Testbericht

Lautsprecher Naim Ovator S 600

Eine revolutionäre Schallquelle ersetzt bei der Naim Ovator S 600 (7800 Euro das Paar) zwei gewöhnliche. Mit durchschlagendem Erfolg.

  1. Lautsprecher Naim Ovator S 600
  2. Datenblatt
Lautsprecher Naim Ovator S 600

© Archiv

Lautsprecher Naim Ovator S 600

Nach längerer Konzentration auf Elektronikprodukte liefert das britische High-End-Label Naim mit der Ovator 600 nun das erste Modell einer Serie vollständig neuer Schallstrahler. Gleichzeitig verabschiedet man sich von der lange propagierten Philosophie der wandnahen Boxenaufstellung und beugt sich dem Markt, der mehrheitlich freie Positionen bevorzugt.

Lautsprecher Naim Ovator S 600

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Oben ist das hintere Ende des BMR-Gehäuses zu sehen. Auch das Terminal stammt von Naim.

Ihr audiophiles Gewissen werfen die Jungs von der Insel deshalb aber keineswegs über Bord. Die Ovator, soviel sei jetzt schon verraten, perfektioniert gewachsene Naim-Tugenden wie Schnelligkeit oder Präzision und setzt neue obendrauf.

Die bedeutsamste Neuerung ist ein sogenannter Balanced Mode Radiator, kurz BMR. Die äußerlich unscheinbare, technologisch höchst anspruchsvolle Schallquelle mit einer nur 8,5 Zentimeter großen Sandwichmembran aus Nomex und Spezialpapier überstreicht einen gigantisch großen Frequenzbereich von rund 400 Hertz bis zum annähernd hundertfachen Wert.

Damit erfüllt der BMR den Wunsch vieler Audiophiler nach einer möglichst breitbandigen Schallquelle, die bis auf eine Filterung in Richtung Bass gänzlich ohne elektrische Eingriffe auskommt.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage, wie dieses Verhalten mit einer Solomembran über mehr als sechs Oktaven hinweg gelingen soll. Herkömmliche Breitbandsysteme bündeln den Schall bekanntlich umso mehr, je kürzer die Wellenlängen werden und je hochfrequenter die abzustrahlenden Töne.

Lautsprecher Naim Ovator S 600

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Dank Zweipunktlagerung vorne und Blattfeder hinten wirkt die Box, als würde sie schweben.

Der BMR erzielt eine gigantische Bandbreite

Der BMR-Strahler umgeht diese Zusammenhänge durch eine Verquickung zweier grundverschiedener Schwingungsarten. Seine beweglichen Teile sind so abgestimmt, dass der Strahler unterhalb 1,8 Kilohertz wie ein konventioneller Mitteltöner arbeitet, sozusagen als starrer Kolben.

Bei höheren Frequenzen verhält sich die Membran wie ein so genannter Distributed Mode Loudspeaker, kurz DML, basierend auf Patenten der britischen Firma NXT. Bei dieser relativ selten genutzten Bauform schwingt eine Vielzahl kleinster Mikroschallquellen gewissermaßen zufällig und ohne nachbarschaftlichen Bezug. Wegen der fehlenden Korrelation gibt es bei solchen Strahlern keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Membranfläche, Frequenz und Winkelverhalten.

Daher kann der BMR auch höchste Töne ungewöhnlich breit abstrahlen. Er übertrifft in dieser Disziplin sogar wesentlich kleinere Kalottenhochtöner und verhilft der Ovator 600 zu einer ungewöhnlich großen Hörzone.

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1) Gezielt angebrachte Verstärkungen beruhigen das Gehäuse. 2) Der BMR nutzt einen schwimmend gelagerten Aluminium-zylinder. 3) Die Tieftöner verwenden besonders strömungs-günstige Körbe. 4) Ein Brett trennt die Basskammern in zwei gleichgroße Kammern. 5) Die Frequenzweiche arbeitet im Sockel ohne Gehäuseschall.

Die Entwicklung des BMR wurde federführend betrieben von Karl-Heinz Fink (siehe Interview Seite 128) und seiner Consulting-Firma in Essen. Hergestellt werden die Chassis der Ovator 600 in Deutschland, Montage und Endkontrolle erfolgen bei Naim.

Mit dem Einsatz des BMR entfällt nicht nur der Zwang zu einer elektrischen Trennung mitten im ohrempfindlichsten Frequenzbereich, auch Rundstrahlverhalten und Energieverteilung werden gleichmäßiger, weil es weder einen mechanischen Versatz gibt noch einen Sprung von einem größeren auf ein kleineres Chassis. Die farbige Simulation des Winkelverhaltens auf der folgenden Seite verdeutlicht diesen für die Bauform zentralen Effekt.

