
Praxistest Apple iPhone 4
Fühlt sich gar nicht so geschmeidig an, eher hart und kantig." Die stilbewussten connect-Grafiker und auch viele Kollegen der schreibenden Zunft sind vom neuen iPhone-Design nicht überzeugt und finden, dass das 3GS „mit seinen Wölbungen und Rundungen angenehmer in der Hand liegt“.
Tatsächlich fühlt sich das neue iPhone 4 mit seinen im Vergleich zum Vorgänger markanten Kanten anfangs ungewohnt eckig an, doch das ist Klagen auf hohem Niveau – und letztlich bleibt Design Geschmackssache.
Das iPhone 4 ist toll verarbeitet, ist jedoch eckiger als das Vorgängermodell.
Doch dass die Hülle dank einer beidseitigen Beschichtung fettabweisend sein soll, können wir ohne rohe Gewalt widerlegen: Bereits nach kurzem Hin- und Herwischen konnte unser Modell eine stattliche Sammlung von Fingerabdrücke vorweisen.
Erste Kritik aus dem Internet
Mithilfe des SMS-Zeichenzählers hat der Nutzer die verbleibenden Zeichen stets im Blick.
In einem ersten Praxistest innerhalb der Redaktion hat sich dieses Phänomen bestätigt; bei entsprechender Haltung wurden Gespräche merklich gestört und rissen zeitweise auch vollständig ab. Die zu diesem Phänomen führende Handhaltung ist jedoch eher unnatürlich. Beim Telefonieren hält man das Handy in aller Regel zwischen Daumen und Mittelfinger und fixiert es mit dem Zeigefinger – so dürfte das Problem in der Praxis nur sehr selten auftreten. Ab gesehen davon soll es sich ja eh "nur" um eine Fehlberechnung der Balkenanzeige handeln.
Das Display erstaunt
Konsequent hat Apple sein minimalistisches Konzept fortgesetzt und es für die Bedienung beim bewährten und leicht im Gehäuse versenkten Homebutton belassen. Der Rest wird mit dem Finger auf dem berührungsempfindlichen Touchscreen erledigt – und der hat es wirklich in sich.Apple hat bewusst Anleihen bei der Anatomie genommen und sein neues Display als „Retina" betitelt, lateinisch für die Netzhaut des Auges. Mit 960 x 640 Pixeln bietet der Screen eine ungemein scharfe und filigrane Auflösung; 326 Pixel tummeln sich auf jedem Zoll – bei dieser Pixeldichte kann das menschliche Auge keine einzelnen Bildpunkte mehr ausmachen, die Darstellungen wirken, als wären es Vektorgrafiken.
Die Brillanz des Bildschirms wird besonders deutlich, wenn man etwa das 3GS neben das iPhone 4 legt und beispielsweise die iTune-Buttons vergleicht. Generell gilt: Hat man sich eine Zeitlang mit dem neuen iPhone durch Webseiten und Anwendungen gearbeitet und nimmt anschließend wieder den Vorgänger zur Hand, fühlt man sich – überspitzt formuliert – vor den Kopf gestoßen und fängt an, bei Letzterem die Pixel zu zählen.
Bei der Kamera hat Apple ordentlich nachgebessert und eine Leuchtdiode als Blitzersatz spendiert.
Mit 30 Bildern pro Sekunde konnten auch die Videoaufnahmen beim ersten Testen einen guten Eindruck hinterlassen. Für Hobbyregisseure ist die neue iMovie-App sehr zu empfehlen (für rund vier Euro im App Store erhältlich), mit der sich mehrere Videoclips und Bilder mit dynamischen Übergängen kombinieren und mit Musik hinterlegen lassen.
