Fahrbericht

Ferrari FF mit Sound-System von JBL Pro

Wenn ein Ferrari FF mit 660 PS zum Alltag wird. Wenn ein Besuch bei Nick Mason, dem Drummer von Pink Floyd, oder Steve Levine, dem Produzenten von Culture Club, im Terminkalender steht. Und wenn dich die Geschäftreise entlang der Stationen der Beatles von Liverpool nach Hamburg führt. Dann bist du bei der "Journey of Sound" gelandet. Die Geschichte einer etwas anderen Testfahrt.

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© Ferrari

Pro

  • Elastischer Motor, gleichmäßige Leistungsentfaltung und perfekte Dosierbarkeit, höchste Längs-, Quer- und Sound-Dynamik.
  • Gefühlsechte, direkt und zugleich leichtgängige Lenkung.
  • Sehr komfortabel und trotzdem sehr sportlich.
  • 7.1-Audio-System, von dem die meisten Limousinenbesitzer nur träumen können.
  • Eigenwilliges, aber durchdachtes Bedienkonzept, höchste Funktionalität.
  • Gutmütiges Fahrverhalten. Hohe Neutralität von Klang- und Fahrzeugbalance.

Contra

  • Großer Wendekreis.
  • Sportwagenhafte Abrollgeräusche knabbern ein Quäntchen vom Klangvolumen in den unteren Mitten ab.
Hervorragend

Wer lange genug als Journalist arbeitet, muss aufpassen, dass er nicht irgendwann beginnt, in einem Parallel-Universum zu leben. Klar, mal eben schnell den Bugatti Veyron mit 1001 PS ausprobieren oder gemütlich im Rolls-Royce cruisen, das macht jedem Spaß, der sich ein Kind im Manne bewahrt hat. Und auch die meisten Damen, die ich kenne, würden nicht "nein" sagen. Das Problem dabei ist nur, die Bodenhaftung, den Realitätsbezug zu bewahren. Sonst sind die ganzen tollen Jubelberichte für Leser außerhalb jenes exklusiven Zirkels nichts anderes als Fantasy-Literatur - bestenfalls nett zu lesen, aber als Ratgeber kaum zu gebrauchen. Schön, dass ausgerechnet ein Unterhaltungs-Elektronik-Riese wie Harman sich über die Problematik des sukzessiven, subtilen Abdriftens Gedanken machte: "Die Idee der "Journey of Sound" war, Ihnen Gelegenheit zu geben, unsere Produkte und die Anwender aus dem Profi-Bereich mal im normalen Alltag zu erleben." Soviel zur Theorie. Die Anwender, das sind echte Titanen wie Nick Mason, Schlagzeuger der Supergroup Pink Floyd, oder Steve Levine, Produzent der Beach Boys und Culture Club. Weitere Anwender finden sich in den heiligen Hallen der Musikproduktion, wie den Londoner Air Studios, die in einer umgebauten Kirche residieren. Nicht zu vergessen, der Cavern Club in Liverpool, wo die Beatles auf die Beine kamen.

Und der "Alltag" sieht so aus: Man trifft für Dich Verabredungen mit den oben genannten Weltstars, packt noch ein paar Konzerte mit aufstrebenden jungen Musikern wie Jonas Tomalty & The Massive Attraction, Jamie N Commons, Kate Nash, Natalie McCool oder der deutschen Band Wilhelm Tell Me drauf. Dann schnürt man dir einen Terminplan, der so gespickt voller Attraktionen ist, dass du ein Flugzeug bräuchtest, um nichts zu verpassen. Oder einen Ferrari. Und weil der wegen seiner kongenialen Verbindung aus Kraft, Komfort plus Kofferraum vortrefflich gewählte FF über Allrad-Antrieb verfügt, legten die Harmänner den Termin noch in den tiefsten Winter, um garantiert auf schlechtes Wetter bauen zu können. Das gibt der "Alltagsstory" noch die nötige Würze, dramaturgisch perfekt. Du bist auf ein zuverlässiges und praktisches Auto angewiesen - fast wie ein Pendler.

Bildergalerie

Ferrari FF auf der Penny Lane
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Dieser Ferrari hat nicht nur vier Sitze, sondern auch Vierradantrieb. Dazu kommen 15 Lautsprecher von JBL Pro: Willkommen im schnellsten HiFi-Studio…

Drink or Drive?

