Ratgeber Anlagen-Tuning

Selbstbau-Lautsprecherkabel

Schwer zu beschaffen, mühevoll zu bearbeiten - der Schweiß für ein anspruchsvolles Kabelprojekt könnte sich trotzdem lohnen.

  1. Selbstbau-Lautsprecherkabel
  2. Messlabor-Kommentar
Selbstbau-Lautsprecherkabel

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Selbstbau-Lautsprecherkabel

Nach dem erfolgreichen Selbstbauprojekt "RG-142-Teflon-Cinchkabel" vom Maiheft`05 suchten die Tester nach einem angemessenen Do-it-yourself-Boxenleitungs-Pendant. Doch ob dicke oder dünne, runde oder eckige, verdrillte oder geflochtene: In den gut 30 Jahren, in der sorgfältige Verdrahtung Beachtung genießt, haben die Fans ebenso wie die Profis wahrlich schon alles durchgerechnet und ausprobiert.

Und so kam stereoplay beim Ausspähen einer vielversprechenden Lücke wiederum bei der Isolation und beim besten aller derartigen Werkstoffe an, bei Teflon. Nur dass diesmal ein deutlich umfänglicheres Koaxialkabel mit dickerem versilberten Kupfer als Innenleiter zur Debatte stand. Zunächst allerdings nur in der Theorie, denn die üblichen verdächtigen Kabel-Distributoren meldeten trotz intensiver Versuche, den Wunschleiter aufzutreiben, Fehlanzeige.

Schließlich erfuhren die Tester, dass es die dickeren Teflonkabel nicht von der Stange gibt, sondern dass sie nur auf Bestellung gefertigt werden, zum Beispiel unter der Bezeichnung RG 225. Zum Glück fand sich dann die Mannheimer Firma Letronic (www.letronic.de ). Die beliefert eigentlich nur Großkunden, der freundliche Chef Dieter Ley ließ sich aber für stereoplay zu einer Ausnahme überreden: "Ich weiß, wo eine Rolle mit  einem Rest von 140 Metern RG 225 U steht, da lasse ich ein Stück davon abschneiden." (U steht für Militär-Spezifikation.)

So hielten die Tester zuletzt doch das anfänglich nach strenger Chemie duftende Edelkoax in den Händen, bei dem 7,24 Millimeter dickes Teflon (auch Polytetrafluorethylen, kurz PTFE genannt) sieben 0,79 Millimeter starke, versilberte Kupfer-Innenleiter umgibt. Die Abschirmung wird von doppeltem, extra straff gestricktem Kupfer/Silber-Feindraht-Geflecht gebildet. Diese wird von einem Teflonfolien-Wickel umhüllt. Zuletzt folgen zwei weitere brandfeste (ein innerer weißer und ein äußerer nussbrauner) Schutzpullover, die aus Silikon-imprägniertem Glasfaser-Gewebe bestehen.

Angesichts der Rechnung stellte sich dann heraus, dass dieses knapp 11 Millimeter dicke, extrem schwer herzustellende Koaxkabel nicht nur mehr als ein normales kostet, sondern das Zigfache. Was die Erbauer etwa eines Militärschiffs oder einer Rakete gerne berappen, weil das super robuste Sicherheits/Hochleistungs-Koax zwischen -50 und +200 Grad Celsius haarscharf genau seine elektrischen Eigenschaften beibehält.

Und weil es im Vergleich zur gängigen Polyethylen-Ware (die für die gleiche Leistung schon Ofenrohr-Dicke bräuchte) ohne zu Erröten 20 Kilowatt an hochfrequenter Energie transportiert. Ermittelt das stereoplay-Labor ansonsten immer bestimmte Isolationswiderstände, flippte das Messgerät wie schon beim RG 142 auch beim RG 225 wieder aus, weil der Ableitwert bei Null und der Isolationswiderstand irgendwo bei unendlich liegt.

Zugegeben, für die saubere Niederfrequenz-Strömung zwischen Verstärker und Box bringt das grob-physikalisch wenig. Aber wer würde es einem High-Ender verdenken, wenn er für diese oder jene Aufgabe lieber einen Kondensator mit Teflonfolien als irgendeinen Billigheimer nimmt. Kabel besitzen neben einem Widerstand und einer Induktivität ja auch eine Kapazität. Sie stellen also ebenfalls einen Kondensator dar, bei dem die bessere Isolation unter Umständen eben auch die erfahrungsgemäßen Klangvorteile bringt.

Auf jeden Fall scheuten sich die stereoplayer nicht, zwei jeweils drei Meter lange Stücke RG 225 U in mühevoller Arbeit zu konfektionieren, wenngleich trotz aller guten Vorzeichen noch längst nicht feststand, ob der ganze Aufwand sich lohnt.

Im Verbund mit den Thorens-Referenz-Monoblöcken TEM 3200 (1/06) und den Lautsprechern Sonics Allegra (8/05) führte sich das RG 225 U dann gewissermaßen mit dem ersten Paukendonner als musikalisches Unikum ein. Noch nie - da herrschte unter allen Hörern Einigkeit - hat ein Boxenkabel abgründige Schläge so energievoll, so wuchtig und direkt rübergebracht. Und kaum eines so elegant bewegte, so sauber abgesetzte, so greifbare Basslinien. Vorzüglich der tiefe und weite, unmittelbar präsente Raum.

