Mobilfunk
Gegen Mobilfunksender erscheint Gammelfleisch geradezu harmlos. Warum gibt’s um Handyantennen solchen Wirbel?
Kaum ein Thema in der Elektrosmogdiskussion polarisiert so extrem wie der Mobilfunk. Während Rundfunk- und Fernsehsender seit Jahrzehnten munter und frei von Anklagen im Kilowattbereich vor sich hin pusten, sind Mobilfunkantennen mit deutlich weniger als 100 Watt Sendeleistung immer mehr Bürgern ein Dorn im Auge. Aber woran liegt das? Sicherlich spielt die Omnipräsenz von Handys und Mobilfunkantennen eine Rolle. Während Fernsehsender meist in der Ferne und auf Bergen platziert wurden, sind Mobilfunkantennen in der unmittelbaren Nachbarschaft und damit in Wohngebieten montiert. Und so ist für viele Wirkungen wie beispielsweise Krankheiten der Schuldige schnell gefunden. Denn wo immer etwas Ungewöhnliches bemerkt wird, eine Mobilfunkantenne ist in jedem Fall in der Nähe. Und hier malen Interessensverbände Horrorszenarien in die Köpfe der Bürger: Von Kopfschmerzen über Gedächtnisausfälle, Erbgutschädigungen, Krebs und Schlaganfälle stehen so ziemlich alle schweren Erkrankungen auf der Gefahrenliste des Mobilfunks. So behaupten immer mehr selbsternannte „elektrosensible" Zeitgenossen, ihre Kopfschmerzen wären direkte Folge von Mobilfunk. Dies zumindest hat ein Forscherteam der Universität von Essex mittlerweile widerlegt. „Elektrosensible" Probanden konnten im Doppelblindtest eben nicht spüren, ob eine Mobilfunkanlage aktiviert war. Dies belegen auch interne Studien der Netzbetreiber: Oft klagen Anwohner über Symptome, obwohl die neue Antenne noch gar nicht in Betrieb ist – oder die Symptome verschwanden, wenn T-Mobile. Vodafone, E-Plus oder O2 die Anlage unterm Dach eines Hauses oder in einer Kirche versteckte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Hier scheinen Ängste tatsächlich Symptome auszulösen.
Langzeiteffekte unbekannt
Sofortige und massive Effekte gelten also in der Forschergemeinschaft als nicht nachweisbar. Durchaus im Bereich des Möglichen hingegen sind Langzeitwirkungen und damit Folgen, die erst nach Jahren auftreten. Und an dieser Stelle gibt’s mehrere Probleme: So ist Mobilfunk mit 15 Betriebsjahren schlicht zu jung, um konkrete Aussagen über Langzeitwirkungen treffen zu können. Dazu kommen in der Methodik völlig unterschiedliche und somit nicht vergleichbare Studienansätze: Von Forschergruppe X werden einzelne Zellen gezielt mit Mobilfunkwellen bestrahlt, wobei manche Forscher tierische und manche menschliche Zellen verwenden, während Forschergruppe Y per Fragebogen Tumorpatienten über deren Handygewohnheiten befragt. Warum sehen nun aber die Kritiker Mobilfunkantennen als wesentlich gefährlicher an als TV- und Radiosender? Das hängt mit der Ausstrahlungsmethode zusammen: Ein Rundfunkkanal sendet gleichmäßig, während Mobilfunk in Zeitschlitzen sendet. Das bedeutet: Auf ein und derselben Frequenz können mit dem Time-Division-Multiple-Access-Verfahren bis zu acht Handygespräche abgewickelt werden. Dazu werden Zeitschlitze gebildet, in denen die einzelnen Handys senden dürfen, wobei pro Handy ein Zeitschlitz reserviert ist. Sendet eins, haben die anderen Pause – so geht’s dann reihum durch. Das ist das Pulsen, das man auch vernimmt, wenn man ein Handy mit aufgebautem Gespräch neben ein Radiogerät legt. Und genau dieses kurze Senden in den Zeitschlitzen, also die Leistungsspitzen, vergleichen Kritiker gerne mit „Nadelstichen" für die intra- und interzellulären Abläufe.
