Testbericht

KEF R 900 im Test

Die neue R-Reihe von KEF wirkt mit ihrem klaren Design viel sachlicher und zeitloser als die Vorgänger. Wie klingt das Topmodell R 900?

  1. KEF R 900 im Test
  2. Datenblatt
KEF R 900

© Stereoplay

KEF R 900

Manche Marken setzen Trends, andere laufen ihnen hinterher. KEF zählt klar zur ersteren Spezies. Der einst rein britische, heute britisch-chinesische Hersteller hat nicht nur den UniQ-Koax erfunden, sondern vielfach auch beim Design Maßstäbe gesetzt.

Unvergessen sind die ovalen Bassmembranen der 80er Jahre, zeitweilig das Erkennungszeichen von KEF. Oder 2002 die damals brandneue Reference-Reihe mit ihren elegant gerundeten Gehäusen, die später auch in den preiswerten Baureihen Einzug hielten.

KEF R 900

© Archiv

Der neue UniQ misst lediglich 5 Zoll und besitzt vor dem zentralen Hochtöner eine speziell berechnete Linse, die einen wichtigen Beitrag zu gleichmäßigem Rundstrahlverhalten leistet.

Umso erstaunter waren viele, als Anfang dieses Jahres die neue Q-Serie auf den Markt kam (Test in stereoplay 1/2011), diesmal ganz ohne Rundungen. Nun treten die R-Modelle in die Fußstapfen der sogenannten XQ-Serie - und wiederholen den Paradigmenwechsel. Ihre Gehäuse sind streng quaderförmig, wogegen bei XQ selbst Deckel und Boden einen Radius besaßen.

KEF R 900

© Archiv

Die Basschassis und der UniQ bilden eine streng symmetrische Anordnung. Jeweils zwei Bassreflexrohre sind einem Tieftöner zugeordnet. Versteifungen dämmen die Box. Die Spikes sind verstellbar.

Was besser gefällt, ist wie immer Geschmackssache. Doch zeitloser wirkt das R-Design allemal. Die Oberflächen sind in Glanzlack oder Echtholz gehalten, in schwarzem Klavierlack, Walnuss oder Palisander. Am Beispiel der großen R 900 soll unser Test klären, was sich technisch getan hat und wie es um die klanglichen Talente steht. Die Chassis unterscheiden sich deutlich von den Treibern der XQ-Serie, die selbst kaum mehr als drei Jahre auf dem Buckel hat. Der neue UniQ entspricht bis auf Kleinigkeiten dem der brandneuen Superbox Blade, die etwa zeitgleich auf den Markt kommt.

KEF R 900

© Julian Bauer

Anstelle von Brücken, die gerne verloren gehen, verfügt das Bi-Wiring-Terminal über kleine Schraubkontakte, die das Signal durchschleifen, sobald sie festgedreht werden.

Die Ähnlichkeit ist erstaunlich, weil die noble Blade mit 24000 Euro pro Paar preislich in einer völlig anderen Liga spielt. Selbst die R 900 als Topmodell der R-Serie ist mit 3600 Euro um ein Vielfaches erschwinglicher. Das neue, nur 5 Zoll große Koax-System bestreitet in der 900 den kompletten Mittel- und Hochtonbereich oberhalb von 400 Hertz bis über die Hörgrenze.

Die Idee an sich ist seit über 20 Jahren unverändert: Zwei Chassis unterschiedlicher Größe sind so miteinander verwoben, dass die Entfernungen zum Empfänger stets gleich sind, egal, wo sich Messmikrofon oder Hörer einfinden.

Übersetzt in die Zeitebene bedeutet dies, dass alle für Ortung und Klangfarben relevanten Frequenzen - das sind nun mal die mittleren und hohen - simultan ankommen. Breitbandige Signale, wie sie in der Musik an der Tagesordnung sind, werden dadurch über alle Raumwinkel hinweg in ihrem zeitlichen Gefüge viel weniger verfälscht, als es bei räumlich getrennten Chassis je möglich wäre.

Der UniQ aus der Blade

Bei der Neugestaltung der Membranen, Aufhängungen und Streulinsen wurde das klanglich so wichtige Winkelverhalten gegenüber früheren Generationen noch mal perfektioniert. Gleiches gilt für das Übersprechen zwischen den Einheiten durch wechselseitige Schallführungen und benachbarte Magnetfelder.

KEF R-Serie

© Archiv

Die R 900 (zweite von rechts) ist das größte Modell der insgesamt neunköpfigen Boxenfamilie, die auch Dipolstrahler und Subwoofer umfasst.

Heraus kam eine recht flache Konusmembran aus Aluminium und Magnesium sowie einigen gut sichtbaren Versteifungsrippen. Der Grenzbereich zur äußeren Aufhängung und weiter zur Schallwand wie auch nach innen zum Hochtöner ist so geformt, dass selbst im Übergang bei etwa 3 Kilohertz keine Auffälligkeiten in Schalldruck oder Winkelverhalten entstehen. Für Ohr oder Messmikrofon wirkt das Zweiwegesystem daher wie ein Breitbänder mit frequenzvariabler Membrangröße.

KEF Uni-Q

© Archiv

Die neuen Basschassis nutzen Konustrichter aus steifem Aluminium im Verbund mit eher weichem Zellstoff. Die großzügig dimensionierten Magnetsysteme sind auch aus thermischen Gründen belüftet. Die auffallend großen und hoch belastbaren Schwingspulen sind aus Aluminium-Draht gewickelt.Ein rückseitig offener Polkern gestattet eine freie Zirkulation der Luft und vermeidet Kompression.

