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Jürgen Eberl

6. April 2008
Ratgeber: Notrufsystem eCall Bild vergrößern 486 486 http://img3.magnus.de/Notrufsystem-eCall-r486x486-C-b27f6b7-14493786.jpg
Ratgeber

Notrufsystem eCall

Geht’s nach der EU-Initiative eCall, sollen Neufahrzeuge spätestens ab 2010 selbstständig Notrufe ­absetzen, wenn’s auf der Straße mal wieder gekracht hat.

Quietschende Reifen, ein aufheulender Motor, Gras, Gebüsch und Böschung fliegen vorbei – ein dumpfer Aufprall, Stille. Täglich geschehen auf Deutschlands Straßen Unfälle, was bei mehr als 50 Millionen Fahrzeugen auch nicht verwunderlich ist. Nach so einem Unfall, glauben die meisten ­Autofahrer, läuft unverzüglich und auto­ma­tisch die gutgeölte Rettungsmaschine an: Polizei, Rettungsdienst, eventuell sogar die Feuerwehr und ein Rettungshubschrauber eilen herbei, nicht zu vergessen die vielen anderen hilfsbereiten Fahr­zeug­lenker. Die Realität sieht nicht selten anders aus. So konnten derartige ­Unglücke bis vor wenigen Jahren sogar den Tod bedeuten. Schon lange her? Weit gefehlt.

Hubschrauber
Bild vergrößern 450 289 http://img1.magnus.de/Hubschrauber-r450x289-C-dc0c30b3-34382608.jpg Bei schweren Verletzungen hilft oft nur noch ein Rettungshubschrauber.

Bei schweren Verletzungen hilft oft nur noch ein Rettungshubschrauber.

Ob Autounfälle glimpflich ausgehen oder nicht, hängt oft nur davon ab, ob und wie ­zügig professionelle Hilfe zur Stelle ist. Klar, bei einem Blechschaden spielt das ­keine ­Rolle, aber sobald jemand verletzt ist, tickt die Uhr – bei schweren Verletzungen rast sie regelrecht.Blenden wir nur ein paar Jahre zurück. Mitte der 90er. Handys waren noch alles andere als massentauglich, Autotelefone ähnlich selten wie heute ein Maybach im Straßenbild. Bei Unfällen in der Stadt war das noch unproblematisch, da Notrufe via Festnetz schnell erfolgen konnten, Rettungsdienste waren bald vor Ort. Bei Crashs auf der Autobahn garantierten die alle zwei bis vier Kilometer aufgestellten Notrufsäulen einigermaßen zügig professionelle Hilfe.Erheblich schwieriger wurde es dagegen, Rettungsmaßnahmen auf Landstraßen zu ­aktivieren. Tagsüber, sofern reger Verkehr herrschte, konnten unbeteiligte Autofahrer Hilfe aus dem nächsten Ort organisieren. Nachts aber war es nicht selten, dass Unfälle lange unentdeckt blieben – für Schwerverletzte kritisch.

Richtig Angst und Bange wird’s einem aber beim Blick in die etwas fernere Vergangenheit. So gab es bis Anfang der 70er-Jahre in Deutschland überhaupt kein organisiertes Rettungs­wesen – keinen Funk, keine Leitstellen, keine Rettungswagen. Nach Angaben der Björn-­Steiger-Stiftung waren Sanitäter damals oft nur ehrenamtliche Helfer, mit einer Ausbildung, die gerade mal aus einem Erste-Hilfe-Kurs bestand. Die Erstversorgung nach einem Unfall wurde zum Glücksspiel.Die Folge: über 20 000 Verkehrstote im Jahr, und zwar bei einem damals deutlich geringeren Verkehrsaufkommen. Natürlich alles lange her, dennoch, auch im vergangenen Jahr starben noch knapp 5000 Menschen auf Deutschlands Straßen, in Europa etwa 40 000. Trotz besserer Fahrzeuge, Sicherheitsgurte und Airbags.

Leitstelle
Bild vergrößern 450 343 http://img2.magnus.de/Leitstelle-r450x343-C-5ae66a14-34382611.jpg In der Leitstelle der Björn-Steiger-Stiftung sehen die Rettungskoordinatoren im Notfall alle wichtigen Daten auf einen Blick.

In der Leitstelle der Björn-Steiger-Stiftung sehen die Rettungskoordinatoren im Notfall alle wichtigen Daten auf einen Blick.

