Report: Röhrentechnik

Made in Germany: Elrog ER 845

Lange wurden Verstärkerröhren nur in der Ferne gefertigt. Jetzt gibt es wieder ein deutsches Produkt, ein wunderschönes dazu!

Elrog ER 845

© Julian Bauer

Elrog ER 845

Die letzten deutschen Serienröhren wurden wohl  in Telefunken-Werken in Ulm, um Ulm und um Ulm herum gebaut. Das war vor 50, 60 Jahren. Es gibt auch zahlreiche Rentner, die das entsprechende Herstellungswissen besitzen. Doch einen netten Plausch über die von Musikern und HiFi-Fans so geliebten Glaskolben lehnen diese in der Regel ab. Sie erinnern sich nur ungern an eine wahrhaft eisen- und glasharte Arbeit, an künstlich befeuchtete Räume mit Schweiß- und Chemiegeruch und an ewig lange Röhren-Versuchsreihen.

Dr. Ing. Klaus Schaffernicht

© ARchiv

Die Kontrolle der fertigen Röhren erledigt Elrog-Chef Dr. Ing. Klaus Schaffernicht selbst. Mit der Herstellung extrem leuchtkräftiger Bildröhren rettete der einstige Telefunken-Mann Röhren-Know-how über die Zeit.

An jene schlossen sich - wenn es um NF-Röhren ging - auch noch die besonders verhassten, Tage dauernden Hörtests an. "Der Spaß hörte endgültig auf, wenn ein fernöstlicher Hersteller bei 10000 ostschwäbischen Mikrowellenherd-Röhren Fehler reklamierte", knurrt der Ex-Ulmer Dr. Ing. Klaus Schaffernicht, der heute  im mecklenburgischen Lübtheen residiert. Im Gegensatz zu seinen Kollegen gab er aber das Röhrengeschäft nicht auf.

Davon bekam die Öffentlichkeit nichts mit, denn die Kunden hießen nicht Maier oder Schmidt, sondern Boeing, McDonnell Douglas oder Panavia. Diese Firmen bestellten Bildröhren, die auch bei intensiver Sonneneinstrahlung noch klare Konturen zeigten. Und als Schaffernicht mit seiner Marke Elrog umgehend liefern konnte, wurden diese mit enormer Leuchtkraft versehenen Glaskolben nicht fürs Wohnzimmer-Vertigo produziert, sondern unter anderem in Awacs-Überwachungsjets, in Phantom F4 und Tornados eingebaut.

Susanne Klinkenberg

© Archiv

Susanne Klinkenberg, für die Systemmontage der Elrog-Röhren verantwortlich, kontrolliert einen Kathodenfaden unterm Mikroskop. Nach komplexer Hitzebehandlung emittiert dieser ein ganz bestimmtes Elektronenquantum.

Mit der Zeit erwies sich neben den hervorragenden elektrischen Daten die Unkaputtbarkeit als weiteres Elrog-Charakteristikum. Die Konzerne stapelten bald genug Ersatz-Röhren, und so hätte Dr. Klaus Schaffernicht so langsam an den mehr als verdienten Ruhestand denken können. Hätte er - doch zuvor bekam er von der Kelheimer Firma Cayin-Audio mit den Herren Thomas Deyerling und Stefan Noll Besuch.

Alexander Litau

© Archiv

Der Allround-Techniker Alexander Litau schweißt den das Röhrensystem tragenden Boden mit dem Glaskolben zusammen. Im Ofen hinten werden die Röhren sorgsam so lange temperiert, bis Verspannungen verschwinden.

Die beiden brachten Muster gängiger Verstärker-Leistungsröhren mit - unter anderen die für ihren Wohlklang gerühmte Triode 845. Diese erheiterte das Wahl-Nordlicht ganz besonders: "Schau mal an, meine Vorgänger haben in den 20er Jahren diese Röhre nicht sehr viel anders als eine stinknormale Glühlampe aufgebaut." Bar größerer Hochfrequenz-Ängste und ohne Respekt vor Streukapazitäten hatten die Ingenieure die Anschlussdrähte tatsächlich in einen längeren Glasknubbel hineingefädelt, das Ganze erwärmt und zusammengequetscht. Zuletzt wurde das Drahtbündel mit Anschlussstiften versehen und in einen Messingsockel gesteckt.

Zum Glück für die Musikliebhaber fertigen fleißige fernöstliche Hände der Urform mehr oder minder ähnliche Replika. Auf Cayins Drängen ergab sich auch Schaffernicht dem Schicksal. Seine Röhren - als erstes eine ER 845 - sollten aber kein Spielzeug, sondern Hightech-Produkte sein.

Das erforderliche Jenaer-Glas und die Durchführungsstifte mit dem richtigen Ausdehnungs-Koeffizienten befanden sich schon im Schrank, die CAD-gefräste Grafit-Anode war schnell bestellt. Allein um die Behandlung der direkt geheizten Kathode zu beschreiben, wäre aber leicht ein Buch zu füllen. So wird der Wolframdraht, der ein bestimmtes Quantum Thorium enthalten muss, unter Luftausschluss zunächst mit Benzindampf gequält. So lange, bis sich eine Carbid-Schicht bildet, die einerseits bei Hitze eine gewisse Diffusion erlaubt und andererseits eine hauchzarte Thorium-Benetzung beim Elektronensturm gut festhalten kann.

Es brauchte dann nur noch ein Steuergitter aus dem richtigen Draht mit der korrekten Wendelsteigung (plus eine Messingfassung, bis es spezielle Sockel gibt). Dann konnte die deutsche 845 loslegen.

Besser gesagt: losfetzen. Denn was stereoplay unter Mithilfe der Cayin-Monoblöcke 9088 D von Ausgabe 6/04 hören durfte, kommt einem Durchbruch gleich. Mit den Alt-845 klang's schon abgehoben, lebendig, unendlich filigran.

Nach der Umbestückung auf die Elrogs konnten die Endstufen einige Fesseln mehr abwerfen. Klavieranschläge kamen noch viel unmittelbarer, Trommelschläge gelöster, trockener und brisant genauer auf den Punkt. Stimmen erschienen lebendiger, klarer. Die 9088-D-Endverstärker, die offenbar von Haus aus mit den neuen Röhren harmonieren, nahmen bald dankend eine neue Bewertung von 60 Punkten an.

Nach der Schaffernicht-Vorleistung beeilt sich Cayin nun, auch einen großen Vollverstärker auf die ER 845 hin zu optimieren (der linke Amp auf dem Aufmacher) - stereoplay freut sich schon sehr drauf!

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