Soweit die Theorie. Ich fühle mich eher wie ein Pendler zwischen den Welten: Nachts mag der Kreative in mir bis zum Umfallen mit den Musikern feiern, tagsüber muss der Tester in mir seinen Mann stehen. Oder auch nicht. Die Ferrari-Experience beginnt für mich auf dem Beifahrersitz. Halb so schlimm. "Je ne regrette rien."

Neben Ferrari engagierte sich Veuve Cliquot als Sponsor der Journey of Sound. Ausgerechnet Veuve. Wenn es einen Champagner gibt, der mir persönlich zu sauer ist, dann der weiße Veuve. Soweit hätte es ja der Parole "Don't drink and drive" in die Karten gespielt. Doch dann schenken sie am Vorabend der ersten Testfahrt beim Konzert im Cavern Club ausgerechnet den Rose aus. Der geht mir runter wie dem 6,3-Liter-V12-Saugmotor des Ferrari sein von Shell gemixter 100-Oktan-VPower-Cocktail. Ich weiß zwar nicht mehr, wie ich dazu kam, mit einer ebenfalls angeheiterten Britin vor ihrem Begleiter eine - dem Vernehmen nach - wilde Tanzeinlage vor der Bühne hinzulegen. Doch ich wusste ganz genau, welche Konsequenzen das heute haben sollte: Gemütlich, ja relaxed, mit einem inneren Strahlen vernehme ich vom Beifahrersitz aus, wie mein Kollege einer weiter nördlich beheimateten Publikation hoch konzentriert das Briefing für den FF entgegennimmt. Eigentlich sitzt er auf dem Beifahrersitz. Aber die Briten haben sich entschlossen, die Lenkräder und Pedale auf der rechten Seite einzubauen. Nach dem, was mir ein englischer Bekannter glaubhaft versicherte, geht diese Entscheidung auf die Zeit von Rüstung und Schwert zurück. Weil die meisten Briten wie die Menschen auf dem Kontinent ebenfalls Rechtshänder sind, trugen sie ihre Waffe rechts und konnten sich so direkt vom Pferd aus bekämpfen, ohne die Spur zu wechseln. Wie praktisch!

Mögen die Spiele beginnen

Doch ich lasse es ruhig und defensiv angehen. Bislang verläuft die Tour ganz in meinem Sinne - bis auf die Tatsache, dass ich am ersten Tag fast zweimal vor ein Auto, das von rechts kam, gelaufen wäre. Das dämpft meinen Eifer, selbst ins Lenkrad zu greifen. Während sich der Kollege mit dem Linksverkehr von Liverpool abrackert, mache ich ein Nickerchen. Im 660 PS starken Supersportwagen auf Lederpolstern mit eingeprägten Cavallino Rampante. Nur Fliegen ist schöner!

Ich habe alles schon erlebt. Ferraris auf der Rennstrecke - nebendran gesessen und auch das ein oder andere Mal nassforsch nebendran vorbeigefahren, was man in seiner "Auto-Biografie" vermutlich nie vergisst. Auch dem FF konnte ich schon mal kurz, aber heftig auf dem kleinen Dienstweg im Sport-Modus-Setup die Sporen geben - auf einer einsamen Landstraße. Eine leichtfüßige Lenk-Rakete erster Güte! Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass man auf dem Beifahrersitz eines Boliden aus Maranello so sanft träumen kann. Sogar das Aufwachen ist eine Wucht. Ein gezielt gesetzter Gasstoß holt mich mit raubtierhaftem Fauchen kurz vorm Zwischenstopp ins Reich des Wachseins zurück. So schön bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht geweckt worden - einfach herrlich. Im komplett lederverkleideten FF fühlt man sich wie in Abrahams Schoß, oder, um ehrlich zu sein, eher wie bei Sophia Loren in ihren besten Zeiten.

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© Stefan Schickedanz

Musik-Express: JBL Pro macht mit 1280 Watt und 15 Lautsprechern den Ferrari FF zu einem der schnellsten Konzertsäle aller Zeiten.

