Ratgeber Smarte Diagnosen?
© WebMD
Ein Schmerz zieht sich durch den Unterarm. Unangenehm fühlt es sich an, aber noch nicht unerträglich. Die Art Schmerz, die wohl die wenigsten dazu bewegen würde, einen Arzt aufzusuchen. Vor allem, wenn man im angebrochenen Quartal noch nicht in die Verlegenheit kam, die Praxisgebühr zu entrichten.
Mit ein paar Klicks soll die kostenlose WebMD-App in Fällen wie diesen Klarheit bringen: Die englischsprachige Anwendung, die auf iPhone, iPad und Android-Geräten läuft, fordert den Patienten im "Symptom Checker" zunächst auf, die Region, in der die Beschwerden auftreten, an einem virtuellen Modell des menschlichen Körpers zu verorten. Anschließend muss sich der User durch einen Fragenkatalog arbeiten, um die Art der Beschwerden zu konkretisieren: Ist der Schmerz eher stechend oder pochend? Wird er gelindert, sobald man die Stelle kühlt, wärmt, ruhigstellt? Nach Abschluss der Multiple-Choice-Anamnese präsentiert die App eine Liste der möglichen Krankheiten.
Im Falle des wehen Unterarms reicht das Spektrum von Sehnenscheidenentzündung über Gürtelrose bis hin zur Knochenmarkentzündung. Eine bunte Mischung. Und genau darin sieht Dr. Ilka Enger, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, das Problem der App: "Ein Arzt würde nach der Anamnese Untersuchungen anstellen, um die Möglichkeiten weiter einzugrenzen." Dass das Programm zu jeder vorgeschlagenen Krankheit auch Behandlungsmethoden aufzeigt, könnte im Zweifelsfall sogar mehr schaden als nutzen: Nämlich dann, wenn der Smartphonebesitzer nach technisch-gestützter Selbstdiagnose zu den falschen Mitteln greift. "Es ist gut, wenn sich Patienten informieren", resümiert Enger. "Aber die Diagnosesicherung ist etwas, das man einem Arzt überlassen sollte."
Ärztlich gebilligt, da von einem Augenarzt entwickelt, ist hingegen die Sehtest-App, die im iTunes-Store für 1,59 Euro angeboten wird. Gleich zu Beginn wird darauf hingewiesen, dass der Sehtest für zu Hause den Arztbesuch nicht ersetzen kann und Auffälligkeiten auf jeden Fall fachmännisch abgeklärt werden sollten. Um zu überprüfen, ob sich die Sehstärke verändert hat, wirkt die App jedoch probat: Statt Zahlen- oder Buchstabenreihen vorzulesen, tippt der Anwender in einer Auswahlliste auf das Symbol, das er zu sehen glaubte. Ist die Trefferquote zu gering, empfiehlt die App, Optiker oder Arzt aufzusuchen.
Denn selbst, wenn eine App einem Programm ähnelt, das einen Facharzt bei der Diagnosefindung unterstützt, kann sie ihn nicht vollständig ersetzen. Die knapp vier Euro teure iPhone-Anwendung "Skin Scan" etwa erinnert an den sogenannten Fotofinder, den Haus- und Fachärzte verwenden, um Leberflecke ihrer Patienten besser auf ihr Hautkrebsrisiko überprüfen so können. "Skin Scan" ermittelt mithilfe mathematischer Algorithmen, ob ein Mal, das aus einer Entfernung von etwa zehn Zentimetern mit der iPhone-Kamera aufgenommen wurde, bedenklich oder unbedenklich ist - schnell und einfach. Zumindest in der Theorie: Im Feldversuch poppt hingegen regelmäßig eine Fehlermeldung auf, weil das aufgenommene Bild nicht analysiert werden konnte. Mögliche Fehlerquellen: schlechte Lichtverhältnisse, ein ungünstiger Bildausschnitt oder Körperhärchen.
Erst im achten Versuch vermeldet die App schließlich Ergebnisse - und die sind mit Vorsicht zu genießen, meint der Münchner Hautarzt Roland Schubert: "In der Hand eines Arztes kann diese App durchaus eine sinnvolle Sache sein, etwa zum Abgleich der eigenen Vermutung oder der Dokumentation einer Entwicklung. Doch da neben dem Aussehen eines Leberflecks noch andere Faktoren eine Rolle spielen, ist die Anwendung für Laien nicht geeignet." Nach Ansicht des Dermatologen falle "Skin Scan" in die Kategorie "Apps, die die Welt nicht braucht".
Genau das Gegenteil behauptete die Presse kürzlich von einer anderen App, die allerdings noch nicht auf dem Markt ist. Amerikanische Studenten programmierten eine Anwendung für Windows-Smartphones, mit der sich Malaria sicherer nachweisen lassen soll. Die derzeit in Krankheitshochburgen genutzten Testverfahren, so kritisieren die Entwickler, seien zu ungenau: Viel zu oft falle der Test auch bei Nichtinfizierten positiv aus, wodurch Medikamente zur Behandlung gesunder Menschen verschwendet würden.
"Lifelens" soll Abhilfe schaffen: Um das Programm benutzen zu können, benötigt man eine zusätzliche Linse für das Smartphone, um Blutproben mikroskopisch vergrößern zu können. Ein Färbemittel, das dem Blut noch hinzugefügt wird, macht Malariaparasiten in der Vergrößerung sichtbar. Da Malaria oft in Verbindung mit Blutarmut auftritt, ermittelt die App zudem die Zahl der in der Probe vorhandenen Blutkörperchen und vergleicht diese mit dem Wert eines gesunden Menschen. So ließe sich die Erkrankung künftig auch von Helfern diagnostizieren, die vorher keine spezielle Ausbildung durchlaufen haben, stellen die Entwickler in ihrem Blog fest.
Klingt das nicht wunderbar? Eher alarmierend, meint Professor Rolf Horstmann, Leiter Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin: "Die App wird nicht verhindern können, dass bei Nichtinfizierten Malaria diagnostiziert wird", erklärt er. Denn in sogenannten Endemiegebieten, also den Regionen, in denen Malaria erhöht auftritt, trage der Großteil der Bevölkerung, ob nun erkrankt oder nicht erkrankt, die Parasiten in sich, die die App in ihre Diagnose einbezieht. Und Blutarmut, so Horstmann, könne durch verschiedenste Faktoren hervorgerufen werden - angefangen bei der Regelblutung. Zudem füge eine Behandlung mit Malariamitteln Nichtinfizierten keinen Schaden zu, gibt der Experte zu bedenken. Darum sei es im Zweifelsfall besser, auf Verdacht zu behandeln, statt es zu unterlassen. So schnell müssen sich Ärzte wohl also keine Gedanken um ihre Jobs machen - zumindest nicht aufgrund elektronischer Konkurrenz.