Gesundheit

Andere Forscher haben Zweifel

Auch die vom NTP-Team selbst bestellten Reviewer werfen einige Fragen auf. So kann Michael Lauer vom NIH (National Health Institute) die Schlüsse der Studie nicht akzeptieren. Unter anderem bemängelt er, dass die Teilveröffentlichung keinerlei Aussage zu den Untersuchungen an Mäusen macht und Daten zu anderen Tumorarten fehlen. Neben weiteren Aspekten ist es gerade die höhere Überlebensrate bei bestrahlten Ratten, die ihn noch skeptischer macht.

Maxwell P. Lee vom Laboratory of Cancer Biology and Genetics äußert Bedenken wegen der bei 0 liegenden Hirntumor- und Herz-Geschwulst-Rate in der Kontrollgruppe. Diese liegt nach früheren Studien bei 1,67 Prozent (0 - 8 Prozent/Hirn) und 1,3 Prozent (0 - 6 Prozent/Herz). Ausgehend von diesen historischen Daten zeigt er, dass nur jeweils ein Tumorfall in der Kontrollgruppe zu ganz anderen Schlüssen geführt hätte. Weiterhin gibt er zu bedenken, dass sich Krebs oft erst in späten Stadien des Lebens entwickelt, in einer Phase also, in der die Tiere der Kontrollgruppe durch erhöhte Sterblichkeit dezimiert waren.

Und die Veterinärmedizinerin Diana Copeland Haines vom Frederick National Institute für Krebsforschung will wissen, inwieweit "unter den Bedingungen dieser Studie" überhaupt ein realistisches Bild der aktuellen Strahlenbelastung von Menschen dargestellt werden kann.

SAR Werte

© Weka/Archiv

In gut versorgten Gebieten sinkt die von Mobiltelefonen tatsächlich verursachte Strahlenbelastung deutlich.

Unterschiedliche SAR-Werte

Womit sie den Finger auf einen wunden Punkt legt. Denn während der SAR-Wert bei Mobiltelefonen der Spitzenwert bezogen auf 1 Gramm Gewebemasse (in den USA) respektive 10 Gramm (in der EU) ist, haben sich die Forscher des NTP auf den Ganzkörper-SAR-Wert festgelegt. Das macht einen erheblichen Unterschied. Um etwa einen Menschen mit 75 Kilogramm Gewicht einem Ganzkörper-SAR-Wert von 1,5 W/kg auszusetzen, müsste das Handy allein 112,5 Watt in dessen Richtung strahlen. Bei dieser Leistung wäre ein durchschnittlicher Smartphone-Akku nach weniger als fünf Minuten leer. Um wie im Experiment neun Stunden Exposition zu erreichen, bräuchte es über 100 Akkuladungen an einem Tag. Und das gilt nur für die niedrigste Expositionsstufe. Als realistisch ist dieses Szenario nicht zu bezeichnen.

Auch zu der untersuchten Rattenart ergeben sich Fragen. Ein Tier verbraucht etwa 29 Kilokalorien am Tag, das entspricht 34 Wattstunden. Durch die Ganzkörperbestrahlung wird ihm beim Höchstwert des Experiments über die Hälfte seines täglichen Energiebedarfs in Form von Strahlung zugeführt. Da Ratten als Warmblüter ihre Körpertemperatur konstant halten müssen, dürften die bestrahlten Tiere mit weniger Nahrung und weniger Bewegung ausgekommen sein, ihre Körper wurden schließlich allein durch die Strahlung schon erheblich erwärmt. Hier wären Informationen über den Nahrungsbedarf der verschiedenen Gruppen interessant.

Man kann nun spekulieren, ob die erhöhte "innere" Wärme zur größeren Langlebigkeit der bestrahlten Tiere geführt hat und ob deren Herzen durch weniger Bewegung nicht ordentlich ausgelastet waren oder durch den erhöhten Kühlbedarf unter Stress standen, was wiederum die Geschwulste begünstigen könnte. Sinnvoll wäre auf jeden Fall eine Studie, bei der die durch Strahlung zugeführte Energie durch eine entsprechend gesenkte Umgebungstemperatur kompensiert wird.

Warnung

© Weka/Archiv

Warnern vor Mobilfunkstrahlung, die gleichzeitig Messgeräte oder Produkte zur Vermeidung derselben anbieten, sollte man mit natürlichem Misstrauen begegnen – das Geschäft mit der Angst war schon immer ein einträgliches.

Denn der Mensch nimmt durch Mobilfunkstrahlung höchstens ein halbes Prozent zusätzlicher Energie auf, während es bei den Ratten zwischen 14 und 55 Prozent des Tagesumsatzes waren. Dies halbe Prozent mehr Energie kommt beim Menschen zwar lokal an, verteilt sich aber über die Wärmeleitfähigkeit des Gewebes und über zirkulierendes Blut gut über den Körper.

Fazit: Kein Beweis

Ob den Forschern des NTP der große Unterschied zwischen dem psSAR (Peak Spatial Specific Absorption Rate), der sich auf eine extrem geringe Gewebezone von 1 oder 10 Gramm bezieht, und dem wbSAR (Whole Body SAR), der sich auf den ganzen Körper bezieht, bewusst war, ist aus der Studie nicht ersichtlich. Mit der Entscheidung, Strahlungsleistungen im Bereich des für Mobilfunk entscheidenden psSAR-Wertes auf den ganzen Körper bezogen anzuwenden, haben sie in den Organismus der Ratten auf eine Art eingegriffen, wie es der Mobilfunk beim Menschen mangels Leistung nie zuwege bringen könnte. Insofern ist die Studie in ihrer jetzigen Form nicht repräsentativ.

So kann, wie schon nach den groß angelegten Untersuchungen vergangener Tage, weiterhin Entwarnung gegeben werden. Auch diese Studie bleibt den Beweis schuldig, dass Mobilfunk Krebs verursacht.

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