Testbericht

Thiel SCS 4

Der Trend zu kleinen, ja bisweilen unsichtbaren Lautsprechern ist kaum aufzuhalten. Audiophile mögen diese Entwicklung mit Sorge sehen, haben doch Sub-Sat-Sets nicht gerade den Ruf, eine klassische Stereoanlage ersetzen zu können. Die Lösung: eine highendige Kompaktbox, die zumindest bei normalen Abhörlautstärken heutzutage gut mit moderat geformten Standmodellen mithalten kann.

  1. Thiel SCS 4
  2. Datenblatt
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© Archiv

Immer anders denken als die anderen - das war das Lebensmotto des "Punktschallquellenpapstes" Jim Thiel, der im September diesen Jahres nach längerer Krankheit viel zu früh verstarb. Die SCS 4, seine letzte Kompaktbox, ist ein echtes Thiel-Gewächs: Das Koaxialchassis mit Sandwich-Konus aus Aluminium und Styropor dient nicht nur zur Erzeugung aller Frequenzen aus einem akustischen Zentrum, sondern ist auch auf Zeitrichtigkeit optimiert. Lohn der Mühen ist eine perfekte Sprungantwort (ohne Abbildung). Deren Bedeutung wird in der Fachwelt immer wieder diskutiert, Jim Thiel selber maß ihr aber überragende Bedeutung für Abbildung und Timing bei. Erreichen lässt sich das nur mit flachen Filtern, so dass die Signalanteile für Tief- und Hochtöner nicht gegeneinander phasenverschoben werden.

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© Herbert Härle, Stefan Schickedanz, Malte Ruhnke

Für eine Weiche erster Ordnung ist die Thiel erstaunlich fett bestückt: Pegelanpassungen und Saugkreise optimieren den Klang.

Die ungewöhnliche Schallwandgestaltung der SCS 4 ist ein Musterbeispiel für den hohen Aufwand: Um Strömungsgeräusche zu verhindern, wird die Bassarbeit auf zwei Rohre verteilt, beide ohne abrupte Kanten großzügig verbreitert. Um die SCS 4 auch liegend als Center betreiben zu können, wurde die Schallwand als Gussteil in einem realisiert.

Eine Punktschallquelle assoziiert man spontan mit guter Abbildung, doch die Thiel erwies sich nicht als einseitiges Talent: Ein solch souveränes und verblüffend natürliches Bassfundament wie bei Miles Davis' "Miles Runs The Voodoo Down" traut man einer Kompaktbox ebensowenig zu wie ihre gerade im Hochton aufgelöste und freie Gangart. Damit erwies sie sich als Antipode zur B&W CM5, die zwar in den Mitten und im Stimmbereich die seidigere Durchzeichnung und schönere Strahlkraft entwickelte, dem präzisen Timing und der Impulskontrolle der Thiel gerade an den Enden des Spektrums aber wenig entgegenzusetzen hatte.

Als Bühnenkünstler arbeiteten beide verschieden: weiträumig, aber etwas diffus die B&W bei Verdis "Requiem" (Pappano, EMI), mit äußerster Präzision und geradezu ingenieurverdächtiger Akkuratesse dagegen die Abbildung der Thiel. Die im übrigen auch den etwas größeren Chor und das mächtigere Orchester realisieren konnte. Allerdings saß den Sängern der italienischen Academia di Santa Cecilia auch ein bißchen der Trauerkloß im Hals, Stimmen klangen zuweilen minimal belegt. Als habe sie der Tod dieses großen HiFi-Erfinders ebenso betroffen gemacht wie die AUDIO-Redakteure. Versöhnliche Aussichten kamen da ausgerechnet von B&W: Deren Gründer John Bowers starb schon 1987, und seine Vermächtnisse sind heutzutage im HiFi-Sektor stärker denn je. Möge dies auch Jim Thiel posthum gelingen.

Thiel SCS 4

HerstellerThiel
Preis2400.00 €
Wertung85.0 Punkte
Testverfahren1.0

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