Gegenüber früheren Generationen wurde die Kalottenmembran des Hochtöners versteift und kann so Impulsen exakter folgen. Der Mitteltöner erhielt eine Schwingspule mit sehr großem Durchmesser, was eine hohe Belastbarkeit sichert. Dass KEF seinem neuen Vorzeigechassis extrem viel zutraut, zeigt der Einsatz in der Blade, wo der zierliche Treiber mit vier ultramodernen 9-Zoll-Bässen konfrontiert ist, die eine gewaltige Bass- und Grundtondynamik vorlegen.

Die R 900 ist "nur" mit zwei 8-Zöllern bestückt, doch auch hier hat es die Konstruktion in sich. Die Chassis verfügen über inverse, nach innen gewölbte Randaufhängungen sowie Membranen aus Zellstoff und Aluminium. Die üppig dimensionierten Antriebe sind vielfältig belüftet und voll auf Signaltreue gezüchtet.

Parallelen zur Q-Serie gibt es überraschend wenige. Dort decken die UniQ-Systeme stets auch den Bass ab, selbst wenn die Boxen über separate Tieftöner verfügen. In der Q-Reihe sind die Koaxialsysteme deshalb langhubig ausgelegt und variieren mit der Boxengröße im Durchmesser zwischen 5 und 8 Zoll.

KEF R 900

© stereoplay

Frequenzgang & Impedanzverlauf: Leicht bassbetont, sonst ausgewogen und breitbandig mit tadellosem Abstrahlverhalten; Impedanz ≥ 3,5 Ω

In der R-Serie sind die Punktstrahler stets 5 Zoll groß und werden bei den größeren Modellen zwischen 400 und 500 Hertz hochpassgefiltert, was die Hubbewegungen der äußeren Membran reduziert und die Schwingsysteme entlastet.

KEF R 900

© stereoplay

Pegel- & Klirrverlauf: Geringer, nur unter 25 Hertz steil ansteigender Klirr, keine Kompression.

Doch damit nicht genug: Während die Standboxen der Q-Serie Passivmembranen einsetzen, um tiefste Frequenzen nachdrücklicher zu bewältigen, nutzen die meisten R-Modelle Bassreflexrohre. Bei der R 900 münden diese in vierfacher Ausführung an der Rückseite.

Was bringt die R 900 klanglich? Zunächst musste die Q 900 als Sparringspartner antreten; mit 1600 Euro pro Paar kommt sie deutlich günstiger. Bei dem druckvollen 90er-Jahre-Ohrenputzer "Hedonism" von Skunk Anansie konnte die Q 900 ihre überschwängliche Spielfreude ausleben und nochmals unterstreichen, warum sie in der Klasse bis 2000 Euro so hervorragend dasteht.

Vielschichtiges Klangbild

Die R 900 konterte mit der größeren Farbdichte und blieb bei tiefen und mittleren Frequenzen auch in jenen ausufernd komplexen Abschnitten noch superstraff, wo die kleinere Schwester schon leicht zu wabern begann. Faszinierend, dass der größere Detailreichtum nicht mit dem Gefühl höherer Anstrengung einherging - ganz im Gegenteil: Die R 900 tönte trotz viel mehr Transparenz entspannter und alles in allem deutlich weniger nach Lautsprecher als die preisbezogen nach wie vor überragende Q 900.

Die nächste Hürde stand mit der Heco Celan GT 902 für 2200 Euro bereit, dem Testsieger aus dem innerdeutschen Boxenvergleich in Heft 10/2011. Diesmal hatte die R 900 schon mehr zu knapsen, denn die Heco warf, wie nicht anders zu erwarten, ihre außergewöhnlichen Dynamikfähigkeiten in die Waagschale.

Den mörderisch schnellen und basslastigen Yello-Kracher "The Race" (stereoplay-CD zu Ausgabe 1/2010) meisterte die Heco derart fulminant, dass man meinen konnte, der Hörraum sei ein professionell ausgestattetes Tonstudio und die Musiker stünden bloß wenige Meter entfernt.

Doch die mit etwas weniger Membranfläche ausgestattete KEF offenbarte den exakter eingebundenen Bass wie auch die nochmals größere Impulsfreude - was in der Jury alle nur denkbaren Sinneseindrücke zwischen Irritation und Verzückung hervorrief.

Wie die KEF der größeren Heco grobdynamisch Paroli bieten konnte, war die eine Überraschung. Die andere lag in der noch größeren Unbekümmertheit der R 900. Hinzu kam: Über diesen Lautsprecher waren Feinheiten zu hören, welche die Heco nur andeuten konnte.

Mit der 600 Euro teureren Naim Ovator S 400 betrat ein weiterer Boxenstar den Hörraum. Ein Durchmarsch gelang der KEF diesmal nicht, wohl aber ein Duell auf Augenhöhe.

Den vertrackten Bassläufen und Perkussions-Fäden des Safri Duo in "Samb Adagio" verlieh die KEF mehr Wucht und Autorität, dafür tönte die Naim etwas gefälliger und homogener. Räumlich staffelten beide Boxen sehr genau und erreichen so schließlich die gleiche Klangpunkte-Zahl. Kurzum: Die R 900 klingt für ihr Geld einfach sensationell.

KEF R 900

HerstellerKEF
Preis3600.00 €
Wertung59.0 Punkte
Testverfahren1.0

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