Smartphone mit Google Tango

Lenovo Phab 2 Pro im Test

Man kann darüber streiten, ob Lenovos 6,5-Zoll-Riese Phab 2 Pro noch ein Smartphone oder schon ein Tablet ist. Viel entscheidender ist aber, dass es das weltweit erste Gerät mit Googles AR-Plattform Tango ist. Wer einen Blick in die Zukunft erhaschen möchte, sollte durch dieses Display schauen.

Lenovo Phab 2 Pro

© Lenovo

Maße: 180 x 89 x 11 mm, Gewicht: 259 Gramm

Pro

  • eleganter, top verarbeiteter Aluminiumkorpus
  • riesiges 6,5-Zoll- Display mit QHDAuflösung
  • erstes Smartphone mit AR-Unterstützung
  • Dual-SIM
  • schlankes und schnelles Android- System
  • gute Funkeigenschaften

Contra

  • zu groß und schwer für die tägliche Nutzung
  • Micro-USB-Buchse
  • kaum eine AR-Anwendung ist ausgereift
  • Android 6 ist veraltet

Fazit

connect Testurteil: befriedigend (364 von 500 Punkten)
72,8%

Virtual Reality und Augmented Reality hat jeder technikaffine Leser mit Sicherheit schon einmal gehört. Google Tango dürfte dagegen den wenigsten ein Begriff sein. Die Software-Plattform gehört zu jenen Schlüsseltechnologien, die seit Jahren unscheinbar im Hintergrund entwickelt werden, ohne dass ihnen eine größere Aufmerksamkeit zuteil wird. Dabei ist Augmented Reality auf dem Smartphone ohne Tango momentan kaum vorstellbar. In dieser Plattform werden alle sensorischen Informationen, die das mobile Gerät sammelt, zusammengeführt und ausgewertet, sodass ein digitales Bild der nahen räumlichen Umgebung erstellt und die eigene Position darin exakt bestimmt werden kann.​

Über Programmierschnittstellen (API) können Entwickler auf diese Informationen zugreifen und Apps programmieren, die eine Innenraum-Navigation ermöglichen oder die reale Umgebung mit virtuellen Elementen anreichern. Momentan ist Tango die einzige Software-Plattform für die kommerzielle Anwendung von AR auf dem Smartphone, und das Phab 2 Pro das einzige im Handel erhältliche Gerät, das diese Plattform unterstützt. Denn damit Tango auf dem Smartphone funktioniert, ist spezielle Hardware erforderlich. Das „Auge“ des Phab 2 Pro besteht aus vier Kameras auf der Rückseite: eine 16-Megapixel-Hauptkamera, zwei weitere Kameras mit Tiefenbereichsensor und ein Fisheye-Objektiv für Ultraweitwinkelaufnahmen. Hinzu kommt die bei allen Smartphones ab der Mittelklasse zur Grundausstattung gehörende Sensorik​, die aus Beschleunigungssensor, Gyroskop und barometrischem Höhenmesser besteht. 

Googles Tango-Plattform ist in der Lage, aus diesen Informationen eine digitale Karte der näheren Umgebung zu erstellen (also Oberflächen und Strukturen zu erkennen) und das Gerät darin zu verorten. Hier wird deutlich, dass das, was bei einem Menschen eine Selbstverständlichkeit ist und unbewusst ständig im Hintergrund passiert, für eine Maschine mit enormem technischen Aufwand verbunden ist. Lenovo spricht davon, dass pro Sekunde mehr als 250.000 Messungen durchgeführt werden.​

Zu schwer für die Hand 

Der Erstkontakt mit dem Phab 2 Pro macht sehr schnell klar, dass es sich nicht um ein Produkt für den Massenmarkt handelt, dafür ist es viel zu groß und zu schwer. Der 6,5-Zöller ist nicht nur außergewöhnlich hoch und breit, sondern mit elf Millimetern Bauhöhe auch außerordentlich dick und darüber hinaus so schwer, dass man ihn nicht länger als zehn Minuten mit einer Hand halten möchte. So ein Riesenteil werden nur ganz hartgesottene AR-Fans für den täglichen Einsatz nutzen.​

