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Vollverstärker

Naim Nait XS2 im Test

Die Nait-Gesellschaft wird um ein neues Mitglied bereichert: Der XS 2 liefert noch mehr Gründe, seine Lautsprecher der seit drei Jahrzehnten überlieferten Verstärker-Legende aus Salisbury anzuvertrauen. Aber reicht das, um den Neid der XS-Besitzer zu wecken?

© Naim

Naim Nait XS2

Pro

  • überragende Spielfreude
  • spritzige Höhen
  • solider Bass
  • tolles Timing

Contra

Der Nait kam mit dem Erfolg von Naim Audio. Lange nachdem sich die Marke aus Salisbury einen Namen für Vor- und Endstufen erworben hatte, folgte 1983 ihr erster Vollverstärker. Der war nur halb so breit wie der legendäre Power-Amp NAP 250 und wirkte neben den auf Show getrimmten Rivalen aus Fernost wie David neben Goliath.

Und wie in der Sage teilte der Mini so aus, dass er zum Kult avancierte und ihm ein langes, glückliches Leben beschieden war. Und das bekommt gerade ein neues Kapitel: Durch evolutionäre Weiterentwicklung mutierte der inzwischen in die Breite gegangene Nait XS zum XS 2. Dazu verpassten ihm die Briten eine Leistungsspritze und ließen viele kleine Verbesserungen einfließen.

Eine davon dürfte für Kopfhörerfans einen großen Unterschied ausmachen: Der SuperNait vererbte dem Neuen seinen aufwändigen Class-A-Kopfhörer-Verstärker. Die meist auf einfache Chiplösungen vertrauenden Gegner haben dem wenig entgegenzusetzen, vor allem an wirkungsgradschwachen, hochohmigen Edel-Hörern denen der XS2 ernsthaft Dampf macht und zugleich feinste Nuancen entlockt.

© Hersteller

Hochwertige Bauteile an entscheidender Stelle, keramische Isolatoren für die Kühlkörper und stärke Endstufen machen den XS 2 aus.

Naim Nait XS2: Aufbau

Doch das Primärziel eines jeden Vollverstärkers, die Lautsprecher, nahmen die Briten beim Upgrade ebenfalls ins Visier. Damit die nominal auf 2x70 Watt an 8 Ohm beziehungsweise 2x100 Watt an 4 Ohm erstarkte Endstufe nicht nur mit einem Plus an Kraft, sondern auch an Klang glänzt, musste sie sich zahlreichen Operationen unterziehen. Aus dem Vorverstärker NAC 552 entliehen sich die Entwickler die Constant-Current-Source-Treiberschaltungen, die mit ihrer stabilen Stromversorgung die Endstufensektion besonders rauscharm ansteuern können.

Keramische Isolatoren an den Kühlkörpern sollen durch gleichmäßigere Hitzeverteilung sowohl die Performance der Vor- als auch der Endstufe optimieren. Die Mikroprozessorsteuerung des Nait darf jetzt ein Nickerchen machen, wenn sie nicht gebraucht wird, um nicht durch vagabundierende Hochfrequenz-Emissionen die sensiblen Audio-Schaltungen zu beeinflussen. Die Verwendung von sieben separaten Sekundärwicklungen am speziell angefertigten Ringkerntrafo sorgt für eine perfekte Trennung der einzelnen Bereiche und schließt Interferenzen durch die Hintertür aus.

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Dort, wo sich die Entwickler Klangfortschritte versprachen - also fast überall - tauschten sie zudem zahlreiche Bauteile aus. Das behaupten zwar alle bei solchen Gelegenheiten. Doch die Marke aus der Grafschaft Wiltshire gehört zu jenen, denen man durchaus glauben kann, dass es dabei nicht vorrangig um Kostendämpfung ging.

Der äußerlich eigenständige, aber wenig auffällige Amp präsentiert sich von innen in absoluter Topform: Hochwertige Zutaten wie in der Küche von Sternekoch Jamie Oliver, blitzsauberer Aufbau eingebettet in ein solides Aluminiumgehäuse, das mit seiner geringen Masse Vibrationen schnell ableitet und zudem amagnetisch ist.

