Testbericht

Plattenspieler Roksan Xerxes 20+

Plattenspieler werden erst nach zwei Dekaden volljährig. Auch der Roksan Xerxes 20+ zählt mittlerweile zu den Erwachsenen.

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Plattenspieler Roksan Xerxes 20+

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Plattenspieler Roksan Xerxes 20+

Ausgehend von einer korrekten Grundidee muss ein guter Plattenspieler wachsen und reifen. Es gibt kein Modell, das auf Anhieb perfekt das Licht der Welt erblickt hätte. Auch der Xerxes nicht, als er 1985 vorgestellt wurde. Mit seinem eleganten System aus Entkopplungs- und Dämpfungsebenen, die untereinander jeweils nur genau definierte Bewegungen zulassen, zielte Roksan-Gründer Touraj Moghaddam auf den damaligen Platzhirsch Linn LP_12. Der Ur-Xerxes übertraf den LP_12 tatsächlich in einigen Klangdisziplinen und war in den späten 80ern einer der stilprägenden Spieler aus dem Reich der Rechtslenker. Zum Leidwesen seiner Fans war er in den ersten Jahren auch ein zuverlässiger Quell höchst origineller Defekte.

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Der schwarze Kasten links vorne beherbergt das Artaxerxes-Phonoteil, das am mächtigen 350-VA-Trafo (rechts) atemberaubend intensiven Bass-Drive entwickelt.

20 Jahre gereift

Die Konstruktionsmerkmale und Bauteile, die einst für Verdruss sorgten, finden sich heute nur noch in HiFi-archäologischen Sammlungen. Der Roksan ist mit nunmehr über 20 Jahren Reifezeit (daher die "20" im Namen) in das evolutionäre Stadium der "besten Jahre" eingetreten. Wer glaubt, Vergleichbares mal eben am Wochenende entwerfen und bei einem Lohnfräser bauen lassen zu können, begeht einen folgenschweren Fehler.

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Der Xerxes ist kein typisches Subchassis-Laufwerk und erst recht keine Masse-Konstruktion. Deren Grundidee, nämlich ein möglichst extremes Verhältnis zwischen Massenträgheit und antriebsbedingten Störeinflüssen zu schaffen, bildet der Xerxes mit einem auf den ersten Blick skurrilen Antriebskonzept nach, das seit jeher wohl das wichtigste Erkennungsmerkmal dieses Spielers ist. Quelle des Vortriebs ist ein Synchronmotor, den Roksan nicht fest, sondern auf einem reibungsarmen Gleitlager frei drehbar montiert. Nur eine weiche Spiralfeder hindert das Aggregat daran, sich um sich selbst zu drehen, anstatt den Teller in Rotation zu versetzen. Erst wenn das Federlager voll ausgelenkt wird, etwa beim Hochlaufen, gelangt die ganze Motorkraft an den Riemen. Im Betriebszustand dagegen kehrt der Motor in seine Ruhelage zurück, aus der heraus kurzfristige Unregelmäßigkeiten einfach ausgependelt werden. Aus dem ganz normalen Motor entsteht auf diesem Weg ein winziges, virtuelles Motörchen, und der geschliffene Neopren-Riemen verwandelt sich in ein langes, hochelastisches Gummiband. Wahlweise könnte man sagen, dass sich der eigentlich mittelschwere Teller gegenüber den Antriebseinflüssen so richtig schwer fühlen darf.

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Der zweiteilige Mitteldorn lässt sich mit einem dezenten "Plöp" verschlanken. Die drei Schrauben im Innenteller dienen der Feinstjustage im Werk

Die Rechnung geht aber nur auf, wenn auch vom Tellerlager keine Störungen verursacht werden. Das soll beim Xerxes eine filigrane, gerade mal bleistiftdünne, dabei jedoch sehr lange Welle (Länge zu Durchmesser: elf zu eins) aus gehärtetem Stahl gewährleisten, die sich in einer Buchse aus Phosphor-Bronze dreht. Am unteren Ende sitzt die Achse auf einer kleinen Kugel aus ultrahartem Wolframkarbid. Den Werkstoff treffen wir noch mehrmals im Xerxes wieder: Er bildet den Kontaktpunkt in den drei raffinierten, aufpreispflichtigen Spike-Füßen, und er ersetzt die sonst üblichen Stahlkugeln in den Präzisionskugellagern des Tonarms Artemiz. Wie der Xerxes ist auch der Artemiz ein Klassiker, der durch penible Modellpflege besser funktioniert als je zuvor. Gewöhnungsbedürftig, aber letztlich völlig unproblematisch ist nur das Pendel-Gegengewicht, das einerseits den Schwerpunkt des Arms tiefer legt, ihm andererseits bei nicht ganz planen Platten eine faszinierende Agilität verleiht.