Als Lebensretter entpuppten sich für viele Unfallopfer in den vergangenen Jahren Handys. Kaum ein Autofahrer ist heute noch ohne ­Mobiltelefon unterwegs, denn schneller lässt sich Hilfe bei Unfällen kaum organisieren. ­Voraussetzung: Mensch, Telefon und Netzanbindung funktionieren noch. Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigt das folgende Beispiel, keine zwei Jahre her. Eine Fahrzeuglenkerin kam nachts von der Straße ab, schoss mit ihrem Wagen durch ein Gebüsch und einen Abhang hinunter. Die Fahrerin war schwer verletzt, eingeklemmt und zur Bewegungslosigkeit verdammt – ihr Handy in Sichtweite, aber unerreichbar. Die Frau überlebte trotzdem.Warum? Wenige Tag zuvor war an fast der­selben Stelle ein anderes Fahrzeug verunglückt, und als am Morgen zwei Streifenpolizisten den ersten Unfallort noch einmal besichtigen woll­ten, fanden sie zufällig die eingeklemmte Fahrerin. Glück im Unglück. Weil dies so aber nicht immer und vor allem nicht zuverlässig funktioniert, initiierte die Europäische Union bereits vor einigen Jahren die Initiative i2010, nach der bis 2010 die Verkehrsunfälle auf Europas Straßen durch vielfältige Maßnahmen halbiert werden sollen. Das automatische Notrufsystem eCall (Emergency Call) gehört dazu. Ursprünglich für 2009 geplant, soll eCall nun ab 2010 in jedes Neufahrzeug eingebaut werden.

Wie funktioniert’s? eCall basiert auf der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 und ist ein automatisches Notrufsystem für Verkehrsunfälle. Nach einer schweren Kollission – egal wo in Europa – sollen mit eCall ausgestattete Fahrzeuge automatisch die 112 wählen und die nächste Notrufzentrale PSAP (Public Service Answering Point) benachrichtigen. Ausgestattet mit einem GPS-Empfänger und einer eigenen SIM-Card übermittelt das Fahrzeug den genauen Unfallort und die wichtigsten Unfalldaten. Das Spannende dabei: Selbst wenn im Fahrzeug niemand mehr ansprechbar ist, funktioniert eCall. Auslöser wären dann beispielsweise Airbag- oder Sensordaten. Laut Europäischer Union sollen Rettungsdienste in ländlichen Gebieten dadurch doppelt so schnell am Unfallort sein als bisher, in der Stadt immerhin noch um 40 Prozent schneller. Stimmen diese Schätzungen, so lassen sich nach Expertenmeinung in Europa jedes Jahr etwa 2500 Menschenleben retten und viele Unfall­folgen durch schnellere Hilfe mildern. Positiver Nebeneffekt: Die zügigeren Rettungsmaßnah­men sollen auch die durch Unfälle verur­sachten Staus reduzieren.

BMW
Bild vergrößern 450 226 http://img3.magnus.de/BMW-r450x226-C-bde973bd-34382605.jpg Notrufsysteme lassen sich schon heute einfach ins Infotainment-Konzept von Fahrzeugen integrieren.

Notrufsysteme lassen sich schon heute einfach ins Infotainment-Konzept von Fahrzeugen integrieren.

Dass eCall auch schon in der Praxis funktioniert, beweist ein regionales Forschungsprojekt der BMW Group Forschung und Technik gemeinsam mit dem Bayerischen Roten Kreuz. Der Autobauer und die Notfallretter demonstrierten im vergangenen Jahr, wie’s klappt. ­Automatisch oder auf Knopfdruck eines Insassen sendete ein eCall-Auto seinen genauen Standort an die Rettungsleitstelle. Diese informiert nach Rückfrage entweder Notarzt, Sanitätswagen oder den Rettungshubschrauber. Per Funk übermittelt sie die Zieldaten des Unfallwagens ins Navigationssystem der Rettungskräfte, die sich ohne Umwege zum Unfallort lotsen lassen. Ein echter Zeitgewinn. Bis es allerdings landesweit so unkompliziert funktioniert, müssen Bund, Länder und Kommunen zügig ihre Hausaufgaben machen. Denn eCall klappt nur, wenn die Notrufzentralen aufgerüstet werden. Es muss sicher­gestellt sein, dass die Leitstellen die Daten der verunglückten Autos tatsächlich empfangen. ­Außer­dem müssen auch die Rettungsfahrzeuge während der Fahrt die ­Koordinaten des Unfall­orts entgegennehmen und ins ­eigene Navi einspeisen können. Und zwar automatisch. Technisch alles möglich, aber die Kosten von 4,5 Milliarden Euro, die europaweit vor allem für die technische Aufrüs­tung jährlich anfallen, könnten die eCall-Einführung weiter verzögern. Im Sinne der Autofahrer wäre das allerdings nicht.



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