Testbericht

Canton Reference 1.2 DC im Test

Mit Keramik-Hochtöner schafft Canton endgültig den Sprung auf den High-End-Olymp. Die neue Reference 1.2 DC für 20 000 Euro kann klotzen, aber auch richtig sanft sein - je nach Musik.

  1. Canton Reference 1.2 DC im Test
  2. Datenblatt
Canton Reference 1.2 DC

© H. Härle

Canton Reference 1.2 DC

Pro

  • natürlich und feinzeichnend
  • klar und aberwitzig dynamisch
  • perfektes Timing

Contra

  • die Raumtiefe kennt Grenzen

Fazit

Mit ihrer unglaublich präzisen, ja manchmal entwaffnenden und aufklärerischen Art vermochte sie gar den einen oder anderen Schönhörer zu verschrecken.

Was ist eigentlich High End? Fragen Sie mal fünf HiFi-Fans, und Sie haben flugs fünf Meinungen. High End ist, wenn die Anlage besonders viel kostet, wenn nur edelste Materialien zum Einsatz kommen, wenn der Hersteller kompromisslos vorgeht, in kleinen Serien von Hand gefertigt wird oder schlicht wenn es atemberaubend klingt.

Welche Definition man auch immer wählen mag - den meisten HiFi-Marken, die als Preis-Leistungs-Champions bekannt sind und die ihr Geschäft mit bezahlbaren Lautsprechern machen, werden viele instinktiv keinen High-End-Status zuerkennen wollen. Eine rühmliche Ausnahme bildet Canton: Die Hessen wagten im Jahr 2005 ihr Know-how in eine gigantisch große und für eigene Maßstäbe mit 15.000 Euro auch unglaublich teure Box zu packen. Wer angesichts des fehlenden Images über dieses Vorhaben schmunzelte, den belehrte die Vento Reference  1 DC schnell eines Besseren.

Canton Reference 1.2 DC: Aufbau

Die Reference 1.2 DC könnte man nun als direkten Nachfolger sehen. Am eigentlichen Grundkonzept hat Chefentwickler Frank Göbl auch nichts verändert - zurecht! In beiden Fällen trügt der Schein der Chassis-Anordnung. Hier ist kein d'Apollito-Konzept am Werke, sondern ein einzelner Mitteltöner, der bis in den kritischen Präsenzbereich hinauf spielt. Der zweite Konus wird oberhalb des Grundtons sanft ausgeblendet.

Canton Reference 1.2 DC

© H. Härle

Im Modell sieht man den enormen Aufwand für Verstrebungen und Gehäusewände, sowie die vier getrennten Volumina für die Lautsprecherchassis.

Das verhindert ungewollte Bündelungseffekte und Auslöschungen, erhöht aber die Pegelreserven, was wiederum die tiefe Trennfrequenz von 150 Hz erst ermöglicht. Darunter übernehmen in Parallelschaltung die beiden gigantisch dimensionierten 12-Zöller mit Aluminium-Membran. Das Material, das von sich aus in puncto Steifigkeit nicht zur Spitze gehört, wird im Tiefzieh-Prozess stark mit drei verschiedenen Winkeln gekrümmt. Vergleichbar einem geschickt gefalteten, widerstandsfähigen Pappkarton ergibt sich in Kombination mit der Staubschutzkalotte eine verwindungssteife und knallharte Konstruktion, die Taumeln und Partialschwingungen wirksam unterdrückt. Dank der mehrfach geschwungenen Wave-Sicke und der Überhang-Schwingspule in einem sehr starken Magnetfeld schaffen die beiden Boliden einen Hub von 60 Millimetern - linear und ohne nennenswerte Verzerrungen, versteht sich.

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Viel Tiefbass braucht viel Volumen. Diese Regel gilt im Zeitalter von trickreichen Aktivkonzepten und leistungsstarken Endstufen nicht mehr ganz, im konventionellen Passivboxenbau dagegen schon. Und so bekam die Flaggschiff-Canton ein XXL-Gehäuse der Extraklasse spendiert: über 80 Kilo schwer, mit verrundeten, mehrlagig verleimten Seitenteilen und Holzstärken bis zu 50 Millimeter. Wichtig dabei: Die Bässe machen im eigenen Volumen Dampf, die Mitteltöner sowie der Hochtöner sind davon hermetisch getrennt, um nicht "von hinten" klangverfälschenden Druckwellen ausgesetzt zu sein.