Nach dem Essen übernehme ich das Steuer des Ferrari. Es ist unten abgeflacht wie in einem Rennwagen, liegt allerdings trotzdem selbst beim Rangieren gut in der Hand. Die direkte Übersetzung sorgt ohnehin für geringe Lenkeinschläge, die immerhin fünf Meter lange Flunder wirkt handlich und gefühlsecht wie ein kleiner Sportwagen. Lediglich der Wendekreis liegt auf höchstem Limousinen-Niveau. Ein richtiges Stadtauto haben die Italiener hier trotz hohen Nutzwerts mit vergleichsweise großem Kofferraum, Hecklappe und einzeln umlegbaren Rücksitzen nicht auf die riesigen 20-Zoll-Räder gestellt. Wollten sie auch gar nicht. Aber mit welchem anderen Ferrari würdest du sogar in den Ski-Urlaub fahren wollen? Der FF lässt sich aus dem FF beherrschen.

Selbst Eigenheiten wie die über Schaltwippen und Drücker in der Mittelkonsole zu bedienende Doppelkupplungs-Automatik oder die direkt am Lenkrad angebrachten Blinkerschalter stellen kein Hindernis dar. Im Gegenteil, was die Fahrtrichtungsanzeige betrifft, fragt man sich bereits nach zweimaligem Abbiegen, warum das nicht alle so machen. Das gilt auch für die Instrumente, die bis auf den zentralen Drehzahlmesser aus Bildschirmen bestehen, deren Anzeigen sich nach Bedarf konfigurieren lassen. Überhaupt ist es jene Radikalität bis ins kleinste Detail, jenes spürbare Brennen darauf, mit Konventionen der Straße zu brechen und dem Rennsport soweit möglich - und sinnvoll - zu huldigen, die den besonderen Reiz von Ferrari ausmacht. Wenn man von einer Sportlimousine, sei sie auch noch so stark motorisiert, auf einen Porsche 911, Cayman oder selbst den großen Panamera umsteigt, dann bedeutet das in der Emotionalität und Sportlichkeit den Schritt in eine andere Welt. Gegen das, was Ferrari auf die Straße schickt, sind - bei aller Bewunderung - die Autos aus Zuffenhausen von einigen limitierten Supersport-Editionen vielleicht mal abgesehen, fast schon brave Alltagskutschen.

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© Ferrari

Ist die Feder mächtiger als das Pferd? Der Autor versuchte sich an 660 PS und Rechtslenkung. Eigenheiten wie Blinkerschalter am Lenkrad erwiesen sich dabei sogar als hilfreich.

Sound-System von JBL

Trotzdem kann man mit dem Muster an Elastizität bei gefühltem Standgas ohne nennenswerten Ausschlag des bis 10.000 Touren reichenden Drehzahlmessers total entspannt cruisen. Perfekt, um sich dem Genuss der grünen, hügeligen südwestenglischen Landschaft und der zeitlosen Musik von Pink Floyd hinzugeben. Einfach das iPhone an das von Harman entwickelte Infotainment-System mit seinem 1.280 Watt starken Lautsprecher-System von JBL Pro andocken und los geht's. Für diese Tour habe ich extra eine Playlist mit Titeln wie "Echos" angelegt. Wer dieses atmosphärisch dichte, düstere Stück - auf meiner über 30 Jahre alten Vinylversion füllte es eine ganze Plattenseite - einmal bewusst gehört hat, hegt keinen Zweifel daran, dass es vom Drummer Nick Mason komponiert wurde. Das epische Trommelsolo in der Mitte trägt das ganze Stück und lässt mir mächtig Gänsehaut den Rücken herunterlaufen. Da sitzt du in einem Ferrari, hörst den Klassiker in einer Lautstärke, Qualität und Intensität, die für die meisten von uns im Wohnzimmer schon alleine wegen der Räumlichkeiten und Nachbarn unerreichbar sind.

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© Stefan Schickedanz

Zeitreise: Tester Stefan Schickedanz war trotz aller Routine am Steuer sehr schneller Autos im Linksverkehr mit Rechtslenker konzentriert wie in der Fahrschule.

