Warum Smartphones langsamer werden

Künstliche Smartphone-Alterung im Labor

  1. So will Huawei die Smartphone-Alterung stoppen
  2. Künstliche Smartphone-Alterung im Labor

Auslastung in der Simulation 

Um beurteilen zu können, wie gut einzelne Maßnahmen zur Erhaltung schneller Reaktionszeiten nach langer, intensiver Nutzung greifen, mussten die Technikspezialisten auch eine Möglichkeit finden, den Geschwindigkeitsverlust zu messen. Zuerst galt es zu definieren, wie sich ein brandneues von einem länger eingesetzten Smartphone unterscheidet. 

Für die Beurteilung beider Zustände haben die Huawei-Mitarbeiter die Anzahl an installierten und offenen Apps, die Menge an Kontakten, Nachrichten, Bildern, Musikstücken, Videos und auch den Fragmentierungsgrad des Flash-Speichers vorgegeben. Dabei stand im Fokus, möglichst typische Bedingungen nach längerer Einsatzzeit nachzubilden. Als Nächstes programmierten sie eine App namens MyBench, die das Smartphone wahlweise in den wenig oder in den viel genutztenten Zustand bringt. 

Zum Erreichen des für die künstlich gealterte Version angestrebten Fragmentierungsgrades muss der Speicher zunächst mit einer großen Zahl Dateien in verschiedenen Größen vollständig gefüllt werden. Dann löscht die MyBench-App nach einem festgelegten Muster einen Teil der Dateien, um Platz zu schaffen, in dem dann die festgelegten Datenbanken für die Kontakte, Nachrichten, Anrufliste und die Apps in fragmentierter Form installiert werden. Wie aufwendig das Verfahren ist, lässt sich auch daran ablesen, dass die Präparation des Smartphones viele Stunden in Anspruch nimmt.

Das Vorbereiten eines Mobiltelefons auf den unbenutzten Zustand mit zum Teil deutlich weniger Einträgen in den Datenbanken, weniger Multmediadateien und ohne Apps ist dagegen in wenigen Minuten durch MyBench vollbracht. Vor jeder Präparation muss das Smartphone zudem per Reset auf den fabrikneuen Zustand zurückgesetzt werden.

Dem Tempoverlust auf der Spur

Statt auf mehr oder minder synthetische Benchmarks wie Antutu, Geekbench, Quadrant oder ähnliche mit all ihren Nachteilen zu setzen, entwickelten die Ingenieure von Huawei ein Verfahren zur direkten Geschwindigkeitsmessung. 

Hierfür haben sie eine Reihe von realen Aufgaben mit festgelegten Start- und Endpunkten definiert. Diese Jobs – etwa das Öffnen der Kontaktliste, das Löschen einer Nachricht und das Starten der Kamera entweder zum ersten oder zum zweiten Mal nach einem sogenannten Forced Stop, führt beim connect-Messaufbau eine reale Person aus. Eine Smartphone-Kamera im Slow-Motion-Modus filmt diese Vorgänge. Am Computer lassen sich die so entstandenen Filmsequenzen dann nachträglich​ analysieren, um die Zeit zwischen dem ersten Berühren des Programm-Icons und etwa der vollständig geöffneten und mit Fotos gefüllten Bildergalerie zu messen. 

Bei connect liegt die Messauflösung bei 120 Bildern pro Sekunde, was 8,3 Millisekunden entspricht. Huawei setzt für seine Messungen einen Roboter mit präzise gesteuertem Messfinger und einer professionellen Hochgeschwindigkeitskamera ein, die alle Bedienvorgänge hochgradig reproduzierbar durchführen und die Reaktionen erfassen kann. 

Mybench Test Tool Introduction

© Huawei

Nach dem Reset auf den Fabrikzustand wird das Smartphone mit der App MyBench bis zum Rand mit verschiedenen Dateitypen gefüllt. Anschließend werden kleinere Dateien wieder gelöscht, um den Speicher zu fragmentieren. Das simuliert einen Teil des Alterungsprozesses.

