Testbericht

Phono-Amp Audio Research PH6

Schon der "kleine" PH6 Phono-Vorverstärker von Audio Research macht Vinylfans mit seinen 3800 Euro arm, aber auch glücklich: Aus wenigen Mikrovolt MC-Ausgangsspannung erzeugt er unglaubliche Klangenergie.

  1. Phono-Amp Audio Research PH6
  2. Datenblatt
Audio Research PH6

© AUDIO

Audio Research PH6
Audio Research PH6

© AUDIO

Ein großer Vorteil der Analogtechnik ist ihre Zeitlosigkeit. Selbst wenn von heute auf morgen keine einzige Scheibe mehr gepresst würde - Milliarden existierender LPs, Singles, Maxis und Ten-Inches wollen mit passendem Tempo gedreht, behutsam abgetastet und adäquat verstärkt werden. Eine Lebensaufgabe, für die man gern etwas mehr investiert.

Zumal man sich hier hundertprozentig sicher sein kann, dass die Investition nicht plötzlich mit irgendeiner Fortschrittslawine ins technische Aus rumpelt. Rückständigkeit und eine nur noch kurze Lebenserwartung wurden der LP schließlich schon vor 30 Jahren attestiert. Damit lässt sich, das weiß man heute, ganz prima leben. Analogfreunde können also getrost langfristig planen und die 3800 Euro für die PH6 im Geiste schon mal auf die nächsten 20 Jahre verteilen.

Leiterbahnen wie Highways

Dass die Phonostufe so lange durchhält, ist aus mehreren Gründen sehr wahrscheinlich. Erstens war das schon immer so: Die meisten Geräte, die in den letzten 40 Jahren aus dem Werk der Audio Research Corporation in Minnesota kamen, sind noch in Betrieb.

Zweitens   ist die PH6 wie alle ARC-Phonostufen ungeheuer solide aufgebaut und durchweg mit erstklassigen Bauteilen bestückt. Das Schaltungslayout breitet sich majestätisch mit ungewöhnlich breiten, großzügig geschwungenen Print-Spuren über die volle Grundfläche des Geräts aus - was nicht nur toll aussieht, sondern auch den Service erleichtert. Drittens klingt die PH6 so gut, dass der Besitzer schon völlig außer Kontrolle geraten muss, um einen Austausch auch nur in Erwägung zu ziehen.

Audio Research PH6

© MPS

Von rechts nach Links fließt das Signal zunächst an den Anpassungs-Relais vorbei, dann durch die sensiblen ersten JFET-Paare (in grauen Thermohütchen) und schließlich über weitere Transistoren zu den beiden Doppeltrioden. Gummiringe hindern diese am Klingeln.

ARC-typisch verstärkt die PH6 mit Röhren, wenn auch nicht durchgehend: Ganz vorne am Eingang, wo die winzigen Moving-Coil-Signälchen ankommen, hebt sie zunächst eine Reihe von JFETs (Sperrschicht-Feldeffekttransistoren) behutsam, aber doch nachdrücklich aus dem Rauschgrund. Die nachfolgenden Stufen sind dann mit zwei 6H30 aufgebaut. Diese Doppeltrioden sind nach Röhrenmaßstäben hochmodern. Ursprünglich für das russische Militär entwickelt (der Zweck ist nicht überliefert), wurden sie erst lange nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für HiFi-Zwecke entdeckt. Neben hervorragenden, für Audioanwendungen idealen elektrischen Eigenschaften (etwa niedrigem Ausgangswiderstand) besitzen die 6H30 auch eine deutlich größere Lebensdauer als andere Doppeltrioden.

Audio Research PH6

© AUDIO

Die Eingangskapazität von 1000pF verät, dass die PH6 primär auf MCs ausgelegt ist - mit denen zeigt sie einen extrem breitbandigen, linearen Frequenzgang (untere Linie).

Wer Angst hat, nach vielen Tausend Betriebsstunden Probleme mit der Ersatzbeschaffung zu haben, kann gleich ein Pärchen von AR geprüfter Röhren mitbestellen und einlagern - ungenutzt sind die Röhren quasi unbegrenzt haltbar.

Von den Eingangs- bis zu den Ausgangsbuchsen besitzt die PH6 58dB Verstärkung. Für MC-Verhältnisse ist das eher moderat, und da der Preamp zugleich über eine enorme Übersteuerungsfestigkeit verfügt, lassen sich damit problemlos auch MMs betreiben - sofern der angeschlossene Vor- oder Vollverstärker mit den resultierenden Ausgangsspannungen zurechtkommt. Eine explizite MC/MM-Umschaltung hat der Amerikaner nicht, wohl aber eine fünfstufige Anpassung des Eingangswiderstands: 47 Kiloohm eignet sich für MM und manche MCs, die sich möglichst wenig Dämpfung wünschen; dann folgen 1kΩ, 500, 200 und 100Ω als typische MC-Abschlusswiderstände, zwischen denen man nach Gehör entscheidet.