Das Schlagzeug wirkt so echt, dass du förmlich die Felle vor dir siehst. Die Becken fauchen, dass dir fast der Atem stockt. Die Abbildung ist - Quantum-Logic-Signal-Processing der neuesten Generation sei Dank - weiträumig und stabil. Die Grenzen der Karossiere scheinen sich aufzulösen, du versinkst in den Fluten der Musik. Dazu inhalierst du den Anblick der einzigartigen englischen Countryside und weißt, du stehst gleich einem deiner größten Musikeridole gegenüber: Nick Mason lässt bitten. Hier erwartet uns die Fortsetzung von Pink Floyd und Ferrari mit anderen, fast grenzenlosen Mitteln. Der Rockstar sammelt Autos - oder wie er das nennen würde: Er fährt Rennen und braucht dazu einen gewissen Fuhrpark. Dabei sammelten sich im Laufe der Jahre über 40 Legenden aus der Geschichte des internationalen Rennsports an, von denen auffallend viele das Wappen des springenden Pferdes tragen.

Musik-Tipps: Die besten Auto-Songs aller Zeiten

Sogar das teuerste Auto der Welt, der selten gebaute Ferrari 250 GTO von 1962 für rund 35 Millionen Euro befindet sich darunter oder das Filmauto von Siegfried Rauch aus dem Steve-McQueen-Film "Le Mans". Mason kaufte es als ausgebranntes Wrack und ließ es restaurieren. Der Mann hat für seine Sportwagen-Leidenschaft die eigene Firma "Ten Tenth" gegründet, wo sich drei Spezialisten seiner Pretiosen annehmen. Kein billiges Vergnügen, deshalb kam Masons Doppelleben auch erst richtig in Fahrt, als Pink Floyd mit dem in den legendären Abbey Road Studios gemasterten Konzeptalbum "Dark Side Of The Moon" eine der drei erfolgreichsten Musikveröffentlichungen aller Zeiten herausbrachte.

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© Harman

Quick Nick: Der Pink-Floyd-Drummer Nick Mason sammelt rasante Sportwagen. Hier lehnt er sich ans teuerste Auto der Welt, den Ferrari 250 GTO.

Das war 1973. Inzwischen wirkt der würdevoll gealterte Mason eher wie ein Schauspieler als wie ein Rockstar, der einst mit Muscle Shirts, Schnauzbart und zotteligen langen Haaren wie ein wildes Tier auf das Schlagzeug eindrosch. Mit diesem sympathischen Snob könnte man stundenlang über Benzin reden, aber die Zeit ist begrenzt. Der nächste Superstar, Producer Steve Levine, wartet zum Abendessen im einige Stunden entfernten London. Zudem haben wir durch eine nicht ans Navi weitergeleiteten Vollsperrung und eine Irrfahrt nach dem letzten Wegpunkt kostbare Zeit verloren. Also hurtig, aber nicht hektisch. Das wäre gegen die britische Straßenverkehrsordnung und die entspannte Stimmung an Bord. Enge Landstraßen und Fahrspuren auf der Autobahn tun in Verbindung mit dem Linksfahren beziehungsweise Rechtslenken ein übriges, um selbst hitzige Gemüter wie meines zu beruhigen.

Journey of Sound: Liverpool

Quelle: JBL
0:31 min

Der FF fährt sich fast im Schlaf. Keine Spur von alten Allüren, für die Ferrari mal berühmt berüchtigt war. Statt der Kulissenschaltung, die viele Laien als anstrengend empfanden, werkelt jetzt ein automatisches Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Statt Hinterradantrieb und dem für seinen schmalen, mitunter tückischen Grenzbereich bekannten Heck-Mittelmotor-Prinzip fährt der FF (Ferrari Four) Allradantrieb mit variabler Kraftverteilung und Front-Mittelmotor mit 53% des Gewichts an der Hinterachse auf. Die Traktion ist so gut, dass nicht mal ein beherzter Gasstoß ausreicht, das 1,9 Tonnen schwere Gerät bei abgeschalteter Traktionskontrolle und deaktiviertem ESP - was Rennwagen-like mit einem satt rastenden metallischen Drehschalter ("Manettino") am Multifunktions-Lenkrad geschieht - auf dem nassen Gras auf der Stelle umzudrehen. Wollte auch nicht Vollgas geben, weil der Beifahrer schon den Akt des Abschaltens der elektronischen Fesseln mit blankem Entsetzen registrierte. Zudem wollte ich nicht Nicks Rasen umgraben. So schiebt der Ferrari nur ganz brav über alle Viere, rutscht auf der Vorderachse fast so stark wie auf der Hinterachse. Aber eben nur fast, was man von manch anderem Allradler nicht behaupten kann. Das kleine infantile Experiment spricht Bände zum Experten: Mit diesem Auto wirst du auf rutschigem Terrain zwar nicht übermäßig spektakulär quer unterwegs sein, aber sauschnell. Denn Ferrari befasst sich zwar mit Männerspielsachen, aber die ganze gezähmte Rennsport-Technik ist hier keine Spielerei.

