Testbericht

Naim Ovator S 400 im Test

Andere bauen mit Chassis von der Stange eine ganze Lautsprecherlinie. Die gemeinsam mit dem deutschen Entwickler Karl-Heinz Fink geschaffene Ovator S-400 (4200 euro pro Paar) vertraut dagegen auf ein revolutionäres BMR-Chassis, das nur für sie entwickelt wurde. Reicht das, um alte und neue Naim-Fans glücklich zu machen?

  1. Naim Ovator S 400 im Test
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Naim Ovator S 400

© Archiv

Naim Ovator S 400

Es gibt Lautsprecher, die zwar sehr gut klingen, deren Konstruktionsprinzip aber bei näherer Beschreibung sich so spannend ausnimmt wie das hundertste Sequel von "Piraten der Karibik". Und es gibt die Ovator-Serie von Naim. Hier muss man aufpassen, dass die Beschreibung aller technischer Details noch in den vorgegebenen Textrahmen passt. Und das liegt wesentlich, aber keinesfalls allein am Breitbänder, der exklusiv für die Ovator entwickelt wurde. Naim verwendet mit dem BMR (Balanced Mode Radiator) ein radikal neues Chassis aus dem deutschen Entwicklungs-Büro von Karl-Heinz Fink.

Naim Ovator S-400

© Archiv

Die Naim Ovator S-400 ist ein Zwei-Wege-Lautsprecher mit BMR-Radiator und Resonanzdämpfung

Die 4,7-cm-Flachmembran gibt den ganzen Bereich oberhalb von 400 Hertz durch eine geniale Mischung aus Kolbenhub- (bis 1800 Hertz) und Biegewellenstrahler wieder. Das Prinzip debütierte im vorläufigen Topmodell der Ovator-Serie, der S-600. Dort gibt allerdings ein ebenfalls nur für dieses eine Modell maßgeschneiderter BMR mit 8,5 Zentimetern Durchmesser den Ton an.

Der Sinn des ganzen Aufwands mit der neuen Chassis-Familie birgt eine ganze Reihe handfester Vorteile: Die Ovator arbeitet über den gesamten Mittel-Hochtonbereich als Punktschallquelle, dem phasenrichtigen Ideal aller Lautsprecher-Entwickler.

Ohne elektrische Weiche zwischen Mittel- und Hochton-Sektion fallen weitere Phasenprobleme weg, und der angeschlossene Verstärker kann direkter auf das Chassis zugreifen, um es perfekt zu kontrollieren. Außerdem neigen konventionelle Mitteltöner um 3000 Hertz und konventionelle Hochtöner ab 8000 Hertz zum starken Bündeln - ein Effekt, der am BMR-Strahler mit seinem ab 1800 Hertz wirksamen Biegewellen-Effekt erst deutlich höher auftritt.

Dazu drängte sich ein "schneller", gleichwohl satter Bass auf. Den realisierte Naim mit geschlossener Bauweise, zwei 17er-Chassis und extrem aufwendigen Gehäuseversteifungen.

Früher gingen Naim-Boxen einen Sonderweg: Man orientierte sich nicht am theoretischen Ideal im schalltoten Messraum, sondern stimmte den Bass für sehr wandnahen Betrieb mit den entsprechenden Schalladditionen ab. Das äußerte sich vor allem in einem freistehend gemessen früh einsetzenden Bassabfall. Dafür zickten die Naim SBL und andere ältere Naim-Boxen in Dachwohnungen mit Rigips-Wänden wie Eminem und Lady Gaga im Doppelpack. Damit ist nun Schluss, die Ovator spielt auch freistehend - und misst sich im Labor sogar relativ bassstark.

Die Bauweise bleibt typisch Naim: Der Aufwand im mechanischen Bereich hat etwas mit der Akribie eines Woody-Allen-Films gemeinsam und ist mit dafür verantwortlich, dass die Ovator S-400 sich bei geringfügig geschrumpften Abmessungen gleich mehrere tausend Euro billiger anbieten lässt als das vorläufige Flaggschiff der Serie. Das geht maßgeblich auf die einfachere Aufhängung der isoliert durch eine Röhre freischwingenden BMR-Einheit zurück. Statt aufwendiger Blattfederung sorgt in der 400er eine elastische Bitumenlagerung für eine Entkopplung des Breitbänders. Die Blattfederung zwischen Gehäuse und Sockel mit eigener Kammer für die Frequenzweiche blieb indes erhalten.

Naim Ovator S-400

© MPS

Der BMR-Breitbänder vollführt bis 1800 Hertz einen konventionellen Kolbenhub und bricht dann gezielt zu Partialschwingungen im Distributed Mode auf. Damit kommt er ohne elektrische Frequenzweiche im sensiblen Mitteltonbereich aus und deckt eine Bandbreite von 400 bis fast 40.000 Hertz ab. Eine Spezialität made in Germany.

