Testbericht

Testbericht: Röhren-Verstärker von Cayin

Ein Röhren-Verstärker verhält sich fast wie ein Lebewesen. Der Cayin VP100i sucht sich nach geheimen Vorlieben seine Partner aus. Stimmt die Physik, verspricht er klangliche Ekstase. Aber zu wem passt der Amp?

  1. Testbericht: Röhren-Verstärker von Cayin
  2. Datenblatt
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In der High-Fidelity gibt es dank der Regulierungswut europäischer Behörden Dinge, die jeder Hersteller gezwungenermaßen verbaut, die aber kaum ein Kunde haben will. Dazu gehören die Anti-Bananenstecker-Stopfen in Lautsprecherklemmen von Verstärkern und die Schutzgitter von Röhrenamps. Zumindest für das letztgenannte Problem dürfte Cayin eine langfristige, in jeder Hinsicht einwandfreie Lösung gefunden haben. Am neuen VP100i schützt eine leicht verspielte, aber durchaus attraktive und praxistaugliche Kombination aus Metall und Glas die üppige Röhren-Riege vor Berührungen.

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Jenseits des Mainstreams: Point-to-Point-Verdrahtung sichert Langzeitstabilität und optimalen Stromfluss.

Die mittig angeordnete 6SN7 dient der Spannungsstabilisierung, zwei weitere der stromstarken 6SN7 übernehmen die Ansteuerung der vier KT88-Endröhren während die zwei 6SL7 im Dienst der Eingangsstufe stehen. Das sehr gute Finish des als Nachfolger des beliebten Cayin Ti88 entwickelten Vollverstärkers lädt geradezu zum Anfassen ein, obwohl das dank vollständiger Fernbedienbarkeit gar nicht mehr nötig ist. Der Kontrollstab schaltet nicht nur die vier Eingänge um, sondern auch den Betriebsmodus der leistungsstarken Pentoden, die mit ihrem geringen Innenwiderstand Dynamik und Spielfreude gegenüber dem Vorgänger steigern sollen. Im Trioden-Modus agiert die Class-AB-Ausgangsstufe besonders feinfühlig. Im Ultra-Linear-Betrieb stellt der VP100i mehr Leistung zur Verfügung und reagiert weniger empfindlich auf Phasenschwankungen der angeschlossenen Lautsprecher.

Von Hauben und Schrauben

Neben den Endröhren finden sich für jeden Kanal von außen zugängliche Stellschrauben zur problemlosen Nachjustage des Biaswertes. Als der VP100i in Deutschland auf den Markt kam, ersetzte der hiesige Vertrieb Röhren und Kondensatoren gegen selektierte Bauteile und machte einen Feinabgleich. Inzwischen hat der Hersteller in Zusammenarbeit mit seinen deutschen Statthaltern die Qualität soweit gesteigert, dass dieses nachträgliche Feintuning nicht mehr nötig ist. Nicht nur geringe Fertigungstoleranzen erweisen sich als Schlüssel zu gutem Klang. Auch die Point-to-Point-Verdrahtung für die direkte Verbindung aller Baugruppen soll zum Wohlklang beitragen. Größere Leitungsquerschnitte sind nur ein Aspekt dieser Konstruktionsweise, hohe Langzeitstabilität erweist sich angesichts der hohen Temperaturen in einem Röhrenverstärker als weiterer Vorteil. Hitze lässt herkömmliche Platinen schneller altern und dämpft die Performance. Die hochwertigen Netz- und Übertragungstransformatoren machen die Qualität fühlbar: Der VP100i bringt über 30 Kilogramm auf die Waage, von denen sich das meiste beim Anheben im Bereich der drei von massiven Metallgehäusen gekapselten, gegen Vibrationen in Quarzsand vergossenen Trafoblöcke orten lässt.

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Die Fernbedienung tritt sehr nobel auf.

