Testbericht

Vorverstärker Audio Research Reference 5

Im Grunde verstärken in der neuen großen Vorstufe Reference 5 (11900 Euro) von Audio Research nur ein paar kleine Röhren. Ob die einer High-End-Kette klanglich einheizen können?

  1. Vorverstärker Audio Research Reference 5
  2. Datenblatt
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Bei allem Respekt! Dem Highender, der die immerhin 11900 Euro teure Reference 5 auspackt, fällt schon bald eine kleine, gar nicht standesgemäße Plastik-Knubbel-Fernbedienung in die Hand. Wenn er das exklusive Ambiente seiner Anlage nicht verunzieren will, sollte er sie am besten irgendwo verstecken.

Audio Research Reference 5

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Bei den Anschlussbuchsen hat Audio Research aus dem Vollen geschöpft. Eingedenk moderner Zeiten bekam die Vorstufe auch einen Prozessor-Eingang mit fixer Verstärkung. Benutzt man die koaxialen Cinch-Eingangsbuchsen, gehen die Vorteile des Grundkonzepts allerdings verloren - Einstreufestigkeit durch konsequente Fortsetzung der symmetrischen Signalführung.

Viel lieber wird er nämlich die beiden größeren Knöpfe vorne an der blutjungen amerikanischen Röhrenvorstufe anfassen. Dabei stellt er dann fest, dass der linke der beiden - bei Drehung um 30 Grad hin oder her - die Lautstärke summa summarum in 104 Stufen variiert. Das lässt auf eine digital arbeitende Regelung schließen und löst zunächst eine leichte Beklemmung aus: weil solch eine Elektronik den Klirr- und Störabstand verschlechtern kann. Die in der Reference 5 wohl kaum, muss es aber nach dem Studium des Schaltplans heißen. Denn dort teilen sich gleich mehrere relativ teure ICs  im Eingang die Arbeit schon mal so auf, dass kein unnötiger Stress entsteht. Zudem schwört der kalifornische Hersteller Maxim Stein und Bein, dass sich die Chips mit ihren von Halbleiterschaltern angewählten Netzwerk-Widerständen genau so verhalten wie habhafte (aber auch verschleißanfällige) Potentiometer.

Abgehakt und mit Freuden weiter erkundet: Der rechte Drehknopf wählt die Eingänge an. Dazu gibt es einen Druckschalter, der wahlweise Cinch- oder symmetrischen Ankömmlingen den Vortritt gibt. Und da sich auf der Rückseite der Audio Research neben sechs Cinchanschlüssen die gleiche Zahl an XLR-Eingängen findet, dürfen ingesamt nicht weniger als zwölf Hochpegel-Lieferanten ran. Ein Eingangs-Doppel namens "Prozessor" nimmt sich zu alledem bei fixer Verstärkung den Stereo-Frontkanälen von dort angeschlossenen Surroundvorstufen an.

Stehen auch die beiden Main-Outs doppelpolig zur Verfügung, bittet die Reference 5 geradezu darum, sie vollständig symmetrisch einzusetzen. Extra deshalb besitzt sie nicht nur für Rechts und Links, sondern auch für den Plus- und Minuspol eigene, peinlichst wie Bild und Spiegelbild aufgestellte Verstärkerzüge. Mit dem Vorteil, dass etwaige Einstreu-Störungen gleichtaktig weitergereicht werden. Als solche ergeben sie aber im Gegensatz zu den gegentaktigen Musiksignalen keine Spannungsdifferenzen. Daher heben sie sich in einem Endverstärker oder bei vollsymmetrischen Ketten an den Boxenklemmen schlicht und ergreifend auf.

Audio Research Reference 5

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Die einst fürs russische Militär entwickelte Doppeltriode kam erst in den 90ern auf den westlichen Markt. Mit den gängigen Vorstufen-Doppeltrioden a la ECC 83 oder ECC 88 teilt sie nur prinzipielle Verwandtschaft. Die modernere, robuste und mehrfach teuerere Lang-leberöhre bietet eine geringere Anodenimpedanz, besitzt eine größere Kathode, verbraucht mehr Heizleistung und vermag deutlich mehr Strom fließen zu lassen. Insofern kommt ein Austausch mit den ECC-Typen nicht in Frage.

Bei der Schaltung der Verstärkerstufen übte sich Audio Research auf den ersten Blick  in geradezu erschreckender Schlichtheit. Auf ein Triodensystem einer Doppelröhre folgt das zweite. Dort wird über die Kathode (also relativ niederohmig) sowie Folienkondensatoren ausgekoppelt. Das war's. Man findet auch keine Korrektur-Gegenkopplungsschleife. Um den Klirr bei schnell abfallender, harmonischer Oberwellenverteilung gering zu halten, gibt es als Stromquelle einen Leistungstransistor, der den Eingangstrioden bei der Aussteuerung hilft. Ansonsten müssen es linearisierende Widerstände in der Kathodenzuleitung richten - und nicht zuletzt die Röhren selbst. Und da trafen die Amerikaner mit den so verzerrungsarmen wie langlebigen Doppeltrioden 6H30 von Sovtec die richtige Wahl.