Preamp für Sitzenbleiber

Weil Relais die gewünschten Widerstandswerte fernbedienbar zuschalten, kann der Besitzer die PH6 bequem vom Hörsessel aus an seinen Tonabnehmer anpassen. Auch Mute- und Monoschalter finden sich sowohl auf der Frontplatte als auch auf dem Infrarot-Drücker. Beide erweisen sich im Test-Alltag immer wieder als praktisch, etwa beim Umstöpseln von einem zum anderen Plattenspieler. Im Test waren es der Linn LP12 des Autors (mit Lingo-Netzteil, Ekos-Arm und Klyde-MC-System) und der redaktionseigene, von Loricraft Audio perfektionierte Oldie Garrard 301 (mit Loricraft-Netzteil, Rega-Arm und einem Benz Ace L), die dem AR abwechselnd Signale zutrugen.

Während der ersten drei Tage am Netz entfaltete sich der nagelneue PH6 auf verblüffende Weise: Direkt nach dem Auspacken spielte er obenrum spröde und ansonsten dynamisch zurückhaltend. Am nächsten Abend kam ein mörderisch kraftvoller, tief durchstrukturierter Bass zum Vorschein. Das war der Punkt, an dem die zum Vergleich bereitstehende Roksan DX2 (115 Punkte) aufgab. Am dritten Abend war dann auch die anfangs vorhandene Körnigkeit im Hochton verschwunden, es blieb ein wunderbar sonorer, dynamisch fast schon erschreckend ungebremster Klang, der riesig in den Raum hineinwachsen oder an exakt definierte Grenzen stoßen konnte, je nach Maßgabe der jeweiligen Platte.

Stets hatte man dabei den Eindruck, nicht nur ein besseres Phonoteil, sondern einen erheblich besseren, wie entfesselt spielenden Plattenspieler zu hören. Eine so ausgeprägte Wirkung hat der Autor bisher nur beim Naim Superline und einigen ganz großen Phonostufen erlebt, die aber nochmals teurer sind als die PH6. Wer's nicht glaubt, möge es ausprobieren. Der Weg zurück ist allerdings schwierig.

Fazit

Von Tonabnehmerwechseln abgesehen, hat meine Analog-Anlage in 18 Jahren nur ein echtes Upgrade erfahren: eine Phonostufe, vor acht Jahren. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich jetzt wieder aktiv werden - an genau der gleichen Stelle, mit der PH6.

Audio Research PH6

HerstellerAudio Research
Preis3800.00 €
Wertung125.0 Punkte
Testverfahren1.0

Mehr lesen

Wer ist die Nummer eins? -

Mehr zum Thema

Goldenote Microline PH-7
Testbericht

Der Goldenote Microline PH-7 ist eine flexible Phono-Vorstufe, die beim Preis-Leistungs-Verhältnis punkten will. Ob das gelingt, verrät unser Test.
Pure Sound P-10/T-10
Testbericht

Für die Verstärkung von MC-Signalen braucht der Pure Sound P-10 die Hilfe eines Übertragers. Wie die Phono-Vorstufe sonst klingt, haben wir…
Musical Surroundings Fosgate Signature
Testbericht

Der Fosgate Signature von Musical Surroundings arbeitet komplett mit Röhrentechnik. Der Test zeigt, wie die Phono-Vorstufe klingt.
Test REF Phono 2 SE  Audio Research
Phono-Vorverstärker

Die Vorstufe Reference Phono 2 SE von Audio Research holt knallharte Innenspannung aus scheinbar bekannten Rillen. Auch der Preis schafft…
Vincent Phono-Vorverstärker PHO-700
Phono-Vorverstärker

Wenn man schon einen teuren Vollverstärker hat, lohnen sich da 500 Euro extra nur für den Phonozweig? Wenn so viel Dynamik und Tempo herauskommen,…
Alle Testberichte
Acer Switch Alpha 12
Detachable
75,4%
Das Acer Switch Alpha 12 ist das erste lüfterlose 2-in-1-Gerät mit Core-i-Prozessor. Im Test hinterlässt es einen…
Huawei P9 Plus
5,5-Zoll-Smartphone
88,0%
Huawei optimiert das P9 und heraus kommt ein echter Überflieger: Wir haben das Huawei P9 Plus getestet.
Samsung Galaxy A3 rosa
Testberichte
Alle Tests von Smartphones, Handys, Tablets, Navis, Notebooks und Ultrabooks, DECT-Telefonen und DSL-Routern in der Übersicht.