Fahrbericht

Jeep Grand Cherokee

SUVs erobern jedes Terrain. Man sieht die hippen Geländewagen-Look-alikes inzwischen vor jeder Schule, jedem Bio-Supermarkt und vor der Oper. Blitzblank poliert und mit hochempfindlichen, niederschultrigen Alufelgen meiden sie das Gelände wie der Teufel das Weihwasser.

Macht gewöhnliche SUVs im Gelände nass: Jeep Grand Chrerokee.

© Jeep

Macht gewöhnliche SUVs im Gelände nass: Jeep Grand Chrerokee.

Wie weit es mit der Geländegängigkeit der Asphaltyachten her ist, kann man am Schluss-Gag des Zeichentrickfilms "Cars" ablesen. Selbst die Kinder lachen inzwischen darüber. Da will ein alter Militär-Jeep seine domestizierten Nachfahren im SUV-Bootcamp schleifen. Ach ja, der gute alte Jeep. Auf seinen 1993 eingeführten Enkel, den geländetauglichen Grand Cherokee geht die ganze Sports-Utility-Bewegung überhaupt erst zurück. Auch er spiegelt den Hang zur Dekadenz, der seinen Stamm über die Jahre befallen hat. Fast erinnert sein Schicksal ein wenig an den Boxer Rocky, der im soundsovielten Teil auch vor lauter Erfolg und Luxusleben reichlich Speck angesetzt hat. Doch, was so ein alter Kämpfer ist, der hat sich einen harten Kern und ein starkes Herz bewahrt, das ihn wieder aus dem Sumpf zieht. Am Ende steht er wieder ganz oben und triumphiert.

Cockpit des Jeep Grand Cherokee

© Jeep

Harman liefert die Radio-Navigation mit 8,4 Zoll Touch Screen und Spracherkennung.

Ganz oben, das ist heute wörtlich zu nehmen. Nur wartet dort kein Siegerkranz, sondern ein Einweiser auf uns. Ganz oben, das ist auf einem Hügel mit so steilen Abhängen, dass man bei der Abfahrt den Boden unter den vier riesigen Alurädern nicht sehen kann. Deshalb werden wir eingewunken wie ein Flugzeug. Noch bevor ich das Steuer des frisch facegelifteten - noch eine Gemeinsamkeit mit Rocky-Mimen Sylvester Stallone - Jeep Grand Cherokee selbst übernehme, gilt es, das Frühstück bei mir zu behalten. Jeeps Konzernmutter Fiat hat einen gestandenen Off-Road-Profi engagiert, um eindrucksvoll die Geländegängigkeit des Italo-Amerikaners zu demonstrieren. Die hat ganz offensichtlich allem Luxus zum Trotz auch in der vierten Generation nichts von ihrer Brillanz eingebüßt. Schrittweise tastet sich der, in Radstand und Spurweite mit der Mercedes M-Klasse identische, weil darauf basierende Jeep behutsam bergab und hebt dabei sogar das linke Hinterrad einen halben Meter vom Boden ab. Interessanterweise sieht die Übung vom Beifahrersitz harmloser aus, als von außen.

Auf einem Luftkissen durchs Gelände

Das durch reichlich Leder und Hölzer aufgewertete, sehr gut verarbeitete Interieur mit seinen bequemen Sitzen übt selbst in Extremsituationen eine äußerst beruhigende Wirkung aus. Das gilt grundsätzlich für das ganze Auto. Bei diesem erstklassigen Federkomfort auf Straßen letzter Ordnung und vor allem dort, wo überhaupt keine Straßen mehr sind, erübrigt sich die Frage, ob dieser sanfte Riese Luftfederung besitzt. Es gibt dieses Extra bei den Ausstattungs-Paketen Overland und Summit sogar serienmäßig. Und es passt wunderbar zum sänftenartigen Charakter des gezähmten Wilden. Denn alles an diesem Auto ist smooth: die Lenkung, die Polsterung, das handverarbeitete Nappa-Leder, welches sich bei meinem Testwagen sogar übers Armaturenbrett erstreckt.

weißer Jeep Grand Cherokee

© Jeep

19 High-Performance-Lautsprecher bringt Harman im Innenraum unter.

Das ist gut so. Stell dir vor, du hast letzte Nacht lange gefeiert und auch noch mit der Klimaumstellung zu kämpfen. Das Letzte, was du in diesem Moment freiwillig tun möchtest, ist mit einem über 4,80 Meter langem, knapp 1,80 Meter hohen und über 2,15 Meter breiten Monstrum über Stock und Stein zu fahren, dich über schmale, verwinkelte Pfade kämpfen. Doch ich bin überrascht: Der neue Grand Cherokee fährt sich extrem leichtfüßig, fast wie ein Kompaktwagen. Die durch einen neuen Kühlergrill und bösen Blick durch schmalere, von LED-Tagfahrlichtern eingerahmte Bi-Xenon-Scheinwerfer im Charakter geschärfte Karosserie bietet einen exzellenten Überblick. Insgesamt fühlt sich der sanfte Riese vom Fahrersitz aus wesentlich kleiner und leichter an, als er ist.

