Testbericht

Test: Standlautsprecher Thiel SCS 4T

Die Thiel SCS 4T (4000 Euro pro Paar) ist eine sehr feine, hochauflösende Box mit intimem, aber natürlich genau gestaffeltem Raum.

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Jim Thiel, der 2009 verstorbene Lautsprecherpionier aus den USA, hatte sein Lebenswerk unter das Motto "zeitrichtige Musikwiedergabe" gestellt. Früh kam er dabei auf die Verwendung von flachen Frequenzweichenfiltern, die dank einer echten akustischen Filtersteilheit von nur 6 Dezibel pro Oktave dem Signal lediglich minimale Phasen- und Zeitfehler zufügen. Eine solche Weiche stellt erheblich größere Anforderungen an die Treiberqualität, weil sowohl der Tieftöner als auch der Hochtöner weit entfernt von der Trennfrequenz und ihrem Einsatzbereich noch linear und klirrfrei spielen müssen.

Thiel SCS 4T

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Viele Einzelteile: Allein die Konusmembran besteht aus zwei Teilen, Schaumstoff und Aluminium. Die Kalotte - dieselbe wie in der CS3.7 - muss samt Antrieb im Konus-Inneren Platz nehmen.

Technische Evolution

Zwischenzeitlich arbeitete Jim Thiel sogar bevorzugt mit einem speziell von ihm entwickelten Mittelhochtonchassis, was vom Zeitverhalten er einem Breitbänder ähnelt und damit die von ihm nicht erwünschten Phasendrehungen und Gruppenlaufzeit-Verzerrungen im Mittelhochtonbereich praktisch nicht produziert.

Die Thiel CS2.4 gibt heute noch Zeugnis von dieser Chassistechnik. Durch diesen Ansatz gelangte Thiel schlussendlich zur Verwendung von koaxialen Punktschallquellen und trachtete fortan danach, die akustischen Vorteile beider Prinzipien zu vereinen.

Das Chassis der Thiel SCS4T ist neben der großen Thiel CS3.7 quasi sein Erbe an die Nachwelt und offensichtlich wird mit diesem sorgsam umgegangen. Das akustische Prinzip ist bereits aus der Kompaktbox Thiel SCS4 bekannt: Ein Zweiwege-Koaxialsystem arbeitet auf ein Bassreflexgehäuse, wobei der Abschluss der Reflexrohre in die gegossene Aluminiumschallwand eingelassen sind. Letztere soll eine gleichmäßige Verteilung des Tiefbasses unter Vermeidung sämtlicher Strömungsgeräusche und Kompressionen ermöglichen.

Thiel SCS 4T

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20 Grad am Hörer vorbei richten, leicht anwinkeln, Hörabstand um 2,5 Meter. Freistehend schlanker Bass.

Das Chassis selbst ist eine außergewöhnlich komplexe Konstruktion: Der Tieftmitteltöner besteht aus einer Sandwichmembran mit einem dünnen, eloxierten Aluminiumkonus sowie einem zur Mitte hin dicker werdenden Kegel aus einem styroporähnlichen Spezial-Schaumstoff. Diese Kombi und die an den Rändern eingelassenen Stanzungen ermöglichen es Thiel, den Töner sanft auszublenden, ohne dass Klirr oder Partialschwingungen die Klangharmonie stören würden, und seine Form zugleich flach zu gestalten, um den Hochton nicht über Gebühr einzuengen.

Der Tweeter wiederum, der auch im Spitzenmodell CS3.7 spielt, nimmt mit seinem Antrieb innerhalb der Schwingspule des Konus' Platz. Optisch gesehen sitzt er etwas weiter hinten als ähnliche Konstruktionen, etwa von KEF. Der Grund: Beide Töner sollen absolut koplanar abstrahlen und von den akustischen Laufzeiten her gleichweit vom Hörer entfernt sein. Eine Maßnahme, die selbstredend der Zeitrichtigkeit, aber auch der Vermeidung von Interferenzen und Abstrahlproblemen dienen soll.

Thiel SCS 4T

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Frequenzgang: Tief, noch ausgewogen, nur in der Brillanz wellig.

Der kleine Monitor

Ungewöhnlich für eine solche Standbox, orientierte sich die SCS 4T charakterlich eher an hochwertigsten Kompaktboxen: Mit einem intimem Raum eröffnete sie Beethovens 4. Klavierkonzert, servierte eine atemberaubende Stimmigkeit der Anschläge und eine natürliche Staffelung von Soloinstrument und Begleitung.

Thiel SCS 4T

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Perfekte Sprungantwort, nur Resonanzanteile sichtbar.
Thiel SCS 4T

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Gleichmäßig guter Klirr, im Bass etwas steigend.

Die Thiel gehört zu den wenigen Boxen, die mit ihrer holographischen Projektion und dem frappierend genau auch in der Tiefe positionierten Instrumenten schon nach wenigen Takten Gänsehaut auf die Arme von Klassikhörern zaubern kann. Wem Stimmen etwas wenig Strahlkraft entfalten, dem sei eine genaue Einwinkelung der SCS 4T empfohlen.

Auf eine Betonung des Tiefbasses verzichtete die Thiel SCS 4T, blieb aber auch keine musikalisch relevanten Schallanteile schuldig, sondern stellte bei Willie Nelsons "Lost Highway" einen weniger kraftvollen als vielmehr federnden und präzisen Tiefton in den Hörraum. Selbst auf dieser per Definition nicht unbedingt auf Natürlichkeit bedachten Aufnahme überraschte die Räumlichkeit und Authentizität.

Statt in einem schalltoten Studio über eine Vielzahl von Nachhallprogrammen und Effektgeräten schienen die Musiker jetzt in einem virtuellen Probenraum zu spielen, der Intimität und Atmosphäre auch bei geringen Lautstärken verbreitete. Überhaupt überzeugte die Thiel SCS 4T eher in leiser bis mittlerer Betriebsart. Angesichts ihrer kleinen Membranfläche kann sie zwar auch gute Pegel mobilisieren, erreicht dann aber nicht mehr die Lockerheit und Auflösung wie bei angenehmer Hörlautstärke.

Ein überraschend feinfühliger und hochauflösender Monitor ist Thiel da gelungen - und irgendwie gibt ihm das posthum recht, selbst wenn sich seine Thesen wissenschaftlich nur schwer beweisen lassen.

Thiel SCS 4T

HerstellerThiel
Preis4000.00 €

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