Testbericht

AMG Viella 12 im Test

Wenn ein Analog-Hersteller neben dem Laufwerk obendrein Motor und Tonarm selbst baut, ist das eine kleine Sensation. Ob der AMG Viella 12 auch sensationell klingt? Der Test verrät es.

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© Stereoplay

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Auf dem Analog-Markt geht es eher gemächlich zu. Neue Plattenspieler unterscheiden sich oftmals nur in Gewicht und Form. Die Konstruktion ist nicht selten starr ausgelegt, und zugekaufte Motoren treiben die Teller an, während SME, Rega oder Jelco die Arme zuliefern.Noch so einen typischen Plattenspieler zu bringen, war Walter Röschlaus Sache nicht. Deshalb entwickelte der AMG-Chef einen eigenen Arm und baut für den Viella 12, der 12 800 Euro kostet, sogar den Motor selbst.Doch nicht nur der Konstruktionswille beeindruckt bei AMG (Analog Manufaktur Germany). Auch verarbeitet ist der Viella 12 auf allerhöchstem Niveau - was bei Perfektionisten wie eben Walter Röschlau und seinem Sohn Julian Lorenzi nicht weiter verwundert.

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AMG Viella 12

Die beiden haben sich mit etlichen CNC-Maschinen bewaffnet, um fast alles selbst herstellen zu können. Denn Fertigungstiefe wird in Kehlheim groß geschrieben. Was das bedeutet, konnten wir vor Ort in Augenschein nehmen: Allein der Bügel des Tonarms verschlingt rund zehn Minuten an Fertigungszeit.

AMG Viella 12 - Feinmechanik pur

Doch zurück zur Konstruktion. Der Viella ist als starres Konzept ausgelegt und besitzt daher keine federnden Elemente, sondern steht auf drei von oben verstellbaren Spikes. Die Grundplatte besteht aus einer besonders harten Aluminiumlegierung (ALZNMGCU), die nicht gegossen, sondern gewalzt und dann bei AMG feingefräst wird. Das nachfolgende Eloxieren ist einer der wenigen Prozesse, die Röschlau aus der Hand gibt. Das beschert ihm aber schlaflose Nächte, da die genannte Alu-Legierung, welche er aus klanglichen Gründen nutzt, sich besonders schwer gleichmäßig eloxieren lässt.Die volle Kontrolle behält er jedoch bei der Herstellung des Tellerlagers - hier werden alle Teile im Hause gefertigt. Dieses Lager ist ein Prachtstück, bei dem sich eine Hartstahlachse auf einem Kunststoffspiegel dreht und das im Betrieb gleichmäßig von Öl umspült ist.

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Der Viella ruht auf drei Spikes. Der von der Grundplatte entkoppelte Motor residiert in einer Aluschale (Pfeil).

Das Lager ist mit dem Subteller verbunden. Beide tragen den elf Kilo schweren und mit einer Vinylauflage beklebten Plattenteller, den der Motor per innenliegendem Rundriemen in Rotation versetzt. Den Riemen aufzusetzen, ist in der Praxis etwas fummelig, da der Teller den Motor überdeckt. Doch mit einem mitgelieferten Holzwerkzeug lässt sich die Aufgabe relativ entspannt lösen.

Ruhige Motorisierung in der Viella 12

Ein Schmuckstück ist der von AMG gefertigte Motor. Exemplare von der Stange waren Röschlau einfach nicht gut genug. So ließ er sich durch einen Tonbandgeräte-Motor aus dem Hause Papst inspirieren.Das Ergebnis: ein bürstenloser Gleichstrommotor mit drei Spulen, der ein ähnliches Lager besitzt wie der Viella. Auch die Schwungmasse dieses Scheibenläufers von knapp 400 Gramm beeindruckt. Eine Besonderheit ist zudem, dass seine internen Umschaltströme sinusförmig wechseln und nicht abrupt, rechteckförmig wie bei üblichen Gleichstrommotoren.Dieser Kunstgriff führt zu einem deutlich ruhigeren Lauf. Ungeregelt wollte Röschlau den Motor aber nicht laufen lassen. Ein Mikroprozessor überprüft während des Betriebs die Drehzahl und regelt bei Bedarf die Spannung für den Motor nach. Diese Schaltung ermöglicht eine feine und bequeme Justage der Drehzahl in 0,05-Prozent-Schritten über die Bedientasten auf der Grundplatte.

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Eine Wasserwaage hilft bei der Tonarmhöhen-Justage. Der Azimut lässt sich über eine Schraube (Pfeil) optimieren.

Der eigene Arm, den Röschlau entwickelte und baut, thront über der Grundplatte auf einem soliden Alublock, welcher sich aber verstellen lässt, falls König Kunde doch ein anderes Arm-Modell wünscht. Dem Namen J 12/2 nach besitzt er die Länge von zwölf Zoll, was im Vergleich zu kürzeren Neunzöllern den tangentialen Spurfehlwinkel verringert.Somit sind auch Verzerrungen, die außerhalb der Nulldurchgänge entstehen, geringer. Entgegen ähnlich langen Armen gehört der AMG J 12/2 mit seiner effektiven Masse von 12,5 Gramm zu den mittelschweren Exemplaren. Er passt also sehr gut zu aktuellen Tonabnehmern.Noch begehrenswerter macht diesen Tonarm, dass er sogar ein patentiertes Horizontallager mit Federstäben besitzt. Diese Lösung hat Ex-Pilot Röschlau von Hubschrauberrotoren abgeschaut, wie er freimütig zugibt. Die Konstruktion ermöglich auch eine Azimut-Korrektur, mit der man sicherstellen kann, dass die Nadel beide Rillenflanken gleich abtastet.

Eintauchen in Musik

Bei den Messungen in der TESTfactory von stereoplay zeigte sich als kleiner Kritikpunkt nur eine etwas zu hohe Drehzahl, was die Tester vor dem Hörtest aber ausglichen. Übung und gutes Werkzeug benötigten aber die Einstellungen, die den Referenz-Abtaster Lyra Atlas betrafen, da der J 12/2 für Auflagekraft und Antiskating keine Skalen besitzt.Beim Antiskating sollte man aber nicht nur einer Testplatte vertrauen, sondern diese bloß zur Grobeinstellung verwenden und im Anschluss mit gängigen Schallplatten nach Gehör feinjustieren. Das lohnt sich, denn der AMG Viella konnte dabei selbst kleinste Veränderungen deutlich zeigen.Nach diesem Tuning und auf einem guten und stabilen Tisch wie dem Naim Fraim oder dem TimeTable bot der AMG ein extrem faszinierendes Klangpanorama - eines, das die Tester in dieser Form noch nie vernommen hatten. Dazu gesellte sich ein sehniger, dennoch tiefer Bass. So konnte nur die Referenz von Linn, der LP 12 SE Radikal mit dem Tonarm Ekos SE, der Vergleichsmaßstab sein.Im Vergleich dieser Topspieler konnte man nun nicht einfach von besser oder schlechter sprechen. Nein, hier agierten unterschiedliche Charaktere auf gleich hohem Niveau.Dem Bass verlieh der Viella einen Hauch mehr Kontur, während der LP 12 etwas druckvoller aufspielte. Dabei kam die Musik über ihn etwas direkter und akzentuierter rüber, während der Viella einzelne Instrumente noch ortungsschärfer in etwas größere Aufnahmeräume setzte. Schienen beim Linn die Begleiter im Klassiker "Cheek To Cheek" mit Louis Armstrong und Ella Fitzgerald ("Ella And Louis" / EMI) motivierter und spielten schwungvoller, ließ der AMG das Piano im Hintergrund noch deutlicher aus dem Klanggeschehen hervortreten.Fazit: Auch der AMG Viella 12 darf sich nun stereoplay-Referenz nennen.

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