Testbeicht

Neat Ultimatum XL6 im Test

Die Neat Ultimatum XL6 (9980 Euro pro Paar) glänzt nicht nur durch extravagante Furniere. Die schlanke Britin dreht mächtig auf - mit senkrecht abstrahlenden EMIT-Superhochtönern und isobarischem Doppel-Turbo für satten Drive im Bass.

  1. Neat Ultimatum XL6 im Test
  2. Datenblatt
Neat Ultimatum XL6

© Herbert Härle

Neat Ultimatum XL6

England beheimatet viele kleine Manufakturen - Inhaber-geführte Unternehmen, die ihre eigenen, klar definierten Philosophien pflegen und teils zu ungewöhnlichen technischen Lösungen greifen. Nehmen wir Neat Acoustics aus dem Norden der Insel. Hinter der Lautsprecher-Schmiede stehen zwei Musiker: Bob Surgeoner spielt seit den 60ern Gitarre und Kontrabass, Paul Ryder singt, komponiert, spielt Gitarre und arbeitet als Toningenieur. Diesem Umstand verdankt das Unternehmen ein eigenes Tonstudio im Firmensitz. Und während der Entwicklung ihrer Lautsprecher gilt bei Neat die Devise: hören, hören und noch mal hören.

Neat Ultimatum XL6

© MPS

Wie ein Unterseeboot besteht die Neat Ultimatum XL6 aus separaten Kammern für alle Abteilungen. Nach dem Abnehmen der verschraubten Rückwand lässt sich darüber hinaus die Schichtholz-Bauweise und die mit zwei 17ern bestückte Isobaric-Tiefton-Sektion erkennen. Diese Bauweise halbiert das Gehäusevolumen und minimiert Nichtlinearitäten der beiden Bässe. Die Frequenzweiche ist frei verdrahtet.

Wer sich der 2,5-Wege-Konstruktion Ultimatum XL6 nähert, staunt zunächst über die edel wirkende klassische Kastenform und die noblen Echtholz-Furniere, gegen die jene von 98 Prozent aller Mitbewerber reichlich blass aussehen: Neben beispielsweise Birke, Walnuss oder Rosenholz gibt es noch drei Hochglanz-Varianten mit verheißungsvollen Namen wie Red Velvet Cloud.

Neat Ultimatum XL6

© MPS

Dieses Bild verdeutlicht den Aufwand für möglichst freies Rundumstrahlverhalten: Oben gleichen zwei EMIT-Bändchen-Hochtöner Bündelungen der Kalotte aus, die trotz geringer Überhänge entstehen. Schaumgummi befreit alle Montageplatten von Reflexionen.

Dann staunt man über die beiden exotischen EMIT-Superhochtöner auf der Oberseite des schmalen Gehäuses und stellt fest, dass die Wände aus mehrschichtigem Birkenholz bestehen. Das ist gewöhnlich der Moment, wo endgültig der Funke überspringt und man mehr über diesen eigenwilligen Lautsprecher erfahren will. Und dann stößt man erst auf den eigentlichen Clou: Die XL6 ist nicht das, was ihr äußerer Auftritt vermuten lässt. Was sich im Gewand einer durch Superhochtöner aufgepeppten klassischen Zweiwege-Konstruktion tarnt, besitzt noch eine überaus potente und aufwändige Bass-Sektion.

Neat nutzt das vom schottischen Mitbewerber Linn vor 35 Jahren mit einer gleichnamigen Boxen-Legende in Europa populär gemachte, von RCA-Konstrukteur Harry Ferdinand Olson in den frühen 50er Jahren patentierte Isobaric-Prinzip. Eine Bauweise, die das benötigte Gehäusevolumen im Bass durch mindestens zwei Treiber in einer Kammer auf die Hälfte reduziert und gerade mit der Linn Majik Isobarik zu neuen Ehren kommt. Das ist der Moment, wo man nur noch den Verstärker anwerfen und hören will. Doch als Tester sollte man vorher ein paar Worte zu diesem gerade auch für Subwoofer geschätzten Konstruktionsprinzip verlieren.

Im Namen verstecken sich zwei lateinische Hinweise auf das Wirkungsprinzip, nämlich "iso" (gleich) und "bar" (Druck). Normalerweise muss eine Membran gegen den Widerstand des im Gehäuse eingeschlossenen Luftvolumens ankämpfen. Beim Isobaric-Konzept arbeiten zwei Woofer als Tandem auf die gleiche Kammer - was zu einer Verdoppelung der Antriebskraft führt, weil zwischen beiden Membranen konstanter Druck herrscht. Durch diese Effizienzsteigerung lässt sich das für tiefe Bässe erforderliche Gehäusevolumen halbieren. Dabei sind zwei Konfigurationen möglich.

In der Push-Pull-Anordnung handelt es sich um zwei entgegengesetzt ins Gehäuse eingebaute Treiber. Das erfordert eine Verpolung eines Chassis, damit beide Membranen gleichphasig schwingen und den Luftwiderstand in der gemeinsamen Kammer teilen können. Dabei heben sich gleichzeitig kleinere Ungleichmäßigkeiten bei negativer und positiver Chassis-Auslenkung gegenseitig auf. In der Compound-Variante sitzen die beiden Tieftöner in Reihe hintereinander.

