Testbericht

Plattenspieler Well Tempered Amadeus

Wie baut man ein Plattenspiegerlager, das dem jahrzehntelangen Dauereinsatz gewachsen ist und trotzdem beweglich wie spielfrei bleibt?

  1. Plattenspieler Well Tempered Amadeus
  2. Datenblatt
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© Archiv

Ein klassisches Kugel- oder Gleitlager schafft das nie zu 100 Prozent. Bill Firebaugh, der Konstrukteur der Well-Tempered-Plattenspieler, ließ sich deshalb in den 80er Jahren gleich zwei neue, auf den ersten Blick recht bizarr anmutende Lagerungen patentieren, die sich beide auch in seinem neuesten Spieler Amadeus finden. Am auffälligsten ist das Tonarmlager, das streng genommen gar nicht existiert. Das lange (effektiv 10,5 Zoll), schlanke, zur Resonanzunterdrückung mit feinem Sand gefüllte Alurohr mündet nicht im gewohnten kardanischen Lagerkäfig, sondern in einem... Golfball!

Was zuerst wirkt wie eine humorvolle High-End-Bastelei, ist in Wirklichkeit extrem durchdacht und funktioniert perfekt: Der Golfball samt daran befestigtem Armrohr hängt an einem Trapez aus dünner Nylonschnur, das von einem verstellbaren Edelstahl-Ausleger gehalten wird. Am unteren Ende des "Lagers" befindet sich eine mit sehr zähem Silikonöl gefüllte Dämpfungswanne, in die der Golfball mit seiner Unterseite eintaucht. Der Trick besteht darin, die Eintauchtiefe (grundsätzlich nur wenige Millimeter) genau so einzustellen, dass die "erlaubten" horizontalen und vertikalen Drehbewegungen nur minimal bedämpft sind, während sich der Arm auf Zug/Druck in allen anderen Achsen beinhart anfühlt. Ist dieser Punkt einmal eingestellt, hat man absolut nicht mehr das Gefühl, einen frei hängenden Arm zu bedienen, der nur durch eine Silikonpfütze und einen Golfball am Pendeln gehindert wird. Sogar das Fehlen eines Lifts lässt sich verschmerzen, da die Viskosität des Silikons Armbewegungen umso mehr bremst, je schneller sie sind. Seine unbeirrbare Spurtreue ist in den Arm gewissermaßen hineinkonstruiert.

Ein weiteres Well-Markenzeichen ist das Tellerlager. Statt dessen Achse in einer klassischen Buchse rotieren zu lassen - was im mikroskopischen Bereich zu Taumel- und Ruckeleffekten führen kann - steckt Firebaugh sie in ein viel zu großes, ölgefülltes Gehäuse, das nur am oberen Ende mit einer quadratisch gelochten Teflonscheibe etwas verengt ist. Der Ausschnitt ist immer noch größer als der Achsdurchmesser, aber so ausgerichtet, dass eine Ecke genau zum Motor zeigt. Unter dem Zug des Antriebs-Strings lehnt sich die Achse in diese Ecke und hat damit nun genau zwei definierte Führungspunkte an ihrem oberen Ende - zuzüglich zweier weiterer durch ein ähnliches Arrangement am Lagergrund. Vergrößert betrachtet, quert die Achse das Lagergehäuse also diagonal und nahezu kontaktlos.

So wackelig sich das Lager im Stillstand anfühlt, so perfekt funktioniert es messtechnisch wie gehörmäßig, sobald eine Platte läuft. Die klanglichen Eigenschaften des Amadeus lassen sich jedoch mit Gleichlauf- und Rumpelwerten nicht erklären: Jeder Tonabnehmer, der während des Tests im Well-Tempered-Arm lief, wirkte schlicht eine Klasse besser, weil natürlicher, entspannter und verzerrungsärmer, als ihn der Autor von anderen Spielern in Erinnerung hatte.

Auffallendste Merkmale des Well Tempered sind seine Ruhe und Stabilität und eine wahrhaft majestätische Abbildung. Ob der Spieler tonal ein wenig auf der runden, milden Seite liegt, oder ob dieser Eindruck einfach durch das Fehlen aufhellender Klirr-Komponenten entsteht, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls basiert der angenehme Charakterer nicht auf einer Grundton-Betonung, wie ein kurzer Vergleich mit dem in diesem Bereich merklich kräftigeren Linn LP12 zeigte. Im Tiefbass wiederum war der Well Tempered nicht nur dem Linn, sondern auch vielen Masselaufwerken überlegen: Gewichtig, aber dennoch elatisch federnd und perfekt harmonisch ins Gesamtbild integriert, nutzte er die tiefsten Töne nicht als Show-Effekt, sondern als musikalische Energiequelle.

Von allen qualitativ vergleichbaren Spielern ist der Well Tempered ohne Zweifel derjenige, der am wenigsten dem Klischee vom "großen Plattenspieler" entspricht. Und da er externe wie selbstgemachte Störeinflüsse nicht auf die brutale Tour  unterwirft, sondern sie intelligent und mit einem Minimum an Materialaufwand austrickst, ist er in seiner Klasse auch der Günstigste.

Erlauben Sie mir zum Abschluss, ausnahmsweise einen englischen Internetforum-Beitrag zum Amadeus zu zitieren, der es perfekt trifft: "It's the closest you can come to not having a turntable and still play records". Wenn ich den Well Tempered höre und an diesen Satz denke, muss ich jedesmal laut lachen.

Well Tempered Amadeus

HerstellerWell Tempered
Preis2875.00 €
Wertung105.0 Punkte
Testverfahren1.0

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