Röhrenverstärker

Octave V 110 im Test

Der Octave V 110 kann mit ordentlich Watt-Leistung aufwarten. Wir haben den Power-Röhrenverstärker im Labor und Hörraum einem intensiven Test unterzogen.

Octave V 110

© Hersteller/Archiv

Octave V 110

Pro

  • extrem leistungsfähig, alltagstauglich und betriebssicher
  • fantastisch souveräner, gelöster Klang
  • für verschiedene Endröhrentypen verwendbar

Contra

Vielversprechend

Angesichts des mittlerweile geradezu u?berwältigenden Angebots an hifideler Röhrenelektronik ist es nur schwer vorstellbar, dass Röhren-Amps 1980 so gut wie ausgestorben waren. Das lag zunächst mal daran, dass sich Halbleiterverstärker deutlich gu?nstiger produzieren ließen. Unterstu?tzend wirkte auch die gleichzeitige Entwicklung im Lautsprecherbau, den Übertragungsbereich trotz zunehmend kompakter Bauweise mehr und mehr auszudehnen, was letztendlich immer zu Lasten ihres Wirkungsgrades geht.

So wurden die Boxen zwar kleiner und breitbandiger, allerdings stieg auch ihr Leistungsbedarf drastisch an. Und was die Bereitstellung von abundanter Power angeht, zeigte sich die Transistortechnik der Röhre denn auch tatsächlich u?berlegen - dreistellige Wattzahlen bei den Ausgangsleistungen waren damals keineswegs die Ausnahme.

Im Hinblick auf solche Werte mussten hifidele Röhren-Amps passen - bei ihnen war man schon zufrieden, wenn sie 30 Watt pro Kanal an die Ausgangsklemmen brachten, was so manchem wirkungsgradschwachen Kompaktlautsprecher gerade mal fu?r gehobene Zimmerlautstärke genu?gte.

Man konnte die unter Fans und Musikern geltende, nicht ganz von der Hand zu weisende Faustregel "ein Röhrenwatt gleich zehn Transistorwatt" beherzigen und sich dennoch bei höherer Lautstärke dem Reiz fu?lliger Kompression und klangschmeichelnder Oberwellen hingeben. Wer es aber auch bei hohen Pegeln durchsichtig und weniger "crunchy" (unverzerrt) haben wollte, wu?nschte sich mehr Verstärker-Power. Nicht zuletzt deshalb u?ben vor allem wattstarke Röhren-Amps seit jeher einen speziellen Reiz auf die HiFi-Gemeinde aus.

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Höchste Aufmerksamkeit ist damit dem ju?ngsten Vollverstärker vom badischen Röhren- Spezialisten Octave also schon mal sicher: Mit seiner Ausgangsleistung von fast 80 Watt pro Kanal (an 8 Ohm) schöpft der brandneue, 5.900 Euro teure V 110 so richtig aus dem Vollen; man könnte ihn als "Terminator" unter den Röhren-Amps bezeichnen.

Anschlussmöglichkeiten

© Hersteller / Archiv

Mit fünf asymmetrischen plus einem elektronisch symmetrischen Hochpegeleingang bietet der V 110 viele Anschlussmöglichkeiten. Auch lässt er sich unter Verzicht auf eine Hochpegeleinfahrt mit einem MC/MM-tauglichen Phono-Modul bestücken (Preis: 450 Euro).

Octave V 100: Aufbau

Und das gelingt ihm auf besonders smarte Weise: Kein ausladendes Riesen-Chassis mit Dutzenden von Leistungsröhren, keine untragbare "Verstärker-Immobilie", die selbst gestandene HiFi-Racks in die Knie zwingt - vielmehr präsentiert sich der Badener relativ kompakt in einem zeitlos gestylten, u?berwiegend aus nichtmagnetischem Aluminium hergestellten Gehäuse und ist mit einem Gewicht von knapp 23 Kilogramm auch noch gut von einer Person zu bewegen.

Fu?r so viel geballte Röhren-Power auf einem knappen Viertelquadratmeter Stellfläche braucht man naturgemäß ausgesprochen kräftige Endröhren, die schon von Haus aus etliches an Anodenverlustleistung verkraften. Es erstaunt daher nicht, dass der V 110 hierbei auf die angesagte, sehr robuste KT120 vom russischen Hersteller Tung-Sol setzt: Als eine der leistungsfähigsten Pentoden u?berhaupt kann sie selbst im Eintakt-A-Betrieb bis zu 20 Watt an die Lautsprecher liefern - zwei KT120 pro Kanal in symmetrischer Gegentakt-AB-Anordnung bringen den V 110 auf ein Vierfaches dieser Leistung.

