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Interview: Cash über Cash - der Sohn spricht

"There is a train that's heading straight to heavens gate": So singt Johnny Cash in seinem Remake des Sheryl-Crow-Songs "Redemption Day". Nur eine der Stellen, bei denen man sich den Entstehungszeitpunkt der Songs auf "American VI: Ain't No Grave", dem wohl finalen Album aus Cashs Sessions mit Produzentenlegende Rick Rubin, vor Augen führen muss: Kurz zuvor starb June Carter Cash, die Ehefrau des legendären Countrysängers. Die Produktion des Albums übernahm - wie auch bei den anderen Veröffentlichungen der "American Recordings"-Reihe - Rick Rubin. Genauso wichtig war jedoch John Carter Cash. Der 1970 geborene Sohn der Country-Legende, heute selbst gut gebuchter Produzent, war quasi der Mann vor Ort.

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© Archiv

Geben Sie uns einen kurzen zeitlichen Überblick: Wann entstanden die Songs, die auf "American VI: Ain't No Grave" zu hören sind?

Cash: Mein Vater nahm die Songs in den Cash Cabin Studios in Hendersonville auf - recht kurz vor seinem Tod. Die Stücke, die auf diesem Album zu hören sind, sind also Teil seiner letzten Sessions, ebenso wie die auf dem vor dreieinhalb Jahren veröffentlichten "A Hundred Highways". Von dem, was die Musiker seinerzeit aufnahmen, verwendeten wir eher wenig, der Großteil der Musik wurde also nachträglich eingespielt. Es waren im Großen und Ganzen die gleichen Leute beteiligt wie bei "A Hundred Highways", viele von ihnen wirkten auch schon an "American III" und "American IV" mit.

Wie können wir uns die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Rick Rubin vorstellen?

Cash: Dazu muss man wissen, dass mein Vater während der Aufnahmen zu diesen beiden Platten, die in seinem Kopf sicher eine sein sollte, regelmäßig arbeiten wollte. Das tat er bereits bei den beiden Vorgängern, und das war auch diesmal wieder sein Ziel. Er wollte jeden Tag ins Studio. Nun, Rick hatte als verantwortlicher Produzent den Überblick über die ganze Sache. Aber da er ja auch noch andere Verpflichtungen hatte, konnte er nicht immer da sein. Er gab meinem Vater aber alle Freiheiten und ermunterte ihn, immer aufzunehmen, wenn ihm danach wäre. Ich war in den Cash Cabin Studios - und arbeitete mit meinem Vater, wenn Rick keine Zeit hatte, war dann der Produzent. Es war Teamarbeit.

Wer suchte die Songs für "Ain't No Grave" aus?

Cash: Insgesamt nahmen wir über 50 Lieder auf. Rick überlegte bereits im Vorfeld der Veröffentlichung von "A Hundred Highways", welche Songs auf welche Platte kommen würden. Es ging ihm darum, den Platten jeweils so etwas wie eine Grundstimmung zu geben. Eine Grundstimmung, die sich mit der jeweils anderen ergänzt, die aber die Alben zu jeweils eigenen Werken werden lassen würde. Aber an sich fiel ihm die Auswahl leicht, glaube ich. Er nahm einfach die Stücke, die ihm am stärksten erschienen.

Was haben sie von Rick Rubin gelernt?

Cash: Oh, eine ganze Menge. Ich stand damals noch am Anfang meiner Laufbahn als Produzent, mit jemandem wie ihm zusammenzuarbeiten, war da ein Segen. Ich stand oft neben ihm, schaute zu - und sagte lieber nichts. Er war für mich natürlich auch deshalb wichtig, weil er ein enger Freund meines Vaters war, eine seiner Bezugspersonen. Mein Vater war stolz, mit ihm zusammenarbeiten zu können. Und Rick wiederum war immer ein großer Fan meines Vaters.

Welchen der Songs liebte Ihr Vater am meisten?

Cash: Nun, "I Corinthians 15:55" war für ihn sicher etwas Besonderes. Einmal, weil er ihn selber schrieb, aber auch, weil er die zentralen Themen seines späten Schaffens sehr gut zusammenfasste.

In den Liedern auf "Ain't No Grave" geht es um den Glauben an Gott, um die Hoffnung auf Erlösung ...

Cash: Richtig. Glaube, das Zwiegespräch mit Gott, der Tod als Erlösung: Das sind die Themen, die für meinen Vater immens wichtig waren und die er am Ende in fast allen Stücken transportierte, die er aufnahm. Auf eine gewisse Art und Weise waren die Aufnahmen für ihn auch ... nein, keine Therapie. Aber so eine Art Heilung, Trost.

Verstärkte sich sein Glaube in den letzten Lebensjahren?

Cash: Mit Sicherheit veränderte er sich und nahm einen anderen Stellenwert ein, vor allem natürlich in den letzten Monaten, nachdem June (Carter Cash., die Red.) starb. So fand er seinen Frieden. Im Übrigen half der Glaube uns allen in dieser schwierigen Zeit weiter. Aber der Glaube an Erlösung spielte im Leben meines Vaters auch früher eine wichtige Rolle. Gerade in den 50er- und 60er-Jahren, als er eine sehr dunkle Phase hatte und mit vielerlei kämpfen musste, war Gott wichtig für ihn.

Sie sprachen vorhin von "über 50 Liedern", die während der letzten Aufnahmesessions mit Ihrem Vater entstanden. Die Plattenfirma spricht von dieser Platte als finalen Abschluss der "American Recordings"-Serie. Wird trotzdem noch unveröffentlichtes Material das Licht der Welt erblicken?

Cash: Ich kann mir das gut vorstellen. Natürlich sind längst nicht alle dieser Songs fertiggestellt worden, aber sie sind da. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass es irgendwann ein Boxset gibt, wo man sie dazupackt.

In den letzten Jahren wurden viele Alben ihres Vaters wiederveröffentlicht. Welches Re-Release wünschen sie sich?

Cash: Nun, "Bitter Tears" läge mir sehr am Herzen. Das Album erschien 1964 und war damals etwas sehr Besonderes. Mein Vater setzte sich in den Texten mit der Situation der amerikanischen Ureinwohner auseinander. Man kann es aber umfassender betrachten: "Bitter Tears" ist ein Symbol für den Wesenszug meines Vaters, auf der Seite der Verlierer, der Underdogs zu sein. Eine besonders beliebte Platte war es damals nicht, erst recht nicht bei seiner Plattenfirma. Im Übrigen sind einige der Probleme noch immer sehr aktuell. Ich glaube, eine Wiederveröffentlichung würde das Bewusstsein dafür wieder etwas stärken.

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