Wie gesagt, liegt es nicht ander hohen Leistung oder Beherrschbarkeit des Autos, allenfalls am horrenden Grundpreis von rund 260.000 Euro, dass ich mich über meine eigene Demut hinterm Steuer wundere. Der Linksverkehr und die ebenfalls spiegelverkehrte, gerade beim Abbiegen und in Kurven ungewohnte Sitzposition fordern ihren Tribut an meinem üblichen Übermut. Wenn du selbst den automatischen Blick in den Innenspiegel bewusst auf die andere Seite umlenken musst. Wenn du beim Abbiegen die Spuren sortieren, an jeder Kreuzung oder Einmündung zuerst auf die andere Seite schauen musst, ob jemand kommt. Wenn Du links von dir noch die Hälfte des gut zwei Meter breiten Autos hast und die Straßen teilweise so schmal sind, dass keine zwei Autos aneinander vorbeipassen. Wenn dir ausgerechnet in Momenten der Entspannung immer wieder der linke Arm abstürzt und du erst mit der Zeit drauf kommst, dass dein Unterbewusstsein ihn zum wiederholten Mal auf der Fensterkante ablegen wollte - dann sitzen selbst Hitzköpfe mit C-Lizenz konzentriert und angespannt hinterm Steuer wie seit den ersten Fahrstunden nicht mehr. Denn der Moment, wo du in die - über mehr als eine halbe Million Kilometer geprägte - unterbewusste Routine abrutschst, ist der Moment, wo du im Linksverkehr vielleicht den entscheidenden Fehler machst.

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© Harman

Country Roads: Ein Ritt über die grüne Insel macht mächtig Laune, zumal mit der Musik von Pink Floyd.

Home, sweet Home

Das ändert sich im zweiten Teil der Journey of Sound, als wir auf heimischem Boden mit einem links gelenkten Ferrari Four den Anfängen der legendären Fab Four aus Liverpool nachspüren. Der internationale Durchbruch gelang den Beatles nämlich während ihrer anstrengenden Gastspielzeit in Hamburg. Weil Bands aus London zu teuer waren, engagierte ein Club-Besitzer die damals völlig unbekannte Band aus der Hafenstadt für einen regelrechten Konzert-Marathon rund um die Reeperbahn. Der Rest ist Geschichte.

Die Story des Fahrberichts bekommt in der Hansestadt ebenfalls neuen Schwung. Jetzt sitzt alles auf der richtigen Seite. Auch das Lenkrad des silbernen FF mit italienischer Zulassung. Mein britischer Kollege David tauscht die Chance auf einen Ritt auf der Autobahn gegen ein deutsches Bier, macht sich heute freiwillig zum Beifahrer - was ich gut verstehen kann. Und es regnet in Strömen: perfekt! Eigentlich liebe ich Regen nur auf der Rennstrecke, weil er sensible Fahrer mit rundem, flüssigem Fahrstil regelmäßig weiter nach vorne spült. Auf der Straße kam er mir bislang für Testfahrten nur mit einer Marke gelegen: Ein Audi Quattro macht mir nicht trotz, sondern gerade wegen des Regens Spaß. Bei anderen Autos war es bisher umgekehrt. Aber dieses Wetter ausgerechnet in einem Sprinter aus Maranello aus vollen Zügen zu genießen, gehört zu den größten Kuriositäten meines Autofahrerlebens.