Neat Ultimatum XL6

© AUDIO

Der Frequenzgangverlauf wurde eindeutig nicht auf Achse, sondern auf optimales Rundstrahlverhalten und einen Hörwinkel zwischen 10 und 30 Grad optimiert.

In der Ultimatum XL6 erhält der obere 17er-Treiber des Push-Pull-Tandems Unterstützung von einer rückseitigen Bassreflex-Öffnung, der untere feuert im Boden des Gehäuses eingebaut nach unten. So sieht man rein gar nichts von den beiden Bassmachern - aber man hört sie ebenso deutlich wie die beiden EMIT-Bändchen, die Bündelungen im Hochtonbereich ausgleichen sollen: Als die Ultimatum anlief, fegte ein frischer Wind mit mächtigem Donnergrollen durch den Hörraum.

Derartige Phänomene können durchaus einhergehen mit Frösteln und Aggressivität - negative Eigenschaften, die einem angesichts der dabei jederzeit bewahrten mustergültigen britischen Coolness aber zu keiner Sekunde in den Sinn kamen.

Die beiden XL6 spielten sehr entspannt, mit einer charmanten Lässigkeit wie sie allgemein von Musikern geschätzt wird. Es schien, als ob die Gene ihrer Väter sich im nahtlosen, in sich vorbildlich stimmigen Klangbild ausdrückten. Diese Spielweise ging runter wie feinstes Olivenöl beziehungsweise wie Honig, besonders wenn sich "My One And Only Thrill" von Melody Gardot im CD-Player drehte.

Neat Ultimatum XL6

© AUDIO

Der unverzerrte Maximalpegel liegt bei moderaten 97 Dezibel, in der Praxis geht es lauter. Der Kennschalldruck bei 2V (80,9 dB) ist eher gering, dafür zieht die Box sehr wenig Strom. Das Klirrniveau profitiertvon einer gleichmäßigen Verteilung. AK70

Die Stimme der exzentrischen Jazz-Diva kam über die Neat mit besonders viel Sexappeal und selten gehörter Eleganz und Luftigkeit herüber. Der hölzerne Korpus der Begleitgitarre nahm vorm geistigen Auge Gestalt an, während die Saiten sanft ausklangen und nicht einfach wegstarben. Der Besen auf dem Schlagzeug kam ebenfalls klar und fein ziseliert.

Klar, dass die Britin damit auch bei Klassik punktete, gerade mit komplexen Choraufnahmen wie Beethovens 9. Symphonie (Haitink, LSO Live) Doch die Ultimatum XL6 konnte auch beherzt zupacken, wenn es etwas härter zur Sache ging.

Neat Ultimatum XL6

© AUDIO

Raum und Aufstellung: Parallel zur Wand. Hörab- stand experimentell er- mitteln. Geht mit etwas dickerem Bass wandnah.

Das sorgfältig produzierte Rap-Album "Hell: The Sequel" von Bad Meets Evil (Eminem & Royce) verlangte der Neat XL6 vor allem in den unteren Oktaven einiges ab. Der Bass wirkte mächtig und konturiert, bewegte sich allerdings eher auf der saftigen als auf der staubtrockenen Seite. Die Single "Lighters" mit Bruno Mars erfreute zudem mit viel Feindynamik und differenzierter Stimmwiedergabe.

Eminem, der oft mit den Sekundärtugenden eines Schnellfeuergewehrs rappt, profitierte hier hörbar in Sachen Artikulationsklarheit. Allerdings lenkte diese Aufnahme die Aufmerksamkeit auf ein spezifisches kleines Manko im Zusammenspiel mit dem Hörraum.

Während normale Wohnzimmer die Höhen etwas abdämpfen, sind im AUDIO-Hörraum schon die Mitten merklich bedämpft, weshalb die Höhen einen Hauch überbetont wirkten, jedoch keineswegs scharf oder unangenehm. Das war es auch schon mit der negativen Kritik. Die Neat ist sicher kein Sonderangebot, aber ein akustisch wie haptisch hochwertiger Freudenspender, der unseren deutschen Klang-TÜV mit Bravour überstand und den Stempel "künstlerisch wertvoll" erhält.

Fazit

Boxen müssen gut klingen und Armbanduhren die Zeit anzeigen. Und doch gibt es Genießer, die neben diesen Selbstverständlichkeiten in der Luxusklasse auch noch auf die Form und die Ausführung sowie komplexe Details Wert legen. Die XL6 ist das audiophile Pendant zu Jaeger Le Coultre oder Lange & Söhne. Dieser kleine Unterschied macht aus einer sehr guten Box ein Kulturgut.

Neat Acoustics XL6

HerstellerNeat Acoustics
Preis9900.00 €
Wertung98.0 Punkte
Testverfahren1.0

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