30 Jahre AUDIO

Ein Plattenspieler extra für AUDIO: der PS-1

Die AUDIO-Redakteure wollten schon immer einen eigenen Plattenspieler konstruieren. Zum Jubiläum hat Clearaudio ihn gebaut.

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Wie wär's denn mit einem Jubiläums-Plattenspieler für AUDIO? Peter Suchy machte der Redaktion vor einigen Monaten ein verlockendes Angebot: eine Maßanfertigung, ganz nach dem Geschmack der Tester, alles sei erlaubt. Das hatte was. Schließlich wurden AUDIO und Suchys Firma Clearaudio nahezu zeitgleich gegründet, und zwar ausgerechnet in den ausgehenden 70er Jahren, als sich die analoge Ära schon ganz subtil dem Ende zuneigte. Zehn Jahre später wurde die LP formal für tot erklärt, nach weiteren zehn Jahren die Wiederauferstehung gefeiert und abermals eine Dekade darauf ... führt der 100-prozentige "Analogo" Suchy eines der erfolgreichsten deutschen HiFi-Unternehmen, produziert mit der Deutsche-Grammophon-Legende Heinz Wildhagen nebenbei munter neue LPs und kann sich vor Plattenspieler-Aufträgen kaum retten.

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AUDIO wünschte sich einen "richtigen, altmodischen Plattenspieler" - und bekam ihm.

Viele Köche ...

Es dürfte dem Clearaudio-Gründer und seinen Mitstreitern, allen voran den Jung-Suchys Veronika, Patrick und Robert, also kaum langweilig gewesen sein, auch ohne die Einladung an die AUDIO-Mannschaft, konstruktiv tätig zu werden. In der Stuttgarter Redaktion wurden derweil eifrig Wunschzettel geschrieben, Zeichnungen improvisiert und Prioritätenlisten diskutiert. Schließlich wollte jeder analog-affine Redakteur dem Spieler genau "sein" Killer-Feature verpassen - das natürlich den fränkischen, teils aber auch sämtlichen anderen Spielern des Weltmarkts mysteriöserweise bislang gefehlt hatte ...

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Der MC-Tonabnehmer basiert auf Denon-Technik, passt perfekt zum 12-Zoll-Arm und sitzt in einem bezaubernden Ebenholz-Gehäuse.

Zugegeben, die Wunschliste wurde lang, unbescheiden, und sie war auch insofern etwas gemein, als viele Punkte eklatant der bisherigen Clearaudio-Praxis widersprachen: Eine geschlossene Zarge musste der Spieler haben, aus Holz statt Acryl. Ein verdeckt montierter Motor war Pflicht, bitte schön mit elektronischer Drehzahlwahl und möglichst kräftigem Drehmoment. Der Teller sollte zweiteilig sein, am liebsten ein Sandwich aus Edelstahl-Antriebsteller und aufgesetzter Acryl-Torte. Für endgültiges Entsetzen dürfte der Wunsch nach einem klassischen Dreipunkt-Subchassis gesorgt haben - man hätte genauso gut bei Porsche einen 911 mit Frontantrieb bestellen können.Hinzu kamen zahllose Kleinigkeiten, nach dem Motto "Wenn man schon mal die Gelegenheit hat". Für den Autor war beispielsweise entscheidend, dass der Teller einen schnell einwechselbaren Alternativ-Mitteldorn mit Untermaß bekam.

Schluss mit dem Eiern!

Nur so würden sich die zahllosen exzentrisch gepressten LPs (die zumindest in der Rietschel-Sammlung eindeutig in der Mehrheit sind) endlich per Handzentrierung von ihren sonst unvermeidlichen Tonhöhenschwankungen erlösen lassen. Schon ein Zentrierfehler von 1,5 mm erzeugt Gleichlaufschwankungen, die um Größenordnungen über denen selbst durchschnittlicher Plattenspieler liegen.Schwer verständlich, warum nur zwei Spieler in der gesamten LP-Geschichte hierfür eine Korrekturmöglichkeit boten: der Roksan Xerxes dank eines zweiteiligen Mitteldorns (von Konstrukteur Touraj Moghaddam für diesen Zweck eigentlich gar nicht geplant) und der Nakamichi TX-1000 mit seiner legendären, unfassbar aufwendigen Vollautomatik-Zentrierung nach vorheriger optischer Vermessung.

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Endlich perfekter Gleichlauf auch mit eierenden Platten: der alternative Mini-Mitteldorn erlaubt manuelle Zentrierung

Das Wunder von Erlangen

Nun sind es immerhin drei Spieler. Denn Clearaudio setzte diese wie auch alle anderen Ideen konsequent in die Tat um. Und zwar in einem Tempo, das an Zauberei grenzte. Wenige Wochen vor Redaktionsschluss versetzten die Suchys der AUDIO-Crew noch einen kleinen Schock, als diese mit vorsorglich schon mal leer geräumtem Kofferraum nach Erlangen fuhr, um dort keinen fertigen Spieler, sondern lediglich einen Stapel CAD-Zeichnungen vorzufinden - ein mächtiger, eiliger OEM-Auftrag hatte sämtliche Kapazitäten blockiert. Würde es noch rechtzeitig klappen? Sorry für die zweifelnden Blicke an jenem Nachmittag - wir hatten den jungen Patrick Suchy, der die Projektleitung übernommen hatte, unterschätzt.Irgendwie schafften es die Erlanger. Termingerecht stand der fertige PS1 in unserem Hörraum. Und nicht nur das: Er funktionierte auch. Mit einem Gleichstrommotor, einer ultrapräzisen Regelung per 1500-Segment-Tachoscheibe, einem Magnetlager (notwendig, denn der Stahl-Acryl-Teller wiegt locker 15 Kilo), einem magnetischen, justierbaren Subchassis, einer wunderschönen Massivholz-Zarge, das Ganze gekrönt von einer makellos transparenten Acryl-Haube - maßgefertigt wie nahezu jedes Einzelteil des neuen Laufwerks.

Und wie klingt er nun?

Nach Prototyp sah das ganz und gar nicht aus, und es klang auch nicht so. Nur am Subchassis muss Clearaudio noch etwas tunen, aber schon mit den noch etwas zu steifen Experimental-Dämpfern hatte der PS1 einen bestechend eleganten Swing, einen sehr ausgewogenen Ton und mächtig Durchzug im Bass. Der Spieler klingt anders als bisherige Clearaudios - ob er besser klingt und wie gut er genau ist, kann und darf ich Ihnen nicht verraten. Michelin-Sterne werden schließlich auch nicht von den Köchen oder deren Küchenhilfen vergeben. Aber ein bisschen stolz sind wir trotzdem.

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