Octave V 110: Stromversorgung

Eine besondere Faszination von High-Power-Röhren-Amps beruht auf der Tatsache, dass in ihrem Inneren erhebliche elektrische Energiemengen transportiert werden. Endröhren wie die KT120 verarbeiten im Anodenkreislauf lebensgefährlich hohe Versorgungsspannungen von mehr als 600 Volt; wenn durch einen technischen Defekt mal etwas schiefgeht, gibt es gleich ein gewaltiges Feuerwerk. Aus diesem Grund verfu?gt der V 110 denn auch u?ber ein ziemlich ausgefuchstes Stromversorgungssystem, das selbst in Havariefällen eine kontrollierte Abfuhr der latenten Energiemenge sicherstellt.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, arbeitet der Octave mit zwei elektrisch in Reihe geschalteten Hochspannungsnetzteilen, die jeweils aus einer eigenen Trafowindung gespeist werden. Vorteil: Die Siebelkos werden dadurch deutlich unter ihrer eigentlichen Spannungsfestigkeitsgrenze betrieben, was ihre Lebenserwartung um ein Vielfaches steigert.

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Naturgemäß nimmt der kalte Heizfaden von Röhren im Einschaltmoment den höchsten Strom auf, was nicht nur die Lebenserwartung senkt, sondern auch die Verstärker-Kennlinien im Laufe der Zeit driften lässt. Aus diesem Grunde verwendet der V 110 beim Einschalten eine Softstart-Einrichtung fu?r alle Röhren, die die Heizung sanft hochfährt und zudem den Heizstrom begrenzt. Erst nach dem Erreichen der Arbeitstemperatur werden - Röhren schonend - die Anodenspannungen zugeschaltet. Um Wechselstrombrummen, aber auch u?bers Lichtnetz eindringende Störkomponenten fernzuhalten, arbeitet die Heizung von Vor- und Treiberröhren mittels elektronisch stabilisierter Gleichspannung.

Als einer der ganz wenigen Hersteller von Röhrenelektronik ist man bei Octave in der beneidenswerten Lage, sämtliche Transformatoren und Übertrager im eigenen Hause herstellen zu können. Das ermöglicht nicht nur Spezialkonstruktionen mit ungewöhnlicher Windungsaufteilung, sondern auch besonders hochqualitative Ausfu?hrungen - beispielsweise Umspanner mit extrem streufeld- und verlustarmen Philberth-Kernblechschnitten.

Eben genau solche kommen denn auch beim V 110 zum Einsatz: So zeichnen sich beispielsweise seine Ausgangsu?bertrager nicht allein durch vielfach verschachtelte Wicklungen aus, was die Streukapazität senkt und damit weitreichenden Amplitudenfrequenzgang sichert. Vielmehr sind sie auch auf möglichst identisches Phasenverhalten beider Wicklungshälften fu?r die beiden Endstufen-Röhren hin optimiert - was nach Ansicht von Octave-Chefentwickler Andreas Hofmann fu?r geringe Verzerrungen weitaus wichtiger ist als die Verwendung "gematchter" Endröhren-Pärchen. Damit aber auch in dieser Hinsicht alles auf der sicheren Seite liegt, verfu?gt der V 110 selbstverständlich u?ber die Möglichkeit, den Anodenruhestrom (Bias) fu?r jede Endröhre separat u?ber eine LED-Ampel sehr präziose von außen einstellen zu können.

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Bei aller Liebe zum Glaskolben ist Andreas Hofmann ausgeschlafen genug, um nicht ins Dogmatische abzudriften: Wer ihn kennt, weiß, dass der Einsatz von Röhren "um jeden Preis" noch nie zu seinen Prämissen gehörte. Das gilt auch fu?r den V 110: Zwar geht seine Endverstärkerschaltung als sogenanntes "All Tube Design" durch, die Vorverstärker-Abteilung hingegen werkelt durchweg mit Silizium. Fu?r Hofmann ist das keine Frage der Weltanschauung, sondern vielmehr eine pragmatisch-technische.

Und die lautete beim V 110: An welchen Stellen innerhalb der Schaltung bringt der Einsatz von Röhren klanglich den höchsten Gewinn? Und was das angeht, sitzt die Endstufe klar am längeren Hebel.

Innenleben des V 110

© Hersteller / Archiv

Auch das Innenleben des V 110 hinterlässt mit professionell aufgebauter Elektronik nach Industriestandard einen aufgeräumten Eindruck. Ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Octave-Verstärkern stellen die verwendeten Netztrafos und Ausgangsübertrager dar, die im eigenen Hause gefertigt werden.

