Phono-Vorverstärker

Audio Research REF Phono 2 SE im Test

Die Vorstufe Reference Phono 2 SE von Audio Research holt knallharte Innenspannung aus scheinbar bekannten Rillen. Auch der Preis schafft Nervenkitzel.

Test REF Phono 2 SE  Audio Research

© Audio Research

Test REF Phono 2 SE Audio Research

Pro

  • Tiefe der dynamischen und räumlichen Abbildung fasziniert maximal
  • kraftvoller, drängender, kontraststarker Phono-Amp

Contra

Ku?rzlich ist die stereoplay-Redaktion in einen neuen Hörraum gezogen - und hat einen kompletten Umzugskarton mit jenen kleinen Kästchen mitgebracht. Ein rundes Dutzend wird es sein: Phonoverstärker, maximal zwei Zigarettenschachteln groß. Gemeinsam erreichen sie weder das Kubik-Volumen, noch das Gesamtgewicht, noch den Preis dieses großen Bruders: Audio Research baut den Reference Phono 2 SE vollformatfu?llend - in den Gehäusemaßen eines wirklich ausgewachsenen Vollverstärkers. Dazu kommt der firmentypische Auftritt mit den wuchtigen Griffen links und rechts: Hier meint es jemand sehr ernst - oder macht eine große Show. Eine Mischung aus Hochachtung und Misstrauen ist angebracht. Auch angesichts des Preises: 14.700 Euro kostet diese Phonovorstufe. Die meisten der Zigarettenschachtel- Geschwister liegen zwischen einem und drei Prozent dieser Summe.

Wozu der Aufwand? Weil hier mit den wertvollsten Signalen in einer High-End-Kette hantiert wird. Dazu braucht es keine Fantasie: Ein winziger Diamant auf einer filigranen Nadelkonstruktion u?berträgt kleinste Schwingungen an eine Kombination aus Magneten und Spulen. Der daraus gewonnene Hauch eines Impulses wird eben an die Phonostufe weitergereicht. Erst hier wird daraus das, was wir ein "Signal" nennen wu?rden.

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Der schnelle Blick in das Innenleben der Vorstufe Phono 2 SE lässt vermuten, man habe einen Röhren-Amp vor sich. Das stimmt in den Details nicht ganz. Das Entwicklerteam am Firmensitz in Plymouth nutzt eher unorthodox das Beste, was der Markt hergibt. Im Kern steht man vor einer Hybrid-Konstruktion. Die AR-Entwickler setzen zuerst spezielle Sperrschicht-Feldeffekttransistoren (JFETs) fu?r den größten Leistungshub ein. So geheimnisvoll Audio Research die Details um die JFETs hu?tet, so offen verraten doch die Aufdrucke der nachgeschalteten Röhren ihre Heimat: durchgehend russische Sovteks. Fast möchte man von einer russisch-amerikanischen Freundschaft fabulieren - wu?rden alle Fakten nicht eher auf eine kriegerische Auseinandersetzung hinweisen. So bestand der urspru?ngliche, staatstragende Auftrag von Sovtek darin, das russische Militär mit Spezialröhren zu beliefern. Das hier gleich mehrfach verbaute Modell 6H30 wird noch heute als "Super Tube" mit robust-mythischen Leistungseigenschaften verklärt.

Audio Research - REF Phono 2 SE - Innenaufbau

© Hersteller / Archiv

Geradlinig, sehr geradlinig: Hinter dem Display waltet ein Kleincomputer - der nicht in den Signalweg geschleift ist. Die Impedanzen werden direkt am Eingang (oben rechts) per Relais ferngeschaltet.

Es glimmt an genau sechs Positionen der Platine. Alle Röhren wurden mit Gummiringen bedämpft. Dennoch ist die Reference Phono 2 SE kein reiner Röhrenverstärker. Den ersten Verstärkerschritt vertrauen die Entwickler aus Minnesota speziellen JFETs an: recht teuren, extrem rauscharmen Sperrschicht-Feldeffekt-Transistoren. Auf dem Foto fast zu u?bersehen, links unten, die kleine Wiese der schwarzen Pilzköpfe. Danach geht das Signal weiter an je zwei russische 6H30-EB-Röhren von Sovtek pro Kanal. Die große 6550WE-Tetrode greift nicht in den Signalweg ein und wurde gemeinsam mit einer weiteren 6H30 fu?r die Stromversorgung abgestellt. Ein Aufwand wie bei riesigen Endstufen-Bauplänen.

Sieg der Kapitalisten

Was die Russen wohl damit vorhatten? Ganz sicher einen atomaren Erstschlag. Wie gut, dass Ronald Reagan damals die Gefahr abwenden konnte und dem russischen Volk die Freiheit brachte - oder so ähnlich.

