Testbericht

Thiel CS-3.7

Die Box spielt, wie sie spielt - und ganz genau so, wie Firmenchef, Physiker und Konstrukteur Jim Thiel es möchte.

  1. Thiel CS-3.7
  2. Datenblatt
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© Archiv

Offenbar sogar so genau, dass opulentere Lautsprecher im Firmenprogramm überflüssig werden: Neben ihrem Vorgänger CS-3.6 löst die 3.7 auch die größeren Modelle 6 und 7 ab.

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© H. Härle

Die gewellte Membran lässt den Bass akustisch flach wirken, ohne dafür Steifigkeit zu opfern. So kann der Treiber sauber bis in den Grund- und Mitteltonbereich laufen. Die "Outrigger"-Füße kosten 480 Euro Aufpreis, sollten aber auf jeden Fall dran sein.

Das auffälligste äußere Merkmal der 3.7 sind zweifellos ihre Treiber. Das charakteristische, an eine Guglhupf-Backform erinnernde Wellenprofil der Bassmembranen soll hohe Steifigkeit ohne die bei klassischen Trichtern drohenden Mitteltonverfärbungen bringen. Auch wenn sie von vorne identisch aussehen, unterscheiden sich die beiden Bässe erheblich: Nur der obere besitzt einen eigenen Antrieb, allerdings einen mächtig dimensionierten mit einem Fünfpfünder-Neodym-Magneten und einer sechslagig gewickelten, extrakurzen Schwingspule.

Der untere "Bass" ist ein Passivtreiber, wird also nur indirekt über die Druckschwankungen im Gehäuse in Bewegung versetzt. Nachlässig gebaut sein darf er aber trotzdem nicht: Gusskorb, Membran und Aufhängung entsprechen exakt dem angetriebenen Kollegen. Passivmembranen funktionieren ganz ähnlich wie Bassreflex-Rohre: Ihre definiert federnde Fläche entspricht der Luftsäule im Rohr, ihre Masse beeinflusst die Abstimmfrequenz, vergleichbar mit der Rohrlänge. Das nötige Gewicht bekommt die Membran über einen Ballastring auf der Rückseite, der bei jedem Chassis perfekt austariert wird.

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Ein Wellenprofil versteift die Mittelton-Membran im Thiel-Koax. Angetrieben wird sie von einer hoch belastbaren 75-Millimeter- Schwingspule. Die Schallwand der 3.7 ist aus Alu gefräst, der "Helm" besteht aus Alu-Druckguss.

Gegenüber klassischen Reflex-Konstruktionen hat die Thiel-Lösung vor allem zwei Vorteile: Es können sich mangels Rohr keine Strömungsgeräusche bilden und auch keine unerwünschten Grund- und Mitteltonanteile aus dem Boxeninneren nach außen kommen. Wer einwendet, dass damit auch moderne Reflexabstimmungen kaum Probleme haben, unterschätzt Thiels Gründlichkeit: Die 3.7 fühlt sich rundherum an, als wäre sie aus einem Stück Panzerplatte gefräst, und das Wasserfall-Diagramm, das eventuelles Nachschwingen darstellt, ist leer wie die Weiten der Thiel-Heimat Kentucky.

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© H. Härle

Für eine Sechs-DezibelWeiche enorm aufwendig: Thiel verwendet ausschließlich Folien-Kondensatoren (zum Teil maßgefertigt), Kupfer-Widerstände und Luftspulen; die "Platine" ist ein Brettchen mit Kupfer-Ösen, verdrahtet wird direkt.

Perfekter Impuls

Noch ein anderes Diagramm, das die TESTfactory mit der Thiel ermittelte, war bemerkenswert: Die CS 3.7 gehört zu den wenigen Boxen mit einem wirklich perfekten Zeit- und Phasenverhalten. Ein Impuls, der über die Thiel wiedergegeben wird, kommt auch als solcher beim Hörer an. Wobei das nicht jeder zu schätzen weiß: Über Wichtigkeit und Wahrnehmbarkeit des Zeitverhaltens wird gestritten, seit es Messungen der Sprungantwort gibt.

Das Streben nach dem perfekten Impuls macht das Boxenbauen nicht einfacher. So findet man nur bei Weichen erster Ordnung das gewünschte Phasenverhalten, was in der Folge an die beteiligten Chassis ganz besondere Anforderungen stellt: Einerseits muss ihr Frequenzgang weit über den jeweiligen Einsatzbereich hinaus perfekt verlaufen. Andererseits kann es für Mittel- und Hochtöner wegen der flachen Trennung richtig ungemütlich werden, wenn höhere Pegel gefordert sind.

Noch grimmiger werden die Bedingungen, wenn beide Treiber räumlich zum Koax verschmelzen: Zu den hohen Leistungen und großen Hüben kommt jetzt auch noch die Enge. Der Thiel-Hochtöner ist für die Anforderungen mit einem ungewöhnlich langen Magnetspalt und einem für Tweeter-Verhältnisse gigantischen, fünfteiligen Neodym-Magneten gerüstet.

Der Hörtest

Der Klang der Thiel war von einer faszinierenden Mischung aus Lockerheit, Genauigkeit, herrlich lebensechter Frische und präzise definiertem Bass geprägt. Hell im negativen Sinn spielte die Box nur an schlechten Verstärkern.  Die Thiel arbeitete im Tiefton selektiver, wirkte trockener, präziser, aber auch distanzierter.

Während die Thiel auf totale Transparenz zu setzen schien und dabei im oberen Bass und Grundton wirklich kein Milligramm zu viel auflegte, gab sich die Elac eher warm und ließ den zuvor sehr vitalen Mitten- und Präsenzbereich ein bisschen zu weit hinter die Boxenebene rutschen.

Elac vs. Thiel

Größere Ähnlichkeit mit der in zahlreichen Vergleichen bewährten KEF Reference 207/2 (AUDIO 9/07, 103 Punkte) hatte aber die Thiel, die der Elac letztlich nur in zwei Disziplinen Respekt zollte: Erstens konnte man mit der Amerikanerin nicht ganz so laut hören wie mit der Konkurrentin. Zweitens schaffte es die Elac, trotz ihrer relativ dunkel wirkenden Abstimmung einen enorm suggestiven, großzügigen Raum zu zeichnen. Sänger und Solisten nutzten diesen Platz, um sich lebensecht vor dem Hörer aufzubauen. Die Thiel staffelte exakter, auf etwas kleinerem Maßstab.

Nach den strengen Regeln der High Fidelity muss die Thiel CS 3.7 in diesem Vergleich vorne liegen. Sie liefert mehr Information bei noch größerer Neutralität.

Thiel CS 3.7

HerstellerThiel
Preis13800.00 €
Wertung103.0 Punkte
Testverfahren1.0

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Wer ist die Nummer eins? -

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