Canton Reference 1.2 DC: Material

Exotische Membranmaterialien von Kevlar bis Chitin sind normalerweise nicht Canton-Philosophie, setzt man doch dort seit Jahren auf bewährtes Aluminium. Mit einer halben Ausnahme: Die Eigenschaften der Keramik, die unter HighEndern geradezu Kultstatus genießt, überzeugten auch Chefdenker Frank Göbl. Weil diese im Prinzip nichts anderes ist als unter kontrollierten Bedingungen oxidiertes Alu, kann man beim Hochtöner die Vorteile beider Materialien kombinieren, indem man seine Membran nur teilweise zu mineralischem Aluminiumoxid durcheloxieren lässt. So soll die Kalotte bei verbessertem Höhenverhalten etwas runder geformt und damit im Rundstrahlverhalten verstetigt werden. Um ihr auch im unteren Einsatzbereich, also zwischen 2500 und 6000 Hz, zu einem gleichmäßigen Abstrahlverhalten zu verhelfen, nutzt Canton eine Kombination aus Schallführung, Gitter und Filzvorsatz.

Canton Reference 1.2 DC

© H. Härle

Durch starke Biegung der Membran entsteht aus relativ weichem Aluminium eine harte Schwing-Einheit.

 

Die Frequenzweiche schaut komplex aus, beherbergt aber überwiegend Standardfilter 2. und 3. Ordnung mit nur minimalen Entzerrgliedern. Zusätzlichen Aufwand bringen die verschiedenen Abgriffe für Mittel- und Hochtöner, mit denen sich im Übergangsbereich der Pegel je nach Raumsituation und Geschmack etwas dosieren lässt.

Canton Reference 1.2 DC: Hörtest

High End hin oder her - die Abstimmung der alten Vento Reference 1 machte definitiv nicht alle HighEnder glücklich. Mit ihrer unglaublich präzisen, ja manchmal entwaffnenden und aufklärerischen Art vermochte sie gar den einen oder anderen Schönhörer zu verschrecken. "Klingt mehr nach HiFi als nach High End" - diesen Kommentar eines ehemaligen Kollegen schnappte ich einmal bei einer Messe-Vorführung auf.

Praxis: Lautsprecher richtig aufstellen

In diesem Punkt - und nur in diesem - unterscheidet sich die neue 1.2 DC von ihrem Vorgänger wirklich. Wenn ein ganzes Orchester im Fortissimo losbricht wie die Tschechische Philharmonie beim Kopfsatz von Mahlers 2. Sinfonie (Neumann, Supraphon LP), dann kann man nur ehrfürchtig staunen, wie ein Lautsprecher gleichzeitig so präzise, so durchhörbar und dennoch am Ohr angenehm klingen kann. Keinerlei Schönfärbung, kein Auflösungsverlust, aber auch keinerlei Überforderung des Gehörs, nicht der geringste Druck auf selbigem.

Canton Reference 1.2 DC

© H. Härle

Jede Platine steuert nur einen Weg an, hier die Mittelton- (links) und die Hochton-Weiche.

Damit spielte die Canton schon mit Klassik auf vergleichbarem Niveau wie die superbe KEF Reference 207/2, die zwar etwas bessere Lokalisation der einzelnen Musiker bot und den Raum etwas glaubhafter darstellte, es dafür aber auch bei den Pauken und Kontrabässen an Nachdruck vermissen ließ und zuweilen überpenibel mit den auflösungstechnischen Limitationen dieser historischen Aufnahme umging.

Kein Vertun gab es beim Spaßfaktor: Wenn Charlie Antonini seine Felle bei "Knock Out 2000" gerbte, verschob die KEF ein paar Liter Luft zu wenig. Die Canton dagegen hämmerte mit einem ansatzlosem Punch und atemberaubender Präzision bei jedem Schlag ein Lächeln auf die Lippen der Zuhörer. Ihre untersten Oktaven passten sich beinahe gleitend den Erfordernissen der Musik an: mal massig-fundamental wie in Stanley Clarkes "Justice's Groove" ("Bassfire", Zounds), mal schlank-präzise wie bei Jamiroquais "Travelling Without Moving". Dass die Reference bei so einer Spannweite keinerlei Einschränkungen bezüglich der Musikrichtungen kennt, versteht sich fast von selbst.

Da durfte es zum Schluss auch mal etwas clean produzierter, hymnischer Rock sein: Queens "Prophet's Song" von der DVD-Audio "A Night At The Opera" tönte zeittypisch etwas artifiziell, aber absolut stimmig und mit perfekter Balance aus Analyse und Gefühl.

Fazit

Die Canton-Philosophie für High End lautet: solide Materialwahl, genaueste Entwicklung und soviel Aufwand wie nötig. Das klingt bodenständig und wenig nach esoterischem Zauber. Umso besser, denn das Ergebnis gibt den Hessen recht: Die Reference 1.2 DC klingt nicht nur gigantisch groß und macht riesig Spaß, sondern versetzt unvoreingenommene HighEnder auch mit feinen und zarten Tönen in Verzückung. Sie vermittelt das gute Gefühl, dass man danach das Thema Boxenkauf ad acta legen kann.

Canton Reference 1.2 DC

  
HerstellerCanton
Preis20000.00 €
Wertung104.0 Punkte
Testverfahren1.0

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