Testbericht

Lautsprecher Piega Master One

Piegas neues Flaggschiff Master One (30000 Euro das Paar) verzückt mit besonderem Sex-Appeal: Sie kommt im Mittelhochtonbereich als echter Dipol daher.

Lautsprecher Piega Master One

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Lautsprecher Piega Master One
Lautsprecher Piega Master One

© Julian Bauer

Das an der Schallwand angesetzte Bassgehäuse ist aus stark bedämpftem Alu-Blech, das mit einer Schrumpflackschicht überzogen ist. Die Anschlüsse sind - wie bei Piega gewohnt - von höchster Qualität.

Man darf der schweizer Lautsprecher-Manufaktur Piega wohl zu Recht bescheinigen, dass sie mit die perfektesten Gehäuse am Weltmarkt baut. Die ästhetisch geformten Klangkörper bestehen in der Regel aus extrem steifen, verklebten Alu-Profilen und sind auf der Basis langjähriger Versuchsreihen geschickt verstrebt und bedämpft. Und trotzdem ging Entwicklungsleiter Kurt Scheuch eine Idee nicht mehr aus dem Kopf: Womöglich ist gar kein Gehäuse das beste Gehäuse... Die Hälfte der abgestrahlten Schallenergie eines Treibers - gleich, ob Hoch-, Mittel- oder Tieftöner - geht ja nach hinten. Da will man sie meist aber gar nicht haben und flanscht deshalb hinten Gehäuse an. Scheuch: "Natürlich verpufft diese Energie irgendwann im Dämm-Material der Box. Aber bis dahin können die Reflexionen allerlei Schaden anrichten."

Vor allem, wenn fast der gesamte Übertragungsbereich von einer äußerst sensiblen Klangfläche wie dem Bändchen-Koax C1 übertragen wird. 15 x 15 Zentimeter misst dieser Ausnahme-Schallstrahler, dessen Hochtöner exakt in der Mitte und auf einer Ebene mit der Mitteltonmembran liegt - es ist die perfekte Umsetzung der Punktschallquellen-Idee. Dass er nebenher schon ab 400 Hertz einsetzbar ist und über 100 Dezibel Schalldruck erzeugt, unterstreicht die Klasse des Systems. Sein extrem hoher Wirkungsgrad ist das Produkt aus sehr starkem Magnet-Antrieb und sehr leichter Membran: Die Folie des C1 ist lediglich 0,02 Millimeter stark.

Lautsprecher Piega Master One

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Mit den Pegelstellern auf der Rückseite (Pfeil) kann man die Master One gut an verschiedene Raumakustiken anpassen. Die linearste Einstellung ist: alle Schalter unten.

Damit sind wir wieder bei der oben angesprochenen Gehäuse-Problematik. Klar, dass so ein hauchdünnes Membränchen durch Reflexionen aus dem Gehäuse-Inneren schneller und nachhaltiger irritiert wird als sattsam schwere Bassmembranen.

Also einfach das Gehäuse weglassen, oder? So einfach geht das dann auch wieder nicht. Im Bass schon gar nicht. Da braucht man die Hülle, um der früh einsetzenden Auslöschung entgegen zu wirken - oder eine Spezialkonstruktion mit sehr viel Membranfläche wie bei der Jamo 909 (Test 12/05). Doch auch im Mittelhochtonbereich ist so ein Dipol ein komplexes Gebilde. Scheuch: "Zuerst haben wir den Koax nach vorn und hinten gleich laufen lassen. Das war gruselig. In den Mitten entsteht da nämlich eine hässliche Überhöhung." Mit aufgeklebten Filzstreifen auf der Membranrückseite, quasi einem mechanischen Equalizer, werden jetzt die Mitten gedrosselt.

Wie beim Mittelhochtöner bediente sich Scheuch auch im Bass der Master One beim bisherigen Flaggschiff CL 120 X (Test: 9/08, 64 Punkte). Den beiden wuchtigen 9-Zoll-Bässen von Scan Speak spendierte er allerdings bei seinem Dipol-Projekt eine deutlich größere (82 zu 60 Liter) Bassreflex-Behausung.

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Muss geschützt werden: Die 0,02 Millimeter dünne Folie des Koax wird von einem 2 Kilo schweren Neodym-Magneten angetrieben.

Überhaupt das Gehäuse: Weil sie jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Aluminium haben, gelang den Schweizern - mal wieder - haptisch ein Genuss und klanglich ein Kunstwerk. Das Bassgehäuse hat ein gutes Verhältnis von geringem Gewicht und hoher Steifigkeit. Die Schallwand hat zwar einen weicheren, dämpfenden Kern, ist aber so schwer und steif, dass der Koax extrem fest eingebunden ist; das ist mit Holzgehäusen, die immer etwas nachgeben, nicht machbar.

Und so sauber wie der Korpus scheint auch die technische Entwicklung: Glatte Frequenzgänge, wie man sie bei Dipolen a la Magnepan oder Quad nie sehen wird. Auch von dem Maximalpegel von fast 110 Dezibel sowie der unteren Grenzfrequenz von 30 Hertz können Fans eben jener Vollbereichs-Dipole nur verzückt träumen. Wie auch vom Wirkungsgrad der Master One: Mit ihren 85 Dezibel und mindestens 3,5 Ohm Impedanz stellt sie zumindest elektrisch keine höheren Anforderungen an die angeschlossenen (hoffentlich sehr guten) Verstärker. 

Nur bei der Aufstellung ist die Piega keinen Deut weniger anspruchsvoll: Mindestens 1,5 Meter Abstand zur Rückwand forderte sie, sonst wollte sie nicht klingen. Dazu am liebsten stark eingewinkelt sein: Über Stunden rückten wir im Hörraum die Master One herum, und jede Veränderung war hörbar.

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Aber die Piega belohnte die Mühe - unter anderem mit Klangbildern von atemberaubender Tiefe und Stabilität. Bei Joshua Samsons "Carribean Shake" (Audible Lifestream/ VIA Jazz) konnten wir förmlich zwischen den Musikern spazieren, so plastisch formte die Master One Instrumente. Und das lag keineswegs nur an der Dipol-Abstrahlung, sondern auch an dem fantastischem Auflösungsvermögen des Mittelhochton-Koax. Gerade die Percussion des "Carribean Shake" explodierte förmlich - so lebensecht schleuderte die Piega die Impulse in den Hörraum. Im Vergleich zur Canton Reference 1.2 DC (stereoplay 9/09) ging der Piega zwar eher die Puste aus, und sie wirkte nicht immer in allen Situationen so souverän neutral: Männerstimmen hatten nicht diese substanzielle Kraft wie über die Canton. Aber das Griffige, die Luftigkeit guter Aufnahmen, kurz: den Spaß am Musik-Erfahren, das vermittelte die Piega in deutlich größerem Maße.

Und so verhält sich die Master One auch zur klanglich ähnlichen Schwester CL 120 X. Diese ist einfacher aufzustellen und günstiger - faszinierender und in die Musik einbindender ist fraglos die Master One.

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