Von der Größe einmal abgesehen gibt es nicht viel zu kritisieren, denn Lenovo-typisch ist der Qualitätsstandard sehr hoch: Das Phab 2 Pro steckt in einem eleganten Korpus aus Aluminium mit feinem seitlichen Anschliff, der hervorragend verarbeitet ist. Die Frontseite gefällt mit gerundetem 2,5-D-Glas und einem LC-Display mit ultrascharfer QHD-Auflösung (2560 x 1440 Pixel), das nicht nur AR-Inhalte kontrastreich und leuchtstark darstellt. Für Videofreunde ist das XXL-Smartphone daher eine gute Wahl, zumal auch der Sound über den Lautsprecher dank Dolby Atmos sehr laut und voluminös tönt.​

Lenovo Phab 2 Pro Rückseite

© Lenovo

Die Rückseite wird von der Tango-Sensorik dominiert, die aus vier Kameras besteht.

Kein Power-Prozessor 

Der Chipsatz, der im Phab 2 Pro den Takt vorgibt, ist aber nicht mehr der jüngste, das sollten Interessenten unbedingt in die Kaufüberlegung mit einbeziehen. Es handelt sich um Qualcomms Mittelklasse-SoC Snapdragon 652, der seit Anfang 2016 auf dem Markt ist. Der Achtkerner bietet eine solide Leistung im Alltag, erreicht in Benchmarks aber nur durchschnittliche Werte. In unseren Tests hatten wir den Eindruck, dass er zu wenig Power für AR-Anwendungen liefert, darauf deuten zumindest die vergleichsweise langen Ladezeiten und immer wieder auftretenden Abstürze im AR-Modus hin.​

Dieser Befund ist überraschend, weil das SoC von Qualcomm speziell auf Tango abgestimmt wurde und außerdem auf üppige 4 GB RAM zugreifen kann. Es kann aber auch schlecht geschriebener Programmcode dafür verantwortlich sein. Google, Lenovo und die Entwickler betreten mit dem XXL-Phone schließlich Neuland – was bedeutet, dass der Käufer in gewisser Weise auch ein Beta-Tester ist. Der Lohn ist die Möglichkeit, die Geburtsstunden eines neuen Technologietrends von der ersten Reihe aus miterlebt zu haben. Denn dass Augmented Reality in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen wird, wird schon nach den ersten Minuten mit dem Phab 2 Pro klar.​

Eintauchen in eine neue Realität 

Schon die Möglichkeit, Objekte oder Räume auszumessen, ist faszinierend: Nach dem Start der App „Measure“ wird die Kameravorschau eingeblendet, in der man einen beliebigen Punkt markieren kann. Wenn man das Smartphone danach bewegt, wird die Distanz von diesem Punkt aus gemessen. Unterwegs lassen sich Messpunkte per Fingertipp anlegen, sodass man auch komplexe Objekte erfassen kann. Ein Linienassistent hilft dabei, bestimmte Strukturen nachzuzeichnen. Diese Messmethode funktioniert nur auf eine Distanz von ein paar Metern, aber sie ist ziemlich genau und gibt einen Vorgeschmack auf das Potenzial und die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von AR​.

Lenovo Phab 2 Pro Display

© Lenovo

Das 6,5-Zoll-Display bietet eine angemessene Projektionsfläche für AR-Inhalte. Aufgrund des hohen Gewichts möchte man das Phab 2 Pro aber nicht länger als ein paar Minuten in der Hand halten.

Die zentrale Anlaufstelle für alle AR-Anwendungen ist die Tango-App, die beim Phab 2 Pro ab Werk prominent in der Mitte des Startbildschirms platziert wurde. Das Spektrum reicht von der Möbel-App, mit der man virtuelle Möbel in der Wohnung platzieren kann („Lowe’s Vision“), bis hin zum Dominospiel („Domino World“), in dem man einen virtuellen Dominoparcours in der realen Umgebung aufbaut. Die Auswahl ist mit knapp 50 Apps nicht besonders vielfältig, aber man muss auch bedenken, dass das Phab 2 Pro momentan das einzige Smartphone für solche Anwendungen ist. Einen echten Mehrwert bietet bisher kaum eine App – man kann zwar einen virtuellen Tisch in der Wohnung platzieren, hat aber keine Kaufmöglichkeiten.