Das Sauwetter weckt unweigerlich lebhafte Erinnerungen an einen Ferrari-Tag Ende des letzten Jahrhunderts in Hockenheim, wo ich den ersten Abflug eines bildschönen schwarzen 348 Spyders schon bei Sonnenschein in der Nordkurve direkt im Rückspiegel verfolgen konnte und wo es nach Einsetzen des Regens im Kiesbett wie auf einem VIP-Parkplatz aussah: praktisch kein Ferrari-Bolide aus dem Autoquartett, der dort keinen Besuch abstattete. Der Schönwetter-Bruchpilot schaffte es gar gegen Ende im Motodrom, sich gleich noch mal im Rückspiegel zu drehen - ich war auf meiner Bremsenabkühlrunde und wollte den Nass-Forschen eigentlich mit gesetztem Blinker vorbeilassen. Das hinterließ einen nachhaltigen Eindruck in Bezug auf die Allwettertauglichkeit und Divenhaftigkeit der Exoten aus Maranello. Zwar ging mein eigener, aus einer süddeutschen Kleinstadt stammender, hinterradgetriebener Frontmotor-Roadster im dritten Gang bei über 140 Sachen in den Kurven mehrfach quer. Das Abfangen war jedoch für einen routinierten Fahrer ein regelrechtes Kinderspiel. Dagegen gab es bei den Ferraris einen abrupten "Point-of-no-Return", wo selbst ein befreundeter Rennfahrer, der am Ende des Tages ebenfalls einen Gruppensieg einfuhr, einmal der Botanik einen Besuch abstattete. Und der erfahrene Racer war durchaus in der Lage, im F 355 eine glatte 1:26er-Runde in den nassen Asphalt zu brennen. Wer Zeitschriften wie "sport auto" liest, weiß den Wert dieser Zahlen einzuordnen.

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© Harman

Docking Station: Das Infotainment-System des Ferrari FF bietet auch einen Anschluss für iPhones und iPods.

Regenfahrt im Ferrari FF

Wenn dich allerdings auf der von sintflutartigen Regenfällen geprägten Tour durch Norddeutschland kein einziger Audi überholt oder dir mit seinen markanten Tagfahrlichtern den Rückspiegel verziert, dann hat ein Hersteller schon seine Hausaufgaben gemacht. Immerhin hält ein Audi S8 seit vielen Jahren meinen persönlichen Regenrekord für Starkregen mit einem Puffer von gut 40 km/h auf den schnellsten Heck- oder Fronttriebler. So viel wie damals ist bei den tiefen, wassergefüllten Spurrillen heute beim besten Willen nicht drinnen, aber der FF hält sich fabelhaft, gibt dem Fahrer ein sehr gutes Feedback und ein gutmütiges Grenzbereichsverhalten - optimal, um sich von unten ans Limit heranzutasten. Sogar ein Nass-Modus für die Steuerung von ESP, Traktionskontrolle sowie der elektronischen Differenzial- und Getriebesteuerung lässt sich am Lenkrad via Manettino wählen.

Der FF schwimmt gleichzeitig an beiden Achsen auf und hält dabei tapfer die Spur - man muss dem weit gereisten Beifahrer ja auch trotz verhältnismäßig niedrigem Leistungseinsatz etwas bieten. Kurzum, er gibt sich berechenbar und in Sachen Kraft- und Gewichtsverteilung bestens ausbalanciert. Unseren italienischen Nachbarn gelang eine ingeniöse Meisterleistung. Davon können sich unsere süddeutschen Autobauer durchaus die eine oder andere Scheibe abschneiden. Die Abstimmung aller mechanischen und elektronischen Komponenten ist einsame Spitze, der FF nimmt für mich sogar eine Sonderstellung ein. Er verkörpert die perfekte, um nicht zu sagen, kongeniale Verbindung zwischen reinrassigem Supersportwagen und eher autobahnaffinen Allwetterkönigen a la Audi S- beziehungswiese RS-Serie.

Sehr viel Licht also bei diesem eigenwillig geformten, polarisierenden Ausnahmeauto. (Mir gefällt das mutige Design der zeitgenössischen Interpretation des famosen Ferrari 412 übrigens sehr gut). Und auf den vielen 100 Kilometern über alle möglichen Arten von Straßen in zwei verschiedenen Ländern fand ich erstaunlich wenig Schatten. Und der betraf neben dem großen Wendekreis, der sich auch beim Abbiegen in verwinkelten Ecken äußerste - hier schien sich der Supersportler schlagartig in eine Stretchlimousine zu verwandeln - einen Faktor, der die Klangwiedergabe geringfügig eintrübte.