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Statt der früheren Diktatur der DIN-Buchsen gibt es inzwischen beim Nait eine demokratische Mitbestimmung. Der Besitzer kann selbst entscheiden, ob er doch lieber Cinch verwendet. Der USB-Eingang dient Software Updates.

Naim Nait XS2: Anschlüsse

Anschlussseitig entzieht sich Naim inzwischen geschickt jeglichen Philosophie-Diskussionen. Vier der sechs Analog-Eingänge sind sowohl mit den traditionellen DIN- als auch mit vergoldeten Cinch-Buchsen bestückt. So kann der Benutzer sich selbst ein Bild machen, was besser klingt: In unseren Ohren sind das klar die DINos, doch ist es auf jeden Fall praktisch, im Alltag mal schnell eine Reihe von Cinch-Eingängen zur Hand zu haben.

Die fünfte DIN-Buchse verfügt über eine Stromversorgung für die Phono-Vorstufen StageLine und SuperLine. Apropos Stromversorgung: Selbstverständlich darf der Naim-Freak, der nach Höherem strebt, wieder ein externes Netzteil in drei Eskalationsstufen anschließen: FlatCap, HiCap oder gar das riesige SuperCap.

Hörtest

Im Hörtest musste der Newcomer dann ohne Cap auftreten. Die Tester auch, denn der Orkan, den der kleine Amp aus den Boxen entfachte, hätte jede Kopfbedeckung weggeblasen. Ganz der Alte? Nein, der neue Nait weckt noch mehr Gier. Was Spaß betrifft, war der Nait über drei Dekaden eine Bank.

Früher gab es auf jede Note, die man ihm anvertraute, sogar kräftig Zinsen in Form von angenehm warmen Klirr. Das förderte die Musikalität, verschleierte gleichzeitig das niedrige Grundkapital von nur einer Handvoll Watt. Doch wir leben nicht mehr in den 80ern. Heute sind Transparenz und Ehrlichkeit angesagt - ein Trend, der auch den Nait erfasste.

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Zwischenzeitlich konnten Nostalgiker befürchten, der Zeitgeist habe den Briten eine Zwangsabgabe abgerungen, denn stetiger Zuwachs an Höhen und Bässen ist nicht unbedingt mit höheren Renditen im Bereich der Emotionalität verbunden. Doch bereits beim Nait XS konnte Naim eine mustergültig ausgewogene Bilanz vorlegen: Er verband Kraft, Neutralität, Breitbandigkeit und Spritzigkeit.

Der XS 2 fährt in allen Bereichen noch bessere Ergebnisse ein. Vor allem begeisterte seine stabile plastische Abbildung, seine Explosivität, seine für diese Klasse schier unglaublichen Reserven und der Umgang mit den Extremen auf der Frequenzskala. Tiefgang und Kontur im Bass bestanden den Stresstest ebenso wie die klaren, spritzigen Höhen. Klare Empfehlung: Kaufen bei 2150 Euro.

Fazit

Im Laufe der Zeit habe ich viel Nait erlebt. Vor 30 Jahren war der auf einer antiquierten Schaltung basierende kleine britische Vollverstärker noch ein dirty old amp, der mit seinen orgiastischen Eskapaden wie ein audiophiler Charles Bukowski die Leute zum Feiern animierte. Heute ist er zwar clean und etwas angepasst. Aber wenn er von Leine gelassen wird, geht's richtig ab.

© Archiv

Messwerte

Messlabor

Mit 2x76/113 W an 8/4Ω (AK=60) und guter Laststabilität ist der NAIT XS der bisher kräftigste Nait. Der Klirrverlauf in der Harmonischen-Analyse ist schön gleichmäßig, es dominiert aber k3 statt k2, was erfahrungsgemäß Frische und Dynamik etwas unterstreicht. Für Hochwirkungsgrad-Lautsprecher ist der Rauschabstand (88dB) etwas knapp, ansonsten misst sich der NAIT XS 2 unauffällig und sauber. 

Download: Naim Nait XS2: Steckbrief

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