Den Bereich unterhalb etwa 400 Hertz verantworten zwei in ihren Grundzügen konventionelle Basstreiber mit ultralinearen Antrieben und jeweils 20 Zentimeter großen Papiermembranen, die laut Hersteller optimal mit dem Klang des BMR harmonieren.Mindestens so ambitioniert wie die Chassisbestückung sind die Gehäuse der Ovator. Bei deren Gestaltung kam die langjährige Hörerfahrung der Naim-Entwickler ebenso zum Zuge wie ausgefeilte Mess- und Simulationsverfahren. Bei aller Modernität finden sich in der Box auch Details, für die es keine technischen Belege gibt.

Kleine Dämmelemente harmonisieren den Klang

So tragen die Magnete an einigen Stellen kleine, den Klang harmonischer gestaltende Dämmelemente. Die mehrschichtigen Gehäusewände sind zwar sehr steif, aber nicht hart wie Beton, weil dies der Musikalität abträglich wäre.

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Die Grafik zeigt das Winkelverhalten in Abhängigkeit von der Frequenz. Rot steht für hohe, gelb und grün für geringere Pegel. Bei Mehrwegeboxen wären die Rot-Anteile kleiner, die Winkelabhängigkeit größer.

Die Ovator 600 steht auf einem Sockel aus Gussaluminium, mit dem sie über eine Zweipunktlagerung im vorderen Bereich und eine Blattfeder im hinteren Teil des Gehäuses verbunden ist.

Ähnlich durchdacht und vermutlich nachbauträchtig ist die Lagerung des BMR. Der Treiber residiert in einem großvolumigen Aluminiumzylinder, der vorne und hinten federnd gelagert ist und nach Entfernen der Transportsicherungen wie ein Wackelpudding auf Antippen reagiert. Bass und BMR sollen so völlig unbeeinflusst voneinander arbeiten.Der Umgang mit der neuen  Naim gestaltete sich äußerst angenehm, aus vielerlei Gründen. So klangen die Serienexemplare erheblich vielschichtiger als die noch spröden frühen Muster auf der letztjährigen High-End-Messe.

Zum anderen zählte die Ovator zu jener besonders sozialverträglichen Spezies, die nicht erst endlos gerückt werden will oder nur mit bestimmten Gerätschaften und Klangbeispielen in Fahrt kommt.

Was nicht heißen soll, eine sorgfältige Aufstellung sei bei der Ovator überflüssig. Die wasserwaagenassistierte, wackelfreie Ausrichtung auf gehärteten Spikes belohnte die mechanisch wie haptisch grundsolide Box mit einer Steigerung ihrer klanglichen Stabilität, speziell der räumlichen Abbildung, die eine Spur flächiger geriet als bei enger strahlenden Wettbewebern, keineswegs aber diffus.

Lautsprecher Naim Ovator S 600

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Der BMR nutzt ähnlich wie herkömmliche Chassis einen dynamischen Antrieb.

Genauigkeit ohne erhobenen Zeigefinger schien generell das Motto der Naim, die ein überragendes Gespür für rhythmische Zusammenhänge und tonale Richtigkeit vermittelte, die Klänge aus dem Nichts heraus aufbauen konnte und ebenso fix wieder zur Ruhe kam, ohne - und das ist die wahre Kunst - musikalische Zusammenhänge zu zerhacken oder in Sterilität zu verfallen. Diese so absolut begehrenswerte Geschlossenheit ist auch zum doppelten Preis keineswegs selbstverständlich.

Bei aller Gediegenheit und Reife wirkte die Ovator 600 letztlich wie ein Vergrößerungsglas und offenbarte selbst im kraftvoll groovenden Basskeller Details, die man bei einem so unaufgeregt klingenden Genussschallwandler nicht auf Anhieb erwarten würde.

Obwohl oder gerade weil es keinen separaten Hochtöner gibt, klang die Naim sagenhaft offen und brillant, wobei der Klangcharakter in seiner Unaufdringlichkeit im vierstelligen Preisbereich gewiss seinesgleichen sucht.

Wer es genau wissen möchte, sollte der Ovator Klangpretiosen wie das Album "Autumn Shuffle" des schwedischen Gitarristen Peder af Ugglas (Opus Records) abverlangen, das in Stockholms größter Kirche aufgenommen wurde. So pulsierend lebensnah, glockenrein und letztlich gefühlsecht haben Sie Blues und Jazz vermutlich noch nie gehört. Falls doch, war es entweder live, oder Sie hatten eine exorbitant teure High-End-Kette zur Verfügung.

Naim Audio Ovator S 600

HerstellerNaim Audio
Preis7800.00 €
Wertung61.0 Punkte
Testverfahren1.0

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