Octave V 110: Hörtest

Eine der wesentlichsten Charaktereigenschaften des V 110 im Hörtest war seine unbedingte Überzeugungskraft: Er gehört zu denjenigen Amps, die selbst dem hartnäckigsten Halbleiter-Verfechter jenen typischen, noch zweifelnden, aber bereits einverständigen Blick aufs Gesicht zaubern, der sagen soll: "Stimmt - am Thema Röhrenklang ist wirklich was dran." Und dazu bedurfte es noch nicht einmal klirrspektraler Klangkosmetik, mit der so manche mit Röhren bestu?ckte Komponenten heutzutage der digitalen Tonkost mehr Musikalität einzuhauchen versuchen.

Das hatte der V 110 gar nicht nötig, brachte er doch die fu?r Röhren typischen Vorzu?ge wie die schwerelose Kraftentfaltung und freies Durchatmen im Klangbild gänzlich ohne schönfärberische Attitu?den heru?ber. Obwohl er strenggenommen eigentlich keinen typischen Klangcharakter mitbrachte, werden ihn seine Besitzer lieben, denn er ließ es unten herum mit einer Lässigkeit grooven, dass es eine wahre Pracht war. Dank seiner souveränen Leistungsentfaltung galt das keineswegs nur fu?r Röhren-Ampfreundliche Lautsprecher a la Cabasse oder JBL, sondern auch fu?r schon recht anspruchsvolle Schallwandler wie den Epos Encore 50, der den V 110 schon mit fast halbleiterhaftem Zupacken ohne Nachlässigkeiten zu fu?hren verstand.

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Eigentlich waren die Juroren schon längst glu?cklich, dennoch gab es einen kräftigen, klanglichen Nachschlag - und zwar mit der Netzteil-Erweiterung Super Black Box: Nach einer kurzen Einlaufphase von etwa drei Minuten brachte sie spu?rbar mehr Leichtigkeit, Ordnung und Charme ins Klangbild, und auch die räumliche Darstellung der Teilschallquellen gelang nochmals u?berzeugender. So gab's fu?r den V 110 mit Super Black Box noch einen weiteren Klangpunkt, die Auszeichnung "Highlight" hat er ohnehin verdient.

Technik im Detail: Andere Endröhren im V 110

Wie beschrieben, liefert Octave den V 110 serienmäßig mit einem 4-plus-1-Satz der russischen Endpentode KT 120 aus. Mit diesen erzielt er denn auch seine Maximalleistung von rund 110 Watt pro Kanal. Daru?ber hinaus lassen sich im V 110 jedoch auch andere Endpentoden mit sogenannten Oktalsockeln verwenden, als da wären die KT 88, die KT 90, die KT 100 sowie die 6550 und mit Einschränkungen in Sachen Lautsprecherimpedanz auch die EL 34.

Der Hintergrund fu?r diese interessante Option war die Idee, dem Anwender die Möglichkeit zu geben, die klanglichen Eigenschaften des V 110 durch entsprechende Endröhren-Auswahl an seinen persönlichen Hörgeschmack oder an die Klangcharakteristik seines Lautsprechers anzupassen.

Beim Betrieb des V 110 mit anderen Endröhren handelt es sich denn auch keineswegs nur um eine technisch mögliche Option, bei der man sich in eine sicherheitsbedenkliche Grauzone begibt - vielmehr wird dieser ganz offiziell in der Bedienungsanleitung erwähnt und die Vorgehensweise hierfu?r auch explizit beschrieben. Weder Röhren noch der Verstärker selbst können bei solchen Experimenten also Schaden nehmen.

Eine Schlu?sselrolle bei der Röhrenwechsel-Aktion nimmt der ru?ckseitige Power-Schalter ein, der die Höhe der Anodenspannung beeinflusst - hierdurch ergibt sich fu?r den V 110 in Verbindung mit den jeweiligen Endröhren ein unterschiedliches Leistungsniveau, das zwischen etwa 70 (low) und 110 Watt (high) pro Kanal liegt. Zwar ist die Schalterstellung "high" zuallererst fu?r die KT120-Endröhre gedacht, aber auch andere Endröhren lassen sich hiermit gefahrlos betreiben, da diese die höhere Anodenspannung locker verkraften. Nur sollte man dann - speziell bei der EL 34 - keine Lautsprecher mit sehr geringer Lastimpedanz verwenden (unter 3,5 Ohm), was zu stärkerer Erwärmung und höherem Verschleiß führen wu?rde.

Eine weitere Klangtuning-Möglichkeit beim V 110 ist der Anschluss der Netzteil-Erweiterungen Black Box (900 Euro) oder Super Black Box (2.400 Euro). Beide Module bringen eine beträchtliche Vergrößerung an Siebkapazität jeweils um den Faktor 4 (Black Box) bzw. Faktor 10 (Super Black Box), was die dynamischen Fähigkeiten des V 110 nochmals unterstu?tzt. Beide Blackboxen sind zudem mit aufwendigen Entladeschaltungen für einen gefahrlosen Anschluss ausgestattet.

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