Auch an anderer Stelle wird spürbar, dass die Technologie noch ganz am Anfang steht: Die meisten Apps funktionieren nicht besonders gut, zu Abstürzen und langen Ladezeiten gesellen sich Ungenauigkeiten bei der Erkennung der Umgebung, wodurch virtuelle Objekte nicht selten falsch platziert werden – bei unseren Tests schwebten Möbel in der Luft, ein Schicksal, das auch die Dinosaurier der sehenswerten App „Dinos among us“ ereilte. Für AR auf dem Smartphone gilt: Die Möglichkeiten sind vielfältig, die konkrete Umsetzung verbesserungswürdig.​​

Ansonsten wenig Auffälligkeiten 

Die 16-Megapixel-Kamera liefert abseits der VR-Funktionen eine Bildqualität, die auf dem Niveau eines guten Mittelklasse-Smartphones liegt. Auffällig ist die hohe Lichtempfindlichkeit des Kamerasystems (Blende f2.2), auch in geschlossenen Räumen oder bei Dämmerung entstehen noch vergleichsweise gute Aufnahmen. Das Betriebssystem gefällt mit schnellen Reaktionszeiten, schlankem Aufbau und einer Optik, die fast unverändert von Google übernommen wurde. Abgesehen von der Tango-App gibt es kaum vorinstallierte Software, daher sind von 64 GB Speicher nur 5 GB vom System belegt. Wer noch mehr Platz braucht, kann eine Micro SD einlegen. Der Steckplatz ist erfreulicherweise hybrid konstruiert, man hat also die Wahl zwischen einer zweiten Nano-SIM oder einer Speicherkarte.​

Weniger gefallen hat uns die Systemversion: Lenovo setzt auf Android 6.0.1, ob ein Update auf Android 7 kommt, ist fraglich. Unsere Nachfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Ein​ weiterer Kritikpunkt betrifft den Anschluss auf der Unterseite: Statt eine moderne USB-C-Buchse einzubauen, setzt Lenovo auf den veralteten Micro-USB-Standard – bei einem 500-Euro-Smartphone ist das definitiv die falsche Wahl.​

Tango-App

© Screenshot WEKA / connect

Die Tango-App ist nur eine Übersichtsseite für alle AR-Apps, wer auf eine App tippt, wird in den Play Store weitergeleitet. Hier: „Dinos among us“: Die App des American Museum of Natural History ist zwar nicht fehlerfrei, aber eine der besseren.

Testlab und Fazit 

In unserem Testlabor hinterließ das Phab 2 Pro keinen bleibenden Eindruck. Die Funkeigenschaften sind in allen drei Netzen gut, aber eben nicht sehr gut oder überragend. Und mit einer Laufzeit von 6:30 Stunden meistert das XXLSmartphone zwar auch einen intensiven Arbeitstag noch knapp, angesichts einer Kapazität von 4000 mAh hätten wir aber deutlich mehr erwartet. Immerhin fällt die Ladezeit erfreulich kurz aus, weil Lenovo ein 24-Watt-Netzteil in den Lieferkarton legt, das den Akku nach anderthalb Stunden von 0 auf hundert Prozent katapultiert.​

Mit insgesamt nur 364 Punkten landet das Phab 2 Pro weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen der connect-Bestenliste. Das gewaltige 6,5-Zoll-Display bietet zwar eine imposante Darstellung und macht den Riesen zu einem idealen Abspielgerät für Filme, es disqualifiziert ihn aber gleichzeitig für die tägliche Nutzung. Federn lassen muss das Modell dann auch vor allem bei der Handlichkeit, wo nur 4 von 40 möglichen Punkten einen neuen Negativrekord aufstellen. Die Einsatzmöglichkeiten sehen wir daher stärker im Unternehmensbereich: Möbelhäuser und Autohändler können ihren Kunden vor Ort zeigen, wie das Sofa in einer anderen Farbe aussieht oder welche Felge am besten zu Modell X passt.​

Wir sind uns sicher, dass eine AR-Komponente in wenigen Jahren bei vielen Händlern zum Standardrepertoire gehören wird. Mit dem Phab 2 Pro leistet Lenovo Pionierarbeit, die die gesamte Branche nach vorne bringt. Das ist der eigentliche Verdienst dieses ansonsten wenig beeindruckenden Phablets.​

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