Anhand von Sovtek zeigt sich auch vorbildhaft, wie der Kapitalismus u?ber den Kommunismus gesiegt hat: Die Company wurde nach dem Zusammenbruch des Roten Sterns verschachert. Heute verwaltet der US-amerikanische Konkurrent, die New Sensor Corporation, die alten Fertigungsstätten in Saratow; die Stadt liegt su?dlich von Moskau, direkt am Ufer der Wolga.

Insgesamt vollbringen sechs Sovteks ihren Lebenszweck in einer Phono 2 SE: Vier 6H30- EB (zwei pro Kanal) verstärken das von den JFETs angehobene Signal. Eine weitere 6H30-EB wurde fu?r die Stromaufbereitung abgestellt und flankiert eine ausgewachsene Tetrode, 6550WE, fu?r die Anodenspannung. Das ist ungewöhnlich, weil sie in dieser wuchtigen Bauweise eher in großen Endstufen beheimatet ist. Die zugehörigen Netzspulen "hängen" senkrecht hinter den Griffen der Frontplatte. Die Hauptplatine ist damit fast paritätisch geteilt in Stromversorgung und Signalweg: symmetrisch und schön.

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Daru?ber kann man die dritte Abteilung aus dem Blickfeld verlieren: Audio Research verstaut einen Kleinstcomputer hinter dem riesigen fluoreszierenden Front-Display. Dieser steuert alles und tritt doch in den Hintergrund, wenn es um den reinen Signalweg geht. So lassen sich beispielsweise die Eingangsimpedanzen umfassend feintunen. Der Prozessor u?bernimmt dabei nur die Anzeige fu?r das Display und den Speicher der favorisierten Einstellung - geschaltet wird direkt und ferngesteuert hinter dem Eingang per Relais.

Neben insgesamt sieben unterschiedlichen Impedanzen (47 kOhm bis 50 Ohm), zwei Gain-Faktoren (low/high, 45 - 74 dB) stehen auch drei unterschiedliche Entzerrungen zur Wahl (RIAA, Columbia und Decca). Ist die perfekte Kombination gefunden, können die zwei Cinch-Eingänge getrennt mit den Speicherdaten belegt werden. Ein Traum fu?r alle ambitionierten Vinyl-Fans, die nur u?ber einen Klick auf der Fernbedienung schnell zwischen zwei Tonarmen oder zwei Laufwerken wechseln könnten.

Erschreckendes Format

Warum schämt man sich, wenn man nun ansetzen möchte, diesen Phono-Amp als Wunderwerk des Audiophilen zu besingen? Weil er so teuer ist? Vielleicht. Aber auch weil man plötzlich entdeckt, wie viele Jahre man sich mit den konkurrierenden Leichtgewichten arrangiert hat.

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Der Phono 2 SE fegt sie alle hinweg. Er streute im Test keinen schmeichelnden Samt, keine su?sse Unschärfe in die Impulskette. Der Phono 2 SE erschien im Hörraum als extrem vorwärts drängender Wandler mit hoher dynamischer Präsenz. Erschreckend fast, aus dem Nichts - war das Vinyl gut, dann stand der erste Impuls wie in Marmor geformt vor der Boxenebene.

Hörtest

Wie der Komtur beim Festmahl in Mozarts Oper "Don Giovanni". Zu Mozarts Lebzeiten empfanden die Zuhörer das als Maximum des Diabolischen. Heute lächeln wir abgeklärt. Von hundert Auffu?hrungen live gelingt es nur einem Dirigenten, das Gespenstische zu fassen. Bei konservierter Musik ist das nicht möglich. Doch dieser Audio Research hat das Format. Wir hätten eine bedeutende Summe verwettet, dass diese Information nicht in der Rille steckte (Giulini, EMI 1959).

Natu?rlich kann dieser Phono-Amp auch sanft und genu?sslich. Selten haben wir Chet Bakers Version von Kurt Weills "September Song" so schmelzend schön und atmosphärisch dicht gehört. Das gelingt manchen Konkurrenten vergleichbar gut, aber die dynamisch dichten Momente keineswegs.

Eine schrecklich-schöne Herausforderung: Die Suite der Filmmusik zu Hitchcocks "Psycho" - blutige Geschichte in Schwarzweiß, blutig-aufbrausend vom Komponisten Bernard Herrmann selbst dirigiert, blutig- hochdynamisch von der Decca in die Rille geritzt. Den wirklichen Gehalt dieser Pressung erfasste in unserer Kette der Phono 2 SE. Tonabnehmer, Laufwerk, Endstufen, Lautsprecher - vieles konnte getauscht werden, nicht jedoch der Sinnstifter aus Minnesota.

Wenn nur der Preis nicht wäre. Es ist wohl sinnvoller, sich von dieser Summe ein kleines Smart Cabrio in gehobener Ausstattung fu?rs Stadtleben zu kaufen. Hitchcock sagt: "Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mir etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Fantasie." 

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