeit mit spezialisierten Apps eigens für den Klinikeinsatz (etwa zur Erfassung verabreichter Medikamente) ausgelegt. Zudem besitzt er eine spezielle Oberfläche, die auch durch aggressive Desinfektionsmittel nicht angegriffen wird. Ein wichtiger Aspekt, wenn es darum geht, nach einer Konsultation oder Visite etwaige Keime abzutöten.

Perspektivisch haben E-Health, M-Health und Telemedizin aber vor allem zum Ziel, die Erfassung und Überwachung von Gesundheitsdaten aus den Arztpraxen und Krankenhäusern nach Hause zu verlagern. Dieses Marktsegment steckt noch in den Kinderschuhen, doch schon heute gibt es erste entsprechende Lösungen - etwa Notrufsysteme für Ältere, die neben der Sprachkommunikation in Zusammenarbeit mit entsprechenden Sensoren auch Vitaldaten wie Puls und Blutdruck überwachen und per Telekommunikation zu einem Zentralrechner schicken können. Der schlägt beim zuständigen Arzt Alarm, sobald die Werte einen Normkorridor verlassen und somit auf medizinische Probleme hindeuten.

Arzthelfer in der Cloud

Ohnehin setzen viele E-Health-Lösungen ähnlich wie in anderen Branchen auf Intelligenz in der Cloud. Dabei müssen die vor Ort beim Patienten eingesetzten Systeme nicht einmal besonders spezialisiert sein. Einige Anbieter von Seniorentelefonen experimentieren zur Zeit etwa mit der Auswertung von Bewegungsprofilen innerhalb der Wohnung. 

Auf Endgeräteseite benötigen solche Konzepte nur die in modernen Smartphones schon ab Werk eingebauten Sensoren wie GPS, Lagesensor oder Kompass. Der wissenschaftliche Hintergrund: Sinkt die durchschnittliche Aktivität eines älteren Menschen über mehrere Wochen signifikant - sitzt er also über viele Stunden des Tages nur noch auf dem Sofa, obwohl dies einige Monate vorher noch anders war -, kann dies ein Indiz für entstehende Krankheitsbilder sein. 

Ein entsprechender Clouddienst kann dann dem Patienten oder seinem betreuenden Arzt empfehlen, die Hintergründe durch eine genauere Untersuchung abzuklären. Ein anderes Beispiel für die sinnvolle Verknüpfung von zu Hause oder unterwegs erhobenen Gesundheitsdaten mit der Cloud sind die verschiedenen, schon heute auf dem Markt angebotenen Lösungen für digitale Diabetiker-Tagebücher

Um Diabetes-Patienten "einzustellen" - sie also zu trainieren, dass sie sich je nach verzehrter Nahrung die richtige Menge Insulin selbst spritzen können, brauchen die Ärzte eine möglichst lückenlose Dokumentation der Blutzuckerwerte vor und nach den verschiedenen Mahlzeiten über mehrere Wochen. Dass die Patienten manuelle Eintragungen in solche Tagebücher im Alltag öfter vergessen, überrascht nicht. 

Entsprechende M-Health-Lösungen übertragen die erfassten Messwerte deshalb übers Internet verschlüsselt auf spezialisierte Server, wo sie der betreuende Arzt jederzeit einsehen kann - nach vorheriger Einwilligung des Patienten. Neben der Verbesserung der Datenbasis liegt ein weiterer großer Vorteil darin, dass der Patient für einen Zwischencheck nicht einmal in die Praxis kommen muss.

Im Bereich Telemedizin gibt es also viele clevere Lösungen, die schon weit vor dem Pflegeroboter aus dem Science-Fiction-Film ansetzen. Wobei die E-Health-Branche natürlich auch an solchen Lösungen forscht, und insbesondere asiatische Anbieter dabei schon überraschend weit sind. 

Die Akzeptanz solcher Lösungen bei den Patienten steht auf einem anderen Blatt. Klar ist aber, dass eine immer weiter alternde Gesellschaft ohne teilautomatisierte Pflege und Versorgung kaum auskommen wird. Die Herausforderung besteht darin, dabei die menschliche Ansprache nicht zu kurz kommen zu lassen - und sei es auch nur ein Videotelefonat mit dem Arzt.

In der folgenden Galerie zeigen wir Ihnen professionelle E-Health-Produkte, aber auch praktisches Zubehör, mit dem Sie selbst Ihre Gesundheit im Blick behalten können.

Bildergalerie

Medisana Vitadock Thermodock
Galerie
Zubehör

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Zwischen Lifestyle und Medizin

Insbesondere die zunehmend angebotenen M-Health-Zusatzgeräte für Smartphones sind jedoch nicht alle dafür ausgelegt, medizinische Daten von Kranken übers Internet an deren Ärzte zu übertragen. Viele Lösungen dienen auch einfach nur dazu, die erfassten Werte selbst über einen längeren Zeitraum beobachten zu können. 

Dies beginnt schon mit elektronischen Waagen oder Fitnesssystemen wie den in der Galerie gezeigten Brustgurt zur Jogger-App "Runtastic". Solche Produkte sind häufig eher im Lifestyle- und Fitnessbereich angesiedelt. Wobei es ambitioniertes Sporttraining durchaus unterstützen kann, wenn sich die Steigerung der eigenen Leistung und Kondition über einen längeren Zeitraum am Bildschirm nachvollziehen lässt. 