Der Zentrier-Trick

Klanglich noch dramatischer als die meisten Wellen wirkt sich jedoch die Exzentrizität der meisten Platten aus. Ein Seitenschlag von zwei Millimetern - bei modernen Pressungen leider an der Tagesordnung - erzeugt bereits so dramatische, von außen nach innen auch noch zunehmende Tonhöhenschwankungen, dass selbst die selige HiFi-DIN 45_500 mit ihrem zulässigen Viertelprozent in unerreichbarer Ferne liegt. Eine solche Platte eiert, dass einem übel wird; jegliche High-Tech-Bestrebungen zur Gleichlaufoptimierung werden Makulatur.

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Der kleine Synchronmotor kann sich um sich selbst drehen. Nur eine kleine, weiche Feder hält ihn in Mittellage.

Wenn Umtausch keine Option ist - meist sind eh ganze Press-Chargen betroffen - bleibt mit normalen Spielern nur das behutsame Aufbohren des Mittellochs mit anschließender manueller Zentrierung. Eine hässliche, mühsame, gefährliche Geschichte, die zudem den Verkaufswert der Platten praktisch anulliert. Womit wir bei meinem Lieblings-Feature am Xerxes wären: dem abziehbaren Mitteldorn. Er wurde ursprünglich entwickelt, um die Übertragung von Lagergeräuschen auf die Platte zu minimieren. Von mir aus. Viel wichtiger ist in der Praxis, dass im abgezogenen Zustand genug Luft ums Mittelloch bleibt, um selbst mega-exzentrische LPs mit drei, vier Schubsern an der Plattenkante perfekt zu zentrieren. Das ist viel einfacher, als es klingt; das menschliche Auge als Messinstrument und der (geliftete!) Tonabnehmer als Bezugspunkt reichen völlig aus.

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Das tiefe Gegengewicht verlegt den Schwerpunkt des Arms auf die Abtastebene, was Lastwechselreaktionen minimiert.

Tanzender Perserkönig

Klar, dass zum kompletten, klassischen Xerxes-Gedeck auch der Tonabnehmer Shiraz gehört sowie die bestmögliche, allein zwölf Kilo schwere Motorsteuerung mit integriertem Artaxerxes-Phonoteil - als solches identisch mit dem in AUDIO 12/03 getesteten DX-2. Wer Budget sparen will, sollte beim mittlerweile recht teuer gewordenen Tonabnehmersystem beginnen. Auch das neue Benz Glider passt beispielsweise prächtig - der universelle, mittelschwere Artemiz schränkt die Auswahl kaum ein und holt auch aus erschwinglichen Großserien-MCs Verblüffendes heraus.

Der Zwanziger brachte die fabelhaft weite und genaue Raumdarstellung seines Vorgängers (einer der Punkte, in denen ich ihn sogar meinem LP12 vorzog), hielt dieselbe wunderbare Balance zwischen Klangfarbenfreude und Konturenschärfe, unterfütterte diese aber mit einem deutlich kräftigeren Grundtonbereich. Angesichts der EMT-Gene des Shiraz-Abtasters verwundert das nicht, aber auch mit anderen, nüchterneren MCs liegt der neue Xerxes mehr auf der tonal warmen Seite als bisherige Inkarnationen. Was nichts an der locker-ungekünstelten Natürlichkeit dieses Spielers ändert, die ihm nur ganz wenige Laufwerke nachmachen. Der Roksan ist ein Spieler, der das Spielen großschreibt, der lieber subtil differenziert als randaliert. Dass er nicht ganz das Tempo, die Energie und Kontrolle seines jüngst nochmals frisierten Linn-Rivalen (AUDIO 7/07) aufbringt, ist überhaupt kein Problem: Dafür ist er etwas günstiger und in seinem neuen Klavierlack-Outfit viel schöner. Und er erspart den Plattenbohrer.

Roksan Xerxes 20 Plus / Artemiz

HerstellerRoksan
Preis0.00 €
Wertung110.0 Punkte
Testverfahren1.0

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