Hören und Sehen
Sehr kontrovers diskutiert wurde im Vorfeld auch über die von den Kaliforniern stark beworbene, in der Mobilfunkwelt jedoch nicht wirklich neue Videotelefonie. Der Dienst namens Facetime funktioniert nur von iPhone 4 zu iPhone 4 und auch nur, wenn beide Geräte in einem WLAN-Netz funken. Über das im Telefonmodus auf dem Bildschirm eingeblendete Optionsmenü kann der Anrufer eine Einladung zur Videotelefonie verschicken, die das Gegenüber annehmen muss, bevor die Frontkamera seines iPhone startet und die Plauderei mit Gesichtsausdrücken und Gesten untermalt werden kann.
Sehr schick: Per Fingertipp kann man ganz einfach auf die Hauptkamera umschalten und seinem Gesprächspartner zeigen, was man selbst gerade sieht. Trotz der Einschränkungen könnte Facetime dank guter Übertragungsqualität diesen bisher kaum genutzten Sektor beleben – vorausgesetzt, die beiden Barrieren WLAN und iPhone-4-Bindung werden zeitnah gesprengt.
Funktionales Facelifting
Kernstück des neuen Apple-Phones ist das spürbar überarbeitete Innenleben mit der aktuellen Betriebssystem-Version iOS 4. Markanteste Neuerung dürfte die Multitaskingfähigkeit sein: Die Vorgänger konnten immer nur eine Anwendung auf einmal ausführen; lediglich die Musikwiedergabe über die iPod-Funktion ließ sich in den Hintergrund stellen.
Dank neu geschaffener Schnittstellen können mit iOS 4 Anwendungen einzelne Dienste im Hintergrund aktiv halten. Per Doppelklick auf den Homebutton wird die Multitasking-Leiste eingeblendet und man kann bequem zwischen den Programmen hin- und herwechseln. Allerdings müssen für das iPhone-Multitasking erst einmal die Software-Entwickler aktiv werden und diese Funktion in ihre Apps implementieren – was sukzessive bereits durch entsprechende Updates und neue, auf iOS 4 angepasste Apps zu beobachten ist.
Wer sich regelmäßig Zusatzsoftware aus dem Store lädt, der wird sich besonders über die ebenfalls neu eingearbeitete Ordnerfunktion freuen. Um einen solchen Ordner zu erstellen, wird eine Applikation einfach auf eine andere gezogen und voilà – das Smartphone schlägt der App-Kategorie entsprechend gleich einen passenden Ordnernamen vor, der natürlich auch frei gewählt werden kann. Bis zu zwölf Anwendungen lassen sich in einen Ordner packen.
Übersichtlich: E-Mail-Postfächer jetzt auf Wunsch auch in einer gemeinsamen Ansicht .
Mit von der Partie ist jetzt auch iBooks, Apples E-Book-Reader samt Store, obschon die Anwendung nicht vorinstalliert ist, sondern beim ersten Aufrufen des App Stores zum Download vorgeschlagen wird. Die Reader-Anwendung ist mit der vom iPad bekannten Version identisch; wer sowohl auf dem iPhone, dem iPod Touch und dem iPad liest, kann seine Lesezeichen und Notizen zwischen den jeweiligen Apple-Geräten synchronisieren.
Worauf viele Nutzer hoffen, wozu Apple aber bisher keine Anstalten macht, ist die aktive Standby-Anzeige. Insbesondere Business-Kunden würden anstehende Termine gerne stets im Blick haben – beim iPhone müssen sie hierzu weiterhin händisch den Kalender aufrufen.
Gelungene Neuauflage
Von den unterschiedlichen Meinungen zum neuen Design einmal abgesehen, ist der erste Eindruck von Steve Jobs neuem Liebling einstimmig positiv. Freilich ist das iPhone 4 keine erneute Revolution – es ist eine konsequente und logische Weiterentwicklung des erfolgreichen Konzepts. Und ein Stück weit ist es auch eine Ansage an die Konkurrenz, die sich in den letzten Monaten stark an die Fersen der Kalifornier gehängt hat. Apple hat erneut vorgelegt, jetzt sind Google und Co. wieder am Zug.
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