Testbericht

Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

Wenn sich österreichische mit chinesischen Highendern verbünden, wollen sie nicht irgendeinen Verstärker bauen, sondern einen wahrhaft galaktischen - den Ayon Orion für 2000 Euro.

  1. Röhren-Vollverstärker Ayon Orion
  2. Datenblatt
Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

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Röhren-Vollverstärker Ayon Orion
Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

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Mit dem USB-Eingang und den Pre-Outs bringt der Ayon Orion zum Kummer für die Konkurrenz weitere Sonderausstattung mit.

Die erste Begutachtung des neuen Röhren-Vollverstärkers Orion von Ayon löst beim HiFiisten Kopfschütteln aus. "Das gibt es doch gar nicht", heißt es, wenn der Blick etwa von den in mächtigen Abschirmtöpfen vergossenen Trafos zum Preisschild wandert, dass der österreichische Vetrieb so einen 28 Kilo schweren Prachtskerl für nur 2000 Euro anbieten kann.

Ayon-Chef Gerhard Hirt erzählt dazu gerne die Geschichte, dass ein amerikanischer Investor - also ein dritter im Bunde - für seine Heimat gleich 2000 Stück des Orions bestellte, was die günstige Kalkulation ermöglichte.

Es bleibt aber bei der Bewunderung - schon für das extra stabile, von massiven Aluplatten gebildete Chassis. Und für die vier relativ teuren, von Electro-Harmonix bezogenen Endröhren KT 88 oben drauf. Die wiederum nicht in x-beliebigen Sockeln stecken, sondern in keramischen mit hochleitfähigen Beryllium-Kupfer-Federkontakten.

Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

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Klasse, heißt es beim Blick auf die Rückseite nicht nur wegen des modernen USB-Eingangs für PCs (via USB-A-Adapterkabel), sondern auch wegen der Tatsache, dass der Fan hier Messbuchsen für sein Multimeter vorfindet und er an Wendel-Schraubtrimmern in aller Ruhe die einzelnen Ruheströme einjustieren kann.

Und zwar nicht unbedingt nur für die kräftige KT 88, sondern auch für ähnliche, sockelgleiche Röhren, weil der Einstellbereich bis zur EL 34 und zur noch kleineren 6L6 herunter reicht.

Die erste Anhebung der Eingangssignale besorgt der Orion nicht mit der allüblich verwendeten Doppeltriode ECC 83, sondern mit einer etwas stromkräftigeren ECC 82.  Die rauscht zwar ein Tickchen mehr, aber was soll's, wenn sie dafür die ebenfalls ECC-82-bestückte Phasensplitter/Treiberstufe umso energischer anfeuern kann.

Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

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Schont die Endröhren: Das Bias-start-up-board sperrt sie mit einer hohen negativen Vorspannung so lange, bis sie voll aufgeheizt und die Kathoden wirklich emissionsfähig sind.

Das ganz große Staunen erfolgt sowieso erst nach Abnehmen des Bodendeckels. Nun wird der HiFi-Fan mit äußerstem Wohlgefallen den Signalweg verfolgen: von einzeln verschraubten Cinchbuchsen zu den Eingangsrelais und dann über beachtlich dicke und ordentlichst konfektionierte Teflon-Koaxkabel vor zu dem motorisierten Alps-Potentiometer, das bei Bedarf auch fernbedient werden kann.

Auf der Hauptplatine schreiten die Schwingungen dann über breite, vergoldete Kupfertrassen dahin. Und dank entsprechender Schaltungsauslegung nur ein Mal - bei der Ansteuerung der Endröhren - über gleichspannungstrennende Koppelkondensatoren. Da dürfte aber nicht viel anbrennen, weil Ayon verlust- und klirrarme Folientypen ausgesucht hat.

Vertrauen flößen auch die Bauteile des Netzteils ein. Zur Säuberung der Anoden-Hochspannung verwendete Ayon drei ansehnliche Elkos mit je 270 Mikrofarad und zudem eine Eisenkerndrossel. Ein besonderes Reinheitsgebot galt bei der Heizung der Vorstufenröhren, die mit einer gleichgerichteten und zudem von einem dicken IC stabilisierten Spannung erfolgt.

Röhren-Vollverstärker Ayon Orion

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Zudem gibt es eine normale Netzteil-Einschaltverzögerung (rechts) und eine Schutzschaltung, die bei Belastungsgefahren für Pausen sorgt. Beide arbeiten mit dicken Relais.

Zu alledem werden einige Highender es als gutes Omen betrachten, dass in dem Orion keinerlei Über-alles-Gegenkopplung zum Einsatz kommt.   Ohne diese Zwangskorrektur fiel es zwar sicher schwerer, ordentliche Standard-Messwerte zu erreichen. Anderseits blieb der Klirrverlauf - wie an den stereoplay-Diagrammen zu erkennen - so besonders sauber abgestuft und harmonisch. Außerdem besteht Gewähr, dass die angeschlossenen Boxen nicht ungebührlich auf die Verstärkerstufen zurückwirken können.

Seine erste Hörraum-Großtat vollbrachte der Orion mit Peder af Ugglas' "Beyond" von der stereoplay-SACD "Ultimate tunes". Nach den einführenden, via Röhre besonders schön funkelnden Pianotönen setzte feinfühlig die Sologitarre ein, um erst zu singen und sich an Intensität immer weiter zu steigern. Und dann traf sie mit unglaublicher Direktheit mitten ins Herz - währenddessen die Arbeitsboxen Sonics Allegra (8/05) ihre Existenz zu verleugnen schienen.

"Gitarre kann er", nickten die Tester und griffen zum Unison Sinfonia (2/06, 4000 Euro, 56 Punkte), mithin ganz hoch ins Vergleichsregal. Doch selbst diese Edelröhre lehnte es ab, sich in dem Maße in das Elektro-Saitenspiel zu vertiefen. Oberwasser gewann sie erst wieder bei großem Orchester. Während sie größere Konzertsäle beschrieb, ein größeres Bassquantum übertrug und die Streicher lieblicher fiedelten, wirkte der Orion nun weniger offenherzig und schlanker.

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Der runde, hochspannungsfeste Schalter legt die Endröhren-Schirmgitter wahlweise an Ausgangstrafo-Anzapfungen oder direkt an die Anoden, was zu sanfteren Klängen führt.

Beim halben Preis nicht wirklich tragisch! Mit der CD "It's The City" legte der Ayon sowieso wieder strahlende Glanznummern hin. Unfassbar, wie lebendig und feinst akzentuiert er die Stimme von Ulita Knaus zelebrierte. Die Hörerschaft klebte nur so an den plastisch bebenden Lippen.

Herrlich, wie der Drummer sich reinkniete: Die staubtrockenen, mit blitzartiger Verve vorgetragenen Snare-Akzente, das sensibel-zickige Schnippen auf die Hi-Hat-Becken, das zart-metallische Geflimmer und das dämpfende "Finger drauf" kamen geradezu unheimlich echt.

Und wenn etwa Janiva Magness bei den Bluestiteln von "What Love Will Do" fast schon raubkatzenhaft fauchte, bot der Orion mit dem Wechsel auf die "Triode" genannte Betriebsart die Möglichkeit,  auf etwas Hochton-gnädiger, milder zu schalten.

Im Normalfall wird es aber bei "Pentode" bleiben und bei der Gewähr, dass der Musikfreund mit dem Ayon abheben kann.

Ayon Orion

HerstellerAyon
Preis2000.00 €
Wertung55.0 Punkte
Testverfahren1.0

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