Für immer jung? 

Doch wie gut funktioniert nun die „Stay fast“-Optimierung der Chinesen? Ist ein echter Unterschied zwischen auf hohen Nutzungsgrad präparierten und fast jungfräulichen Smartphones festzustellen? connect hat eine ganze Reihe von mithilfe der MyBench-Applikation präparierten Smartphones untersucht und die Reaktionszeiten per Kamera untersucht. Die mehrmalige Prüfung einzelner Modelle zeigte dabei, dass das Verfahren in Einzelmessungen naturgemäß Schwankungen unterliegt. Über eine größere Anzahl verschiedener Messungen mitteln sich diese Differenzen aber aus. Dass „Stay fast“ sehr gut funktioniert, zeigen die derzeitigen Huawei-Spitzenmodelle P10 und P10 Plus eindrucksvoll. 

Mit einer mittleren Reaktionszeit von 0,64 bis 0,69 Sekunden setzen sie Benutzereingaben in den zehn getesteten Disziplinen sehr schnell um, die künstliche Alterung reduzierte die Leistung um 10,6 bis 12,4 Prozent. Das dürfte auch für sehr kritische Zeitgenossen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen. Ein zum Vergleich herangezogenes Galaxy S7, das zugegebenermaßen nicht mehr die neueste Samsung-Generation repräsentiert, forderte mit einer mittleren Reaktionszeit von 1,12 Sekunden mehr Geduld von seinem Besitzer, besonders die Werte nach simuliertem Gebrauch liegen sehr​ hoch. 

Das zeigt sich auch an einem Leistungsabfall von 196 Prozent. Wobei dieser Wert insbesondere durch die reproduzierbar lange Zeit verursacht wird, die das Löschen einer Nachricht in der gealterten Version braucht: 7,7 Sekunden stehen 0,5 Sekunden im neuen Zustand gegenüber, was einem Zuwachs von 1438 Prozent entspricht. Erwähnenswert: Die Zeit zum Öffnen des Browsers nimmt nicht so extrem zu, ist mit plus 218 Prozent aber ebenfalls erheblich. Interessant ist, dass die „Stay fast“-Optimierung auch bei preiswerteren Smartphones wie dem P10 Lite funktioniert. 

Selbst das vorhergehende Topmodell P9 profitiert von „Stay fast“. Mit der neuesten Firmware ist das P9 zwar insgesamt etwas langsamer als P10 und P10 Plus, der Gebrauch setzt ihm mit einer Zunahme von 17,4 Prozent bei der Reaktionszeit aber kaum zu. Das ist kein Vergleich zum Huawei P9 mit Android 6.0 und ohne „Stay fast“, das nach der Gebrauchssimulation um über 60 Prozent langsamer wurde. Der Alterungsprozess lässt sich also eindämmen – hoffen wir, dass die anderen Hersteller das Problem ebenfalls angehen und an Lösungen arbeiten.​​​ 

Fazit

Die mit der Zeit abnehmende Smartphone-Performance schien bisher das unabwendbare Schicksal zu sein, unter dem besonders Power-User zu leiden hatten. Doch die erfolgshungrigen Entwickler von Huawei haben das Problem analysiert und sind den Ursachen auf den Grund gegangen. So konnten sie Software-Lösungen finden, die die Leistungsfähigkeit eines Smartphones auch bei großem Datenaufkommen und hohem Nutzungsgrad weit besser erhalten, als dies bisher möglich schien. Das sorgt für zufriedenere Nutzer und damit auch für mehr Nachhaltigkeit. Denn wer auf Dauer mit der Performance seines Smartphones zufrieden ist, ruft nicht so schnell nach einem Wechsel. Dass Huawei diesen Vorteil auch Käufern des Topmodells der vorhergehenden Generation zugutekommen lässt, ist keine Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.​

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