Smartphone-Überraschung aus Berlin

Carