Netzwerkspieler

Atoll ST 200 im Test

Wenn es herzhaft, aufregend und prickelnd live klingt, ist Atoll meist nicht weit. Mit dem ST 200, der nebenbei auch noch eine tadellose Vorstufe abgibt, braust der französische Hersteller nun unter Volldampf ins Streaming-Zeitalter.

Atoll ST 200

© Archiv, MPS

Atoll ST 200

Pro

  • trockener, tiefer Bass
  • breite Bühne
  • sehr lebendiger Klang

Contra

  • kann je nach Anlage und Musik recht direkt klingen
Gut

Auch frankophile HiFi-Fans müssen zunächst einmal Google Maps bemühen, um Brecey, den Heimatort von Atoll, zu finden. Und dann, nachdem das 2000-Seelen-Örtchen auf dem Bildschirm erscheint, viele Male per Minus-Knopf rauszoomen, bis die Lage anhand halbwegs vertrauter Nachbarstädte einigermaßen einleuchtet: Caen und Rennes, jeweils etwa 100 km entfernt. Dem Klang der Atoll-Geräte scheint die ländliche Herkunft durchaus gut zu tun: Alle getesteten Verstärker, DACs und Player des normannischen Herstellers präsentierten die Musik gewichtig, klar, stabil, gerne auch mal ein bisschen kantig - ein vitaler, ungekünstelter Klang, unverwechselbar und dennoch konsensfähig: Bei AUDIO hat ihn bislang niemand nicht gemocht.

Neben klanglicher Charakterfestigkeit besitzen die HiFi-Normannen offenbar auch ein gutes Gespür für die Wünsche der HiFi-Gemeinde, antizipieren Trends, bevor sie zum Mainstream werden - und haben dann genau rechtzeitig das passende Gerät parat. Netzwerk-Player mit Vorstufen-Funktionalität auszustatten, ist ein solcher Trend, den auch Pro-Ject mit der Stream Box RS aufgegriffen hat. Die DSM-Modelle von Linn, die NAC-N 172 XS von Naim oder der M1 CLIC von Musical Fidelity sind weitere Beispiele. Atoll startet mit gleich zwei Player-Vorstufen, die technisch eng verwandt sind: Der ST 100 unterscheidet sich von dem hier getesteten ST 200 lediglich durch seinen etwas preiswerteren Wandlerchip (PCM1796 statt PCM1792), durch eine dünnere Frontplatte (4 statt 8mm) sowie ein nicht ganz so bombastisch dimensioniertes Netzteil.

Atoll ST 200: Funktionen

Das Konzept der ST-Modelle hat es absolut verdient, gleich doppelt realisiert zu werden: Einerseits spielen sie, wie für gute Netzwerk-Player üblich, Musikdateien unterschiedlichster Formate - von MP3 bis hin zum Studiomaster -, die auf PCs und NAS-Servern im Heimnetzwerk oder auf direkt einsteckbaren USB-Sticks lagern. Andererseits holen sie übers Internet tausende Radiostationen herbei und disqualifizieren damit das immer noch mühsam am Leben erhaltene "Digitalradio" DAB sowohl qualitativ als logischerweise auch quantitativ.

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Ferner gibt's Digitaleingänge für den Sat-Receiver, vielleicht für einen alten CD-Spieler und dank USB-B-Input auch für den PC. Zum krönenden Abschluss können noch zwei analoge Zuspieler mit dem ST 100 oder 200 anbandeln. Unabhängig von der Quelle regelt dieser die Lautstärke in der analogen Domäne, genauer gesagt mit einem Pegelstell-Chip, der sich wie die meisten Funktionen wahlweise per IR-Fernbedienung, direkt am Gerät oder über die Atoll-eigene Kontroll-App steuern lässt.

Bildergalerie

Atoll ST 200
Galerie

Würdevoller Rahmen: Um die hellgrüne Zukauf-Streamingplatine herum hat Atoll ein opulent bestücktes, dunkelgrünes Mainboard gebaut, das mit streng…

Atoll ST 200: Aufbau

Netzwerkseitig ist der Atoll eng mit dem Pro-Ject verwandt - beide verwenden die Stream700-Plattform von Stream Unlimited. Weshalb auch der Atoll beim Vor- oder Zurückspulen etwas hakelt, davon abgesehen aber mustergültige Praxiseigenschaften besitzt, hochauflösende Dateien anstandslos abspielt und natürlich auch die absolut unterbrechungsfreie ("Gapless-")Wiedergabe ineinander übergehender Musikstücke perfekt beherrscht.

Test: Denon Ceol Piccolo

Auch beim Wandler herrscht Übereinstimmung: hier wie da Burr-Browns vornehmer PCM1792. Dessen Ausgangs-Stromimpulse treffen im Atoll aber nicht etwa auf ein OP-Amp-IC, sie werden von diskreten Transistoren in Spannungswerte übersetzt. Ein weiteres Spalier von Einzel-Halbleitern schiebt die Signale dann mit einer herzhaften Amplitude von 3V - und ohne jegliche Gegenkopplungs-Zügel - zu den Cinch-Buchsen heraus. Diese Bauweise ist so Atoll-typisch wie die ungewöhnliche Fertigungstiefe, um die sich Atoll bemüht: Die Platinen, die auffällig dicken Gehäusebleche, so weit es geht auch die Bauteile, etwa die Elektrolyt-Kondensatoren, stammen möglichst aus Frankreich - oder zumindest aus europäischen Nachbarländern wie die Trafos des spanischen Wicklers Bobinados Zarel.

Atoll ST 200: Hörtest

Es ist aber die Kompromisslosigkeit der Analogstufen, denen der ST 200 wohl seinen klanglichen Charakter verdankt. Für Halbleiter-Verhältnisse leisten sich diese Baugruppen messtechnisch betrachtet recht kräftige Oberwellen. Aber man braucht schon gnadenlos genaue Lautsprecher wie die T+A CWT 1000 und Extrem-Elektronik wie die Momentum-Monos von Dan D'Agostino, damit man diese Nebenprodukte als minimale Aufhellung oder zusätzliche Pointierung des Klangs wiedererkennt. Sonst - etwa an den Pacific 3 von Cabasse - dominieren die rhythmische Kraft, das freie, lockere Zusammenspiel und die mitreißende Spontaneität, die die Tester schon an den D/A-Wandlern und dem Mehrkanal-SACD-Player des Herstellers so schätzten. Eigenschaften, die natürlich nicht dem Gerät selbst innewohnen, sondern auf der Musik vorhanden sein müssen, um dann eben besonders deutlich hörbar zu werden.

Während der atmosphärisch brütenden Ambient-Phasen des insgesamt hochspannenden Albums "Mercurial Balm" von Food (ECM Records 96kHz/24bit FLAC, www.highresaudio.com ) schienen sich die Player besonders deutlich zu unterscheiden: hellwach und enorm beweglich der Atoll, milder, romantischer, mitunter auch statischer der Pro-Ject, tonal genau zwischen diesen Polen, dabei präziser geordnet und dynamisch etwas zurückhaltender der Linn Sneaky - so erkämpfte sich auch der ST 200 einen der wenigen Plätze neben dem schottischen Altmeister.

Fazit

Ein stattliches, sehr solide verarbeitetes Gerät mit großem Praxiswert und riesigem Klang, ist der Atoll seinen Preis mehr als wert. Interessanter Nebeneffekt: Der Spieler sieht live richtig gut aus und steht nicht an jeder Ecke.

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