Oder wenn eine elektronische Waage dem Abnehmwilligen seinen Gewichtsverlauf über einige Monate aufschlüsselt. Vergleichbare Lösungen gibt es auch zur Erfassung von Puls und Blutdruck, Körpertemperatur und ähnlichen Werten. Manche ihrer Aufzeichnungen können sich im Rahmen eines Check-ups oder für die Konsultation beim Hausarzt als durchaus nützlich erweisen - vorausgesetzt, die in derartigen Medizin-Gadgets verwendeten Sensoren arbeiten exakt genug, und der Nutzer wendet sie korrekt an.

Smartphones als mobile Labore?

Gern und häufig wird darüber spekuliert, dass Smartphones in einigen Jahren permanent die Vitaldaten ihrer Benutzer überwachen könnten. Für spezialisierte Geräte wie Seniorenhandys oder ein spezielles M-Health-Handy wäre dies durchaus vorstellbar. Ob solche Anwendungen im Massenmarkt eine größere Rolle spielen werden, ist allerdings fraglich. 

Denn sollen Sensoren für Puls, Blutdruck oder Körpertemperatur exakt arbeiten, brauchen sie direkten Haut- beziehungsweise Körperkontakt. Ein in der Tasche getragenes Smartphone könnte solche Werte mit der heute verfügbaren Technik nur extrem ungenau erfassen. Hinzu kommt, dass entsprechende Sensoren bis auf Weiteres zu groß und zu teuer sind, um als Standardausrüstung in die Seriengeräte zu gelangen. 

IEEE-Protokolle

© IEEE

Wahrscheinlicher ist eine andere Entwicklung: Vitalsensoren werden eigenständige Geräte sein - so könnte etwa eine Armbanduhr, ein Fitnessarmband oder ein Schmuckstück recht zuverlässig Puls, Blutdruck und Körpertemperatur erfassen. Wo aus medizinischen Gründen die Überwachung anderer Faktoren wie Blutzucker oder Cholesterin ratsam erscheint, lassen sich die allgemeinen Sensoren durch spezialisierte Komponenten ergänzen - wie etwa EKGs oder Systeme, die im Schlaf die Atmung oder andere Vitaldaten überwachen (siehe auch Schaubild rechts oben). In einigen Jahren könnten sogar unter der Haut implantierte Sensoren direkt und in Echtzeit das Blut eines Patienten analysieren. 

Ein solches Minilabor mit Bluetooth-Anbindung haben Schweizer Forscher erst vor wenigen Wochen in Lausanne vorgestellt; in etwa drei Jahren könnte es marktreif sein. Die ermittelten Werte werden per Kurzstreckenfunk an das Smartphone übertragen. Und dessen Rechenpower übernimmt dann die Auswertung und Speicherung der Sensordaten. 

Geht der Blutzucker eines Diabetikers in den Keller oder ermittelt der Sensor einen kritischen Anstieg anderer Kenngrößen, würde die vernetzte App ihren Besitzer umgehend warnen. Zudem kann das Mobiltelefon dank permanenter Internetanbindung in entsprechenden Anwendungen die erfassten Daten auch in die zuständigen Clouddatenbanken eintragen.

IEEE-Standards für E-Health

In exakt diese Richtung gehen die Aktivitäten des in der Standardisierung für die Telekommunikation und andere Bereiche aktiven "Institute of Electrical and Electronics Engineers" IEEE. Mit der Standardfamilie IEEE 11073 hat das Gremium bereits die Grundlagen für die Vernetzung medizinischer Sensoren mit Gateways wie Smartphones oder stationären Routern und Set-Top-Boxen gelegt. 

E-Health-Konzept der IEEE

© IEEE

Sie definieren vor allem die Formate und Strukturen der erfassten Daten sowie nicht zuletzt deren Absicherung gegen Zugriff oder Mithören durch Unberechtigte. Den reinen Datentransport übernehmen dann Verfahren, die für connect-Leser längst alte Bekannte sind: Bluetooth, NFC, Zigbee oder bei Kabelverbindungen auch USB oder Ethernet.

So lassen sich je nach Anwendungsfall die benötigten Sensoren oder Spezialgeräte untereinander sowie mit dafür ausgelegten Zentralgeräten verrnetzen. Die dann noch erforderliche Protokollunterstützung kann ein Handy oder Router allein per Software lernen. Wenn auf diese Weise Geräte und Komponenten unterschiedlicher Hersteller zusammenarbeiten und sich ergänzen, werden in der Folge die Preise sinken - da ist sich E-Health-Experte und IEEE-Mitglied Dr. Malcolm Clarke sicher.

Genau darauf konzentrieren sich die Hoffnungen und Konzepte aller Beteiligten: Wie schon eingangs beschrieben, soll es E-Health möglich machen, bei wachsenden Fall- und Patientenzahlen die Qualität der medizinischen Vorsorge und Versorgung zu verbessern. 

Um eine Explosion der Gesundheitskosten zu vermeiden, sollen dabei gleichzeitig die Preise pro Fall sinken. Wenn dies gelingt und wir alle durch den Einsatz solcher Lösungen ein wenig gesünder leben, wäre viel erreicht. 

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