Thermische Wirkungen
Neben den strittigen athermischen Wirkungen produziert Mobilfunk zweifelsfrei thermische Wirkungen. Das ist unstrittig, trotzdem oder gerade deshalb wird auch damit oft desinformiert. Denn jedem Handynutzer fällt auf: Wenn man länger telefoniert wird, fühlt sich der Bereich ums Ohr deutlich wärmer an. Wenn das mal nicht schädlich ist... Aber auch hier kann die Forschung Entwarnung geben. Der größte Teil der Temperaturerhöhung kommt durch den Wärmestau: Die vom Ohr produzierte Wärme wird durchs Handy zurückgehalten und kann nicht wie sonst in die Umgebung entweichen. Ein weiterer Teil der Erwärmung kommt durch die Technik des Handys – so wird schon der Akku durch das bloße Entladen recht warm. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Erwärmung ist tatsächlich auf die Erwärmung durch die Mobilfunkstrahlung zurückzuführen.
Dennoch wird mit der Angst der Bevölkerung viel Schindluder getrieben: Von Strahlenschutztapeten über strahlenschützende Mütze bis zu Strahlungsblockern fürs Handy wird allerlei unnützes Zeug angeboten. Schlimmer noch: Während Tapeten mit eingewobenenem Metallgeflecht elektromagnetische Wellen tatsächlich teilweise aus der Wohnung fernhalten, bewirken Strahlungsblocker fürs Handy das Gegenteil. Denn sollte so eine Konstruktion tatsächlich funktionieren, kommt weniger Sendeleistung bei der Mobilfunkantenne an. Die Folge: Das Handy erhöht die Sendeleistung so lange, bis die Feldstärke zur Kommunikation ausreicht - und schon ist das Gegenteil des Gewünschten erreicht…
Der SAR-Wert wiederum, also die Spezifische Absorptionsrate, sollte den Verbraucher informieren, wie stark ein Handy strahlt. Nur: Der SAR-Wert wird stets dann ermittelt, wenn das Handy mit maximaler Sendeleistung funkt. Und genau das ist in Wirklichkeit selten der Fall, denn Handy und Basisstation verständigen sich permanent über die niedrigst mögliche Sendeleistung. Und so kann es sein, dass ein Handy mit niedrigem SAR-Wert ständig stark sendet, um überhaupt mit der Basis kommunizieren zu können, während ein Handy mit höherem SAR-Wert durch eine bessere Antenne beispielsweise meist deutlich schwächer sendet. Aussagekräftiger ist da der connect-Strahlungsfaktor.
Nachgemessen
Aber wie stark strahlt denn nun eine Basisstation? connect hat mit anerkanntem Rohde-&-Schwarz-Gerät gemessen und erstaunliche Entdeckungen gemacht: Die Grenzwerte für Mobilfunk liegen je nach Frequenz zwischen 41 Volt pro Meter (V/m) und 61 V/m, aber selbst die höchsten Werte der connect-Messungen kamen nicht über 0,2 V/m hinaus. Von einer elektromagnetischen Verseuchung kann also überhaupt keine Rede sein. Zwar addieren sich die Funkdienste in gewisser Weise, trotzdem bleibt alles um Welten unterhalb der Grenzwerte. Interessant ist auch, wie sich die Feldstärke eines Mobilfunksenders abschwächt, wenn statt draußen im Haus gemessen wird: So sank die Feldstärke von GSM 900 von 0,1660 V/m draußen auf 0,0633 V/m im Gebäude. Letzterer Wert entspricht 0,0008 Promille des Grenzwertes. Zwar sind alle gemessenen Werte Stichproben und können in Einzelfällen deutlich höher ausfallen. Die Größenordnungen werden aber klar. Übrigens: Auch eine oft geforderte weitere Absenkung der Grenzwerte, wie beispielsweise im Nachbarland Schweiz geschehen, bringt nicht wirklich viel. Hier ist die durchschnittliche Belastung durch Mobilfunkbasisstationen ähnlich hoch wie in Deutschland. Denn um die Grenzwerte einzuhalten, strahlen die Sender in der Schweiz zwar geringer, doch dafür mussten deutlich mehr Mikrozellen installiert werden als in Deutschland. Denn eins ist klar: Wer mobil telefonieren will, kommt an elektromagnetischer Strahlung nicht vorbei.