Selbstverständlich habe ich mir die passende CD mitgenommen: Die Filmmusik von Django a la Tarantino. Ein schönes Beispiel, dass der Austausch zwischen amerikanischer und italienischer Kultur wie Subkultur in beide Richtungen funktioniert. Der passende Soundtrack für den vergnüglichen, morgendlichen Ausritt durch die sizilianische Pampa. Zudem bestens geeignet, um dem neuen Sound-System mit seinen 19 Lautsprechern und 825 Watt auf den Zahn zu fühlen. Schließlich handelt es sich beim 2014er-Modell um eine relativ behutsame Detailauffrischung, bei der dem Lieferanten Harman eine tragende Rolle zukommt. Denn der Automotive-Zulieferer aus Karlsbad in der Nähe von Pforzheim steuert auch das neue Navigationssystem bei. Und das ist neben dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Achtgang-Automatikgetriebe von ZF - wir erinnern uns, der kürzlich von uns getestete Maserati Quattroporte war auch damit ausgestattet - so ziemlich der größte technische Overkill am neuen Jahrgang.

Das Harman-Headunit bietet Features wie dreidimensionale Kartendarstellung und 3D-Stadtpläne, Spracherkennung, Freisprecheinrichtung und kontrolliert mit seinem 8,4-Zoll-Touch-Screen sogar die Mehrzonen-Klimatisierung. Das ist wirklich cool, aber nicht nur doppelt, sondern teilweise dreifach gemoppelt. Viele dieser Funktion lassen sich nämlich auch vom tastenübersäten, von weichem Leder gesäumten Multifunktionslenkrad aus kontrollieren. Und für die Klimaanlage gibt es zu allem Überfluss für die ganz Altmodischen auch noch Knöpfe im Cockpit.

schwarzer Jeep Grand Cherokee

© Stefan Schickedanz

Jenseits der Eisdiele: Mit dem neuen Jeep lässt sich schweres Gelände meistern.

Mir reicht für meine Off-Road-Einlage bereits der satte Sound der Surround-Anlage, der die Abmessungen des Innenraums akustisch erweitert und mein Wohlbefinden steigert. Die tonale Abstimmung des mit 19 energieeffizienten Lautsprechern der GreenEdge-Serie bestückten 7.3-Kanal-Systems wirkt sehr ausgewogen. In diesem Punkt dürfte die mit Harman/Kardon belabelte Anlage in dieser Klasse kaum zu toppen sein. Stimmen erklingen klar und natürlich, ganz gleich, ob ich statt "Django" diverse CDs von Bruce Springsteen oder Tori Amos in den in der Armlehne verstauten CD-Player schiebe. Bevorzugt höre ich heute aber Musik vom iPod, der sich direkt andocken lässt. Wer kein Kabel zur Hand hat oder ein anderes Handy, kann auch Bluetooth verwenden.

Der satte, saubere Bass ist wirklich beeindruckend, ebenso die Dynamik. Das Sound-System liefert insgesamt eine stimmige Vorstellung. Allerdings wirkt die Abbildung etwas diffus. Nach puristischen Gesichtspunkten wurden für einen riesigen Raumeindruck bei CD ein paar Pfund zu viel künstlich generierte Raumanteile draufgepackt. Mit dieser pikanten Aufgabe betrauten die Entwickler das nicht mehr taufrische Logic 7, während im Maserati Quattroporte GTS mit seinem ebenfalls von Harman installierten B&W System bereit das überlegene Quantum Logic werkelt. Es verfolgt einen neuen, semantischen Ansatz und kann die einzelnen Instrumente oder den Hall isolieren, um ihn gezielt zum Einsatz zu bringen. Aber das Ensemble spielt auch preislich in einer ganz anderen Liga jenseits der 100.000 Euro, während der in Deutschland schon ab rund 45.000 Euro erhältliche Jeep selbst mit dem in den rund 10.000 respektive 20.000 Euro teureren Versionen Summit und SRT enthaltenen Harman-System Bodenkontakt behält.