Auch gegenüber dem bis auf seine PE-Isolation konstruktiv ähnlichen RG 214 nahm das RG 225 U - flüssiger, ruhiger und feiner in der Abbildung - klar eine  klangliche Sonderstellung ein. Ob dieses oder jenes Vergleichskabel und selbst bei Röhrenamps, die etwas ausgleichend wirkten: Die Besonderheiten des Newcomers fielen immer so deutlich auf, dass sie selbst dem entschiedendsten High-End-Verächter in die Ohren springen.

Schließlich kam es dann aber doch zu Meinungsverschiedenheiten. Die stereoplayer Dalibor Beric und Holger Biermann legten den Rückwärtsgang ein: "Uns klingt das RG 225 U unterm Strich doch zu brutal, zu direkt. Wir ziehen kultiviertere Strippen vor, die unten sparsamer, ganz oben noch ein wenig feinsinniger sind sowie Stimmen anmutiger klingen lassen." Der Ratsch-Bumm-Charakter focht hingegen die Uralt-stereoplayer Fessler, Maier und Schüller nicht an. Im Gegenteil, die drei blieben umso länger im Hörraum sitzen, um sich diese und jene CD in der neuen, Teflon-Koax-Frischzellen-Version reinzuziehen.

Bei der Schlussbewertung herrschte wieder traute Einigkeit: Für alle High-Ender, die es ungeschminkt und klar und deutlich mögen und sich darüber hinaus die Konfektionsarbeit zutrauen, bildet das RG 225 U trotz des nicht unerheblichen Preises ein ideales Bastelprojekt. Das Problem bleibt im Moment noch die Beschaffung, denn wie gesagt, selbst wenn es sich um Restposten handelt, lässt sich RG 225 U bis dato nur in industriellen Quantitäten beziehen.

Doch wieder trat ein Glücksfall ein: Peter Bogner, der bis dato für Funk-High-Ender Hochfrequenz-Pretiosen vertreibt, bot seine Hilfe und die Annahme von Kleinbestellungen und bei dem fairen Preis von zirka 25 Euro pro Meter die Verteilung per Nachnahme an.

PS: Alternativ will Peter Bogner auch das ebenfalls schwer zu beschaffende, 9,14 Millimeter dicke, im Innenaufbau identische RG 393 U offerieren, das statt der Teflon-Wickel-Armierung und der Glasfaser-Pullis einen hellbraunen FEP-Mantel mitbringt (Fluorethylenpropylen, nicht so hitzebeständig, aber noch robuster als PTFE).

Bei praktisch gleichen elektrischen Daten klingt es etwas geschmeidiger und nicht ganz so gnadenlos direkt. Weil es überdies keinen Geruch verströmt, sich leichter konfektionieren lässt und beim Anfassen keine Glasfasern pieksen, wird es für viele das angenehmere Kabel sein.

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Wie beim Selbstlöt-Teflon-Cinchkabel (siehe stereoplay 5/05) sollte man die FEP-Aussenhülle nur anritzen und dann durch Biegen aufreißen lassen, damit keine Äderchen der Abschirmung abgeschnitten werden. Entfernen Sie so rund sechs Zentimeter von der Aussenisolation.

Nun ist Geduld angesagt. Denn die beiden aufeinanderliegenden Geflechte müssen mühsam mit einem kleinen Schraubenzieher auseinandergefieselt werden. Dabei ist es praktischer, zuerst die obere  Lage zu entwirren und sich dann erst der zweiten zu widmen, immer nach dem Motto, je weniger Drähtchen abgerissen werden, desto besser der Klang.

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Verzwirbeln Sie nun die beiden Geflechte und isolieren Sie den Innenleiter rund 1,5 Zentimeter ab, danach ist das Kabel vorbereitet fürs Crimpen und Löten.

Als mechanisch stabil und klanglich überzeugend haben sich die Deltron-Stecker erwiesen. Es gibt sie vernickelt für rund 1,50 Euro oder etwas teurer vergoldet ohne Nickelzwischenschicht für 2,40 Euro. Beziehen kann man die Stecker bei Farnell (www.farnell.de , 089/61393939), die Bestellnummern sind 152-284/152-285 für die Nickel-Versionen und 152-286/152-287 für die vergoldeten Stecker.

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Nun kann man löten. Dabei ist es sinnvoll, ein wenig Lot auf die Lötspitze zu geben, damit sogleich ein Wärmekontakt mit der Lötstelle entsteht. Als Lötzinn empfiehlt sich  eine Zinn-Kupfer-Legierung mit halogenfreiem Flussmittel von Multicore (14,10 Euro bei Farnell, Bestellnummer 539088). Wer es klanglich besonders brilliant liebt, kann die Silbervariante wählen (15 Euro, Best.Nr. 454412).

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Aus optischen Gründen und um Kurzschlüsse zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Enden mit Schrumpfschlauch zu überziehen. Das geht aber eher schlecht als recht mit einem normalen Fön. Eine professionelle Heißluftpistole aus dem Baumarkt ist hier das richtige Werkzeug.Praktisch ist eine Reflektordüse ,die den Luftstrom gleichmäßig um den Schrumpfschlauch verteilt.

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So sollte dann das selbstgelötete Lautprecherkabel aussehen. Falls man sich das nicht zutraut, muss man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen; es gibt ja noch viele Fachhändler, die es perfekt konfektionieren können.

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