Röhrenverstärker

Cayin CS 55 A im Test

Einst in die Nische gedrängt, haben sich Röhrenverstärker mit musikalischen Meriten wieder ganz nach oben gearbeitet. Poliert und geschleckt und mit USB und DAC treibt den Cayin CS 55 A besondere Ehrgeiz um. Der Röhrenverstärker im Test.

Cayin CS 55 A

© Cayin

Cayin CS 55 A

Bei aller Symphathie, der Besitzer eines bezahlbareren Röhren-Amps muss mit Kompromissen leben. Etwa mit dem Gegentakt-Prinzip, bei dem sich zwei Röhren die Kärrner-Ausgangs-Arbeit aufteilen.

So spannte der deutsch-chinesische Firmenverbund Cayin bei seinem CS 55 T für 2000 Euro je eine Endpentode des Typs KT 88 als eine Spezialistin für nach oben ausholende Schwingungen und eine weitere für nach unten zuckelnde ein. Weil der Ausgangsübertrager die Gegenpole weitestgehend wieder zur Original-Ausgangsmusik zusammenfasst, bleibt unterm Strich ein gewaltiger Vorteil: Die Ruheströme für die mehr oder minder nur in eine Richtung ausgesteuerten Röhren dürfen sich in Grenzen halten, bei aus einer auch für Grüne akzeptablen Effizienz resultiert eine Netzteilgröße, die sich auch ein weniger steuerbegünstigter Zeitgenosse noch leisten kann. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Cayin an dieser Stelle sparte.

Cayin CS 55 A Rückansicht

© Cayin

Cayin CS 55 A: Rückansicht

Stromversorgung

So bereitet der CS 55 A über nicht weniger als 8 Sekundärwicklungen seines Netzumspanners ein ganzes Füllhorn von Versorgungsspannungen auf. Über Nichicon-Elko mit 330 sowie 470 Mikrofarad Kapazität sowie über eine Störungen bremsende 4-Henry-Eisenkernspule führt der Weg zu den vier Leistungspentoden.

Für die hochreine Speisung der Gittervorspannung-Justagekreise und der Vorstufen-Röhren stehen etliche weitere Stromspeicher und Stabi-Bauelemente (200-Volt-Zenerdioden) bereit. Zu alledem kommt nun noch der neueste Schrei: Das Netzteil darf nun auch noch USB-Empfangselektronik nebst einem Digital-Analogwandler (PCM 5501) ernähren, der Daten mit 24 Bit Dynamik und einem Takt von 384 Kilohertz umsetzen kann. Insofern sollte der Leser den Tester-Einwand verständnisvoll übergehen: "Wir haben vor einem Jahr beim 28 statt 17,5 Kilo schweren A 88 T von Cayin (Test)  auch schon mal ein deutlich kräftigeres Netzteil gesehen."

So oder so lässt sich auch beim Newcomer wieder per Metall-Ferngeber ein Ultralinear- und ein Triodenmodus aktivieren. Ein Relais verbindet die Endröhren-Schirmgitter einmal mit einem Übertrager-Anzapf, so dass eine leistungssteigernde Mitkopplung ensteht. Alternativ setzt der Cayin die Beschleunigungselektronen mit den Anoden in Verbindung, was aber - im Falle des CS 55 A - weder technische noch akustische Vorteile bringt.

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Auf jeden Fall aber ist zu begrüßen, dass der 2000-Euro-Amp seine drei Analogeingänge mit Kapselrelais durchschaltet und mit einem Alps-Potentiometer den gewünschten Pegel abgreift. Und dann nicht nur mit einem, sondern mit zwei parallel betriebenen Trioden-Systemen einer ECC 83 die erste Signalanhebung so schwungvoll besorgt, dass die anschließende mit je einer ECC 82 bestückte Phasensplitter geradezu mit links ansteuern kann. Mit umso mehr Elan arbeitet diese Gegentaktstufe - so rum und so rum - den beiden Leistungspentoden einer Kanalseite zu.

Cayin CS 55 A innen

© Cayin

Auf grünen Boards rechts und links sitzen von oben her zugängliche Trimm- Potentiometer für die Bias-Justage.

Röhrenauswahl

An dieser Stelle bietet der CS 55 A auch seinem Besitzer Information und Zugriff. Sollte es je nicht mehr ganz so toll tönen, blickt er auf das mittig im Chassis eingelassene Drehspulinstrument, und trimmt die Ruheströme via Schraubpotentiometer wieder auf die Sollmarke ein. Diese Variabilität bietet ihm auch die Möglichkeit, andere sockelgleiche Röhren auszuprobieren. Etwa die etwas schwächere EL 34 oder die stärkere KT100 oder aber die gerade in Mode kommenden, tropfenförmigen Tung-Sol KT 150.

Kaufberatung: Vier High-End-Vollverstärker im Test

Im Falle der letzteren raten die Tester aber zur Vorsicht. Brachte sie auf dem CS 55 A gerademal 2 Watt mehr, hörte sich das Klangergebnis - in der nicht auf diese Röhre zugeschnittenen Umgebung - unten schwammiger und oben herber an.

Hörtest

Mit der KT 88 (oder auch mit EL 34) tönte der CS 55 A aber - wie es sich für einen Cayin gehört - aber schlichtweg fantastisch. "Jawohl, da vorne zirpeln Saiten", beschrieb selbst ein besserer Transistor-Amp noch das Geschehen, während der Gitarrist im Anschluss via Röhre erst so richtig mit Leib und Seele in die Stahlseile stieg. "Ei, da die Vienna singt aber wieder schön" - das brachte dem Halbleiter nicht viel Applaus, weil die Teng erst per Röhre richtig zu atmen und als lebendige Künstlerin zu bezaubern begann.

So erspielte sich der CS 55 A einen grünen Haken nach dem anderen: Jawoll, auch im Bass stocherte er nicht in dunklen Nebeln herum, er griff vielmehr herzhaft in die Vollen. Staubtrockene Hiebe auf die Snare-Drum gelangen ihm genauso wie Himmels-Öffnungen mit rasenden Wirbeln über kaleidoskopartig schillernde Schlagzeugbecken.

Und weil der Röhrenverstärker auch unter USB-Ansteuerung und Wandler-Einsatz sein Bestes gab, darf es ruhig heißen: Cayin hat mal wieder einen Knüller herausgebracht. Vielleicht aber keinen Knaller! Wie der Vergleich etwa mit dem T.A.C. T 22 zeigte, bot der CS 55 T zwar obenrum mehr Eleganz, er zog aber größeres Furore nicht ganz so tatkräftig durch. Kein Beinbruch, Cayin hat den relativ leichten CS 55 A ja nicht fürs Grobe, sondern fürs Feine eingeplant.

Fazit

Im Falle des Cayin CS 55 A fällt mir persönlich der uneingeschränkte Jubel schwer. Cayins Entscheidung, in diesen einen (!) Verstärker aus dem Programm eine USB-Elektronik einzubauen und dafür auf Gewicht beim Netztrafo und auf den letzten Bumms an Pegel zu verzichten, werden viele moderne Fans aber als vernünftig begrüßen. Denn mit brachialen Lautstärken können die meisten sowieso nicht hören. Also, alles gut! Und für Fans, die von vorne herein mit externen Wandlern planen, hat Cayin ja auch wohlklingende Kraftbolzen im Angebot.

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