Soll mal einer sagen, Hörtests seien etwas für bequeme Stubenhocker. Noch viel mehr als im Falle von Transistorverstärkern, gilt es fürs Röhren-Hören, schlechte Lautsprecher-Paarungen auszusortieren. Der Cayin profitiert von sorgfältiger Partnersuche ganz besonders. Zwei Grundeigenschaften schienen besonders wichtig zu sein, doch Ausnahmen bestätigten die Regel. Neben einem ordentlichen Wirkungsgrad, der allerdings nur von sekundärer Bedeutung blieb, zählt für den VP100i vor allem ein ausgewogener Impedanzverlauf, damit er sich an einem Lautsprecher nicht sinnlos verausgabt. Also Leistung hineinfeuert, ohne dass der gewisse Funke zum Publikum überspringt. Wer einen Lautsprecher für den Cayin aussucht, sollte sich allerdings von der Devise leiten lassen, dass Probieren über Studieren geht. Denn die am besten geeigneten Boxen-Partner glänzten nicht unbedingt durch den höchsten Wirkungsgrad und die niedrigsten Impedanzschwankungen. Als harmonische Konstellation stellte sich zum Beispiel die Paarung mit der KEF xQ 40 heraus. Der Cayin wirkte an der Britin sehr ausgewogen und natürlich. Voller Spielfreude legte er sich mit "Lohengrin" (Bychkov, Profil) ins Zeug und deckte einen großen Dynamikbereich ab. Wer leise hörte, musste auf nichts verzichten, so differenziert und detailreich spielte der Röhrenverstärker schon unterhalb von Zimmerlautstärke.

High noon

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Mit Abgriffen für ein Voltmeter und von außen zugänglichen Stellschrauben neben den pro Kanal zwei KT88-Endröhren (links) lässt sich der Bias des Cayin anpassen.

Wer es auf die Spitze trieb und den Lautstärkeregler Richtung 12 Uhr drehte, erntete ebenso knackige wie lockere Wiedergabe über das gesamte Hörspektrum. CDs wie "Blue Lines" von Massive Attack (Virgin) erweckten fast den Eindruck, es mit einem Party-Animal zu tun zu haben. Entsprechend mühelos und elegant schwang sich der VP100i durch leise wie komplexe und laute Programm-Passagen. Das scharfe Anreißen von Gitarrensaiten, etwa in "I want you" (Elvis Costello "Blood & Chocolate", Universal) gelang dem Beau ohne jegliche Härte, die Harmonie zwischen hölzernem Grundton und dem leuchtenden Obertonspektrum war vorbildlich.Der Bass bewegte sich mit allen Musikarten zwar nicht im brottrockenen, jedoch im jederzeit konturierten und differenzierten Bereich. Mehr als die Summe aller Einzelteile überzeugte das harmonische Ganze mit gleichen Rechten für alle Instrumente und Gesangsstimmen. Selbst im wildesten Tutti schnürte der Cayin keinem die Luft ab und behielt seine vorbildliche Transparenz. Eine weitere, äußerst sympathische Eigenart war die sorgfältige, jedoch nie vordergründige oder gar penetrante Enthüllung feinster Details. Egal, ob Spuren von Brumm auf manchen Live-Aufnahmen oder nachträglich im Studio beigemischtes Plattenknistern auf Pop-Produktionen: Der VP100i arbeitete es wie mit der Lupe heraus, ohne dabei in eine kühle Analytik zu verfallen. An der KEF erwies sich der Trioden-Modus als leicht überlegen, was sich an einem besseren Fokus und leicht ausgewogenerer Stimmwiedergabe zeigte.Im Vergleich mit dem deutschen Vollverstärker Octave V 70 erzielte der Cayin ein Patt. Die Stärken des in Heft 8/05 getesteten Röhren-Amps aus Karlsbad lagen in höheren Dynamikreserven, noch explosiverer Attacke und einer stärker konturierten, fast knochentrockenen Basswiedergabe. Der Deutsch-Chinese VP100i verbuchte Pluspunkte für feinere Klangfarben, höhere Transparenz und etwas mehr Entspanntheit in komplexen Passagen. Nach diesem geglückten Pflichtteil verabschiedete sich der Cayin in einer mitreißenden Kür mit der Cabasse Minorca aus dem Hörraum (siehe Kasten). Ciao, Bello, solche unbeschreiblichen Momente erinnern daran, warum wir damals die Freude am Hören zum Beruf gemacht haben.

Cayin VP-100 i

HerstellerCayin
Preis3500.00 €
Wertung115.0 Punkte
Testverfahren1.0

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