Vergleichstest

Punktstrahler - Drei Standboxen mit Koax-Chassis im Test

Hersteller von Koaxial-Lautsprechern versprechen beste Raumabbildung. Und halten dies auch meist. KEF, Piega und Thiel verweisen dagegen auch auf die zeitrichtige Anordnung ihrer Punktstrahler. Erreichen die Standboxen tatsächlich perfektes Phasenverhalten und kann man das überhaupt hören?

Drei Standboxen mit Koax-Chassis

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Drei Standboxen mit Koax-Chassis

Die Frage, ob und ab wann man durch den Schallwandler verursachte Laufzeitverzerrungen hören kann, ist selbst unter Akustik-Experten umstritten. Unter einigen Highendern, namentlich der Breitbänder- und Biegewellen-Szene, wird eine perfekte Sprungantwort zum entscheidenden Kriterium erklärt, klassischerweise priorisierte Faktoren wie Frequenzgang-Linearität und Klirrverhalten werden zugunsten eines sauberen Sprungs im Zweifel vernachlässigt. Auch seriöse Hersteller messen der Zeitrichtigkeit Bedeutung zu, und haben zudem den Vorteil, dass sie diese durch ihr Know-How im Chassisbau ohne große Kompromisse  bei anderen Kriterien optimieren können.

Gruppenbild Punktstrahler

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Die Testkandidaten: KEF Q900, Thiel SCS 4T, Piega Coax 30

KEF, Piega und Thiel haben beim Run auf die Zeitrichtigkeit einen entscheidenden Vorteil - sie bauen zumindest im Mittelhochtonbereich koaxial, es entstehen keine unterschiedlichen Laufzeiten zu den einzelnen Chassis bei unterschiedlichen Winkeln. Denn eine klassisch angeordnete Box kann höchstens an einem Punkt zeitrichtig sein, bewegt sich der Hörer nach oben oder unten, mischen sich die Schallanteile nicht mehr sauber.

Die Wege zur Perfektion indes sind unterschiedlich: Piega setzt auf einen magnetostatischen Punktstrahler, bei dem Mittel- und Hochtonfolie sogar in einer Ebene liegen. KEF optimierte den Aufbau des Chassis zusammen mit der Weiche, bis die Schallanteile gleichzeitig beim Hörer eintreffen. Und bei Thiel setzt man auf besonders flache Filter.

Messen und Hören

Alle Chassis in derselben Ebene = perfekte Sprungantwort? Diese Rechnung geht nicht auf, wie die Piega beweist. Ihre Messung zeigt den Versatz zwischen Hoch-, Mittel- und Tiefton wie aus dem Lehrbuch, obwohl ihre Magnetostaten perfekt koplanar aufgebaut sind. Der Grund: Die Filter in der Weiche bewirken eine Phasenverschiebung. Je mehr und je steiler, desto mehr Gruppenlaufzeitverzerrung.

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© Lazic

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Deshalb hat die 2-Wege-Thiel mit ihrer flachen Weiche 1. Ordnung einen prinzipbedingten Vorteil, den sie zu einer perfekten Sprungantwort auch nutzt. Den Unterschied hören freilich dürfte schwierig werden: Solange die Sprünge von Mittel- und Hochton nicht die Hörschwelle von 0,5...2ms - über genaue Werte streiten sich die Experten noch - überschreitet, hört der Mensch keinen Unterschied. Und von diesen Grenzwerten ist sogar die Piega noch weit entfernt.

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Aufgrund der zwei Wege und der flachen Weiche muss die Thiel allerdings geringere Maximalpegel hinnehmen: 102 dB sind absolut praxis- aber nicht partytauglich. Die Piega kommt im Labor zwar ebenfalls nur auf 103 dB, geht im Hörraum aber um ein Vielfaches lauter, da nur eine kleine Klirrspitze im Oberbass den Wert limitiert und ihr Klangbild auch frei und stimmig bleibt, wenn die Tieftöner bereits am Rande ihrer Möglichkeiten arbeiten.

Diese zusätzlichen Reserven nutzt die KEF als 2,5-Wege-Box nicht. Und ist auch dank ihrer großen Membranfläche nicht nötig, denn sie klingt auch deutlich über ihrem nominellen Maximalpegel von 101 dB noch dynamisch und transparent.

Fazit

Ich muss gestehen - mir war der Kult um die Sprungantwort schon immer verdächtig, so richtig habe ich nie an den großen akustischen Einfluss der Zeitrichtigkeit geglaubt. Fest steht, dass man anhand dieses einen Diagramms allein keine sinnvollen Schlüsse auf den Klang ziehen kann.

Sonst würde nicht ausgerechnet die Piega im Mittelhochtonbereich so sensationell feinzeichnend, ausgewogen und subjektiv "richtig im Timing" spielen. Da sie nebenbei noch extrem plastisch abbildet, liegt der Verdacht nahe, dass eher die Abstrahlcharakteristik des Punktstrahlers diese Vorteile bringt.

Räumlich betrachtet klingt nämlich die sehr intime und geradezu unglaublich holographische Thiel durchaus ähnlich. Die wäre für kleine Räume auch mein Favorit. Trotz ähnlicher Sprungantwort unterscheidet sie sich fundamental von der eher stämmigen, aber stimmigen KEF.

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