Anlage für Ökos

Damit auch die Spritkosten im Rahmen bleiben, trägt der mit einem 35-Volt-TPS-Netzteil (Tracking Power Supply) ausgestattete 11-Kanal-Class-D-Verstärker zur Energieeffizienz bei. Dafür gibt es trotz Öko-Ambitionen eine mächtige Zwerchfell-Massage - ganz ohne Anzeichen von Anstrengung, ganz ohne Wummern. Immerhin hat Harman gleich drei Subwoofer an Bord. Der größte von Ihnen verfügt über ein eigenes 20-Liter-Gehäuse im Kofferabteil. Die beiden anderen sind oval und sitzen in den vorderen Türen. Unterm Strich bleibt zu sagen, dass man schwerlich so viel Auto und Anlage fürs Geld bekommt und die Kombination aus dem bulligen Jeep und dem satten Sound-System sehr souverän und erwachsen wirkt.

Nach nicht einmal einem Kilometer über Stock und Stein sind die Nachwirkungen der vergangenen Nacht vollständig vergessen. Hätte mir nicht träumen lassen, mit der geschätzten wie vertrauten 8-HP-Automatik von ZF noch einmal einen Abstecher jenseits der Straße zu machen und dann noch zum gleichen Urteil wie auf dem Asphalt zu kommen: Diese Automatik ist absolute Spitze und passt auch toll zum Charakter dieses Wagens. Allerdings stellt ihr Jeep in diesem Fall auch eine Reihe von Gadgets für Sand, Schlamm, Geröll oder Schnee sowie eine Hilfe zum Befahren von steilen Bergen in beide Richtungen zur Seite. Außerdem lässt sich die ganze Fuhre drei Hand breit anheben, um die Bodenfreiheit in schwierigem Feld zu verbessern. Zum Umschalten der einzelnen Gelände-Programme musst Du anhalten, ebenso zur Zuschaltung der Getriebe-Untersetzung. Damit lässt sich wirklich schwierigstes Terrain meistern und ich kämpfe mich durch ein Feld mit riesigen Kieselsteinen, was sich anfühlt wie Snowboardfahren in Zeitlupe.

Doch ich mag es schnell und möchte als bekennender Kurvenräuber mit dem Off-Roader etwas Staub aufwirbeln. Das Driften im Gelände gelingt nach dem Herausnehmen der für Cowboys vielleicht praktischen, aber langweiligen Untersetzung bei deaktiviertem ESP richtig gut. Es muss gar nicht mal einer der beiden Hemi-V8 mit 5,7 oder gar 6,4 Litern Hubraum sein. Die Power des 3-Liter-V6-Diesel-Motors mit seinen 241 PS und 570 Newtonmetern Drehmoment bei nur 2000 Umdrehungen/Minute und die weitgehend auf die Hinterachse konzentrierte Kraftverteilung des permanenten Allradantriebs (es gibt davon mehrere Versionen) sind dafür wie geschaffen.

Quer in Ordnung

Die gefühllose Lenkung nicht. Nachdem sich das Heck in einer langgezogenen mittelschnellen Kurve schön ausstellt, habe ich alle Hände voll zu tun, es mit der indirekten Steuerung wieder einzufangen. Der Beifahrer mag davon nichts mitbekommen haben, alles wirkte fließend. Aber die Rückmeldung war so entkoppelt, dass ich wirklich aufs Lenkrad schauen musste, um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie die Räder stehen, um mir keinen Konterschwung einzufangen. Das ist mir so noch nie passiert. Allerdings ist der Jeep auch kein Sportwagen - zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Und wenn du mit hohem Tempo über Schotter und Geröll donnerst, willst du im Gegensatz zum Porsche auf der Landstraße auch gar nicht alles mitkriegen. Wer sich für den Grand Cherokee entscheidet, will seine eigenen Wege gehen - und kann es auch, selbst wenn gar keine Wege da sind.

weißer Jeep Grand Cherokee

© Jeep

Mit allen Wassern gewaschener Off-Roader: Jeep Grand Cherokee.

Der Individualist unter den SUV-Fahrern bekommt mit dem Jeep ein äußerst praktisches, besonders in weiß elegant anzuschauendes Geländefahrzeug, dem vom gesamten Auftritt inklusive Sound-System das Label Authentizität anhaftet. Jetzt überzeugt der Grand Cherokee auch von der gesamten Material-Anmutung. Der 2014er-Jahrgang wirkt so detailvollendet, dass du dich des Eindrucks nicht erwehren kannst: Unter italienischer Ägide dürfen die American-Drivestyle-Objekte endlich so gut sein, wie sie können. Schließlich braucht der neue Chrysler-Eigentümer Fiat mit seiner Fokussierung auf Klein- und Kompaktwagen anders als Daimler keine Angst vor der Konkurrenz im eigenen Hause zu haben. Vielleicht, kann der Jeep jetzt sein, an die illustren europäischen Nachahmer verlorenes Terrain zurückerobern.

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