Unterwarfen sich die Ingenieure bei der Verstärkung dem Motto "So einfach und geradlinig wie möglich", tobten sie sich bei der Stromversorgung umso gründlicher aus. So bekam die Bedien-  und Display-Elektronik (um ihr Digital-Gezuckel in weiter Ferne vom Signalweg zu halten) schon mal ein eigenes Netzteil inklusive Trafo. Der Haupt-Umspanner führt mit nicht weniger als sieben Ausgangswickeln seine Aufgaben aus. Zum Beispiel die acht 470- und die zwei 120-Mikrofarad-Elkos nachzuladen, die für die Röhren-Anodenspannung geradestehen.  Eine jedem einzelnen dieser Energiespeicher vorgeschaltete, aus einer Drossel und einem Widerstand bestehende Bremse sorgt dafür, dass dieser Vorgang nie zu fahrig-impulsiv, sondern immer wie geschmiert und ausgeglichen abläuft.

Damit nicht genug, stößt die Spannung aus dem Elko-Verein nun auf eine Stabilisierungs-Stufe, die mit einer 6550-Leistungsröhre als Serienregler sowie zwei steuernden 6H30-Trioden und einem IC arbeitet. Heraus kommen schließlich so hochkonstante 180 Volt, dass selbst ein akkreditiertes Messlabor seine Voltmeter daran eichen könnte. Selbstredend werden auch die Heizspannungen gesiebt und geregelt.Den zehn Maxim-Lautstärke-Regel-ICs weist das Netzteil sogar doppelt und dreifach stabilisierte Versorgung zu.

Audio Research Reference 5

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Nicht gerade eine der Feinsten: Fernbedienung der Reference 5. Immerhin gestattet sie von Ferne die absolute Phase umzustellen, um am Hörplatz prüfen zu können, was besser klingt.

Der Lohn für den Aufwand: Schon mit den allerersten Takten Musik empfahl sich die Reference 5 - mit Vorzug in symmetrischer Zusammenarbeit mit dem Ayre-Player C 5xe MP (6/09) und den Monoblöcken MX-R (3/10) - als individuell und höchst angenehm. Sie sorgte auf eine sanfte, geschmeidige und doch imposante Weise für besonders viel Wärme und in den Höhen für sehr viel Luft. Dabei agierte sie sehr dezent, nie vorlaut, und baute bis in unendliche räumliche Tiefen sauber nach hinten gestaffelte Bühnen auf.

Beim Vergleich schaffte es stereoplays deutlich teurere Referenzvorstufe TEP 3800 (5/08), sich mit ihrer sagenhaften Impulsivität aus der Affäre zu ziehen. Die famose 19800-Euro-Vorstufe KX-R von Ayre (3/10, 59 Punkte) musste aber bereits mächtig kämpfen: Sie bot allenfalls ein Fitzelchen mehr Bass-Substanz, einen Hauch mehr an Stringenz. So stand recht bald fest, dass die Audio Research angesichts ihres deutlich günstigeren Preises fantastische 58 Punkte bekam.

Umso mehr Zeit blieb dann, um das ganz besondere Flair der Reference 5 zu genießen. Etwa bei Klaviermusik, wo die Röhrenvorstufe weniger auf das Blitzen der Stahlsaiten zielte, dafür aber - von kantig bis inniglich-zart - jegliche Anschlagsfinesse zelebrierte. Ebenso huldigt sie dem Schweben und den Reibungen der Akkorde: fast so, als hätte sie ein Extra-Ohr direkt an die Resonanzplatte gedrückt.

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Die avisierte Lautstärke zeigt die Audio Research mit einem Balken und mit einer Zahl zwischen 0 und 104 an. Für Prüf-Experimente besitzt sie auch einen Mono-Schalter.

Schließlich sorgte die Wiedergabekette mit der schönen Amerikanerin in der Mitte für die von Highendern so ersehnten magischen Momente, etwa bei Ulita Knaus' "My Philosophie" (Minor-Music). Der bedächtige, von den Schlagzeugbecken vorgetragene Rhythmus erhöhte erst die Spannung bis zu dem kurzen quirligen E-Piano-Solo - und dann entwickelte das Stück einen wahren Sog: Es funkelte, strahlte und rundete sich alles perfekt dreidimensional. Dann wähnte sich der verzauberte Hörer nicht mehr vor beispielsweise einem Boxenpärchen Marke Sonics Allgra (8/05), sondern einfach in einem wunderbaren Fluidum, in der Musik mittendrin. 

Und erschien den Testern bei Janiva Magness' "What Love Will Do" (in-akustik) die Blues-Live-Atmosphäre häufig fast schon direkt und rauhbautzig, so konnten sie mit der Reference 5 bis hin zum letzten Titel gar nicht genug davon kriegen: von der Party-Stimmung, von den jugendlich draufgängerischen Fußtrommelschlägen, von den fetzig  thriumphierenden Bläsersätzen, und von der leicht rauhen, aber doch so rosig-netten Stimme der Sängerin.

Schließlich blieb nach diesem Hör-Fest kein Kater zurück, sondern vielmehr die Erkenntnis: Wer Vorstufen mit Röhren-Charme liebt, für den sollte die Reference 5 von Audio Research ganz klar die Nummer 1 bedeuten.

Audio Research Reference 5

HerstellerAudio Research
Preis11900.00 €
Wertung58.0 Punkte
Testverfahren1.0

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Wer ist die Nummer eins? -

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