Freistehende Ovationen

Die Ovator S-600 entpuppte sich im letztjährigen AUDIO-Test als dynamisch genialer, gleichzeitig fordernder Lautsprecher, der es dem Besitzer nicht einfach machte: Als wolle Naim die Aufstellungs-Philosophie ihrer Ahnen ins Gegenteil verkehren, waren freie Positionierung und genauste Anwinkelung Pflicht. Auch die zuweilen diffuse Abbildung mit übermächtigen Bässen musste man durch feinste Elektronik in den Griff kriegen. Ganz anders die Ovator S-400: Sie spielte Plug-and-Play, quasi aus dem Stand - und wenn nötig sogar mit vergleichsweise bescheidener Elektronik bereits auf magischem Niveau.

Wenn es eine Kerntugend in der Naim-Ahnenreihe gibt, die erhalten blieb, dann ist es Timing und eine anspringende, auf das Publikum zugehende Performance. Diese Philosophie interpretierte die 400er in einer Weise, die nicht nur in den Kopf ging, sondern auch für das nötige Bauchgefühl sorgte. Die große Schwester mag mehr Tiefgang, Macht und Pegel bieten. Die Ovator S-400 überspielte diese Punkte elegant durch ein phänomenales Timing, eine mitreißende Agilität und ein gerütteltes Maß an Präzision.

Gestatten Sie dem Autor einen Vergleich aus der Welt der Autos - schon allein, weil Naim auch den Bentley Mulssane mit BMR-Audio-Systemen ausstattet: Der Bentley ist ein feines, kultiviertes Gefährt, das auch ganz schön lossprinten kann. Doch auf der Rennstrecke würde ein leichter Lotus ungeachtet des Power-Defizits Kreise um das Schlachtschiff aus England fahren. So ähnlich verhält es sich zwischen den beiden Ovators.

Mit einem Hörtestprogramm, das von Rock-Titeln wie Roger Waters' "Amused To Death" über Jazziges von Elvis Costello bis zu Klassik vom Schlage Mendelssohns 2. Sinfonie (Frieder Bernius) reichte, zeigte sich eine über sämtliche Oktaven völlig nahtlose Wiedergabe - sowohl in tonaler Hinsicht als im Bezug auf Tempo. Die Abbildung überzeugte durch ein lückenloses Panorama, das in Höhe und Breite deutlich über die Lautsprecher hinaus ragte. Bei der Ortung der Phantomschallquellen wurde kein Punkt auf der Fläche bevorzugt behandelt. Q-Sound-Raumklang-Effekte wie auf "Amused To Death" ließen einen im Sweet-Spot förmlich zusammenzucken.

Bildergalerie

Naim Ovator S 400
Galerie
Details und Interwiev

Details und Interwiev zur Naim Ovator S 400

Kein Körperkult

Es gibt Lautsprecher in dieser Klasse, die Klangkörper auf konventionellen Aufnahmen plastischer als die eher flächig wirkende Ovator S-400 herausarbeiten. Ansonsten gab es keine Auffälligkeiten. Alles wirkte wie aus einem Guss, man konnte sich der knackig frischen Wiedergabe vollends hingeben.

Wer vom Träumen aufwachte, stellte überrascht fest, wie viele Details (inklusive Aufnahmefehler) die Briten wie mit einer Lupe über den gesamten hörbaren Frequenzbereich aufdeckten. Dennoch verbietet die dominierende Emotionalität und Musikalität den Gebrauch des Begriffs "analytisch" schon im Ansatz.

Die S-400 ist ein ganz großer Wurf, ganz gleich, ob man sie als Anhänger des Naim- oder des Main-Streams betrachtet. Schon im Bezug auf den Klang ist die Ovator in Relation zum Preis ein veritables Sonderangebot. Wenn man noch die herausragende Verarbeitung plus Aktiv-Weichen-Option ins Kalkül einbezieht, erst recht.

Fazit

Nach 20 Jahren Hassliebe habe ich mich von meiner Naim SBL getrennt - ständig brauchte sie Beachtung und Geschenke in Form sündteurer Elektronik! Im Ovator-Zeitalter heißt es: plug & play - was bei Tom Waits sogar mit einfachen Amps ohne Verrenkungen bei Zusammenbau und Aufstellung für Gänsehaut sorgte. Auf der S-400 steht definitiv mein Name drauf.

Naim Audio Ovator S 400

HerstellerNaim Audio
Preis4200.00 €
Wertung96.0 Punkte
Testverfahren1.0

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