7.1-Kanal-Soundsystem

Das schwach bedämpfte Abrollgeräusch der breiten Reifen verdeckte die unteren Mitten und sorgte dafür, dass hier je nach Straßenbelag mehr oder weniger Volumen verloren ging. Das machte Stimmen und Instrumente gegenüber der superben Wiedergabe im Stand etwas dünner und verwaschener, der Oberbass verlor etwas an Punch. Für alle, die Ferrari von früher als beinharten Sportwagen kennen, darf man hier getrost von Luxussorgen sprechen. Schließlich reitet man höchst dynamisch und gefühlsecht auf über 600 PS. Entsprechend darf man sich freuen, überhaupt ein 7.1-Kanal-Sound-System mit 15 Lautsprechern plus einer Technologie wie Quantum Logic an Bord zu haben. Das nach semantischen Gesichtspunkten arbeitende Audio-Processing-Verfahren verleiht selbst CDs durch präzise hinzugerechnete Kanäle mehr Raum, ohne Information zu verschlucken. Wer hier die Prioritäten in Richtung HiFi verschieben will, sollte den Kauf des von Ferrari beeinflussten Maserati Quattroporte mit dem auch von Harman entwickelten B&W-System in Betracht ziehen. Diese ebenfalls von Ober-Ohr Arndt Hensgens abgestimmte Anlage lässt im Bass-Bereich eine gewisse Verwandtschaft erkennen und klingt unabhängig von der kommoderen Geräuschkulisse der viertürigen Limousine in den Mitten ohnehin eine spur filigraner.

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© Harman

Cars and Girls: Sängerin Kate Nash (rechts) posierte mit ihrer Gitarristin Linda Buratto und dem Ferrari FF vorm gemeinsamen Konzert in Hamburg.

Ein weiterer Kritikpunkt meines britischen Kollegen David Price erweist sich in meinen Augen als größtes Kompliment an die Entwickler des FF und unterstreicht letztlich meinen eigenen Eindruck. Deshalb möchte ich mein Fazit damit abschließen: "Die Lenkung hat mir zu wenig Rückmeldung und Präzision", meint der Kollege von der berühmten Huffington Post. "Einer von uns beiden hat offenbar keine Ahnung von Autos", denke ich mir im Stillen, um dann die Diskussion zu suchen. Die überraschende Auflösung adelt unsere Fachkenntnisse ebenso wie die Leistung der Entwickler aus Maranello. David hatte mal einen Lotus Elise - einen puristischen, aus Aluminium und Kunststoff gefertigten Zweisitzer, der nicht mal halb soviel Gewicht wie der FF auf die Wage bringt.

Ein Wunder, überhaupt auf die Idee eines Vergleichs zu kommen: Hier der mit allem Luxus wie Vollleder-Ausstattung, Mehrzonen-Klimatisierung, überragender JBL Pro High-End-Anlage, vier vollwertigen Sitzen nebst Allrad-Antrieb ausgestatteten Familiensportwagen. Auf der anderen Seite das maximal puristische Mittelmotor-Kart mit einfachem Kühlaggregat, Alpine-Radio mit zwei Boxen - ein Freizeitauto, das nicht mal Türverkleidungen geschweige denn Teppiche besitzt. Das zeigt doch, dass es Ferrari in geradezu spitzbübischer Manier gelungen ist, uns eine ausgewachsene, top ausgestattete Fünf-Meter-Reiselimousine als Sportwagen unterzuschieben...

Fazit

Der FF verbindet die Direktheit sowie Leichtfüßigkeit des Landstraßen-letzter-Ordnung-Kurvenräubers Mercedes SLS AMG mit der beispiellosen Allwetter-Autobahntauglichkeit und Reisefreundlichkeit eines Audi S8, den ich vor über sechs Jahren fuhr. Der eine ist für mich bisher der Sportwagen mit dem höchsten Faszinationsfaktor und einer traumhaft leichtgängigen und präzisen Lenkung. Der andere ist meine, vom aktuellen A8 4,2 TDI gefolgte Regen-Referenz.

Und die Anlage des Ferrari FF schafft ebenfalls einen Spagat. Auf der einen Seite mag ich die Kombination aus Burmester-System und Porsche 911 für ihren Drive und ihren Spaßfaktor. Auf der anderen Seite stehen die beiden besonders geschmeidigen, äußerst neutral abgestimmten und mit einer sehr differenzierten, tiefreichenden Basswiedergabe brillierenden Sound-Systeme des Maserati Quattroporte und des noch größeren Rolls-Royce Wraith , von deren relaxter Klangkultur ich begeistert war. All diese Gegensätze in einem Auto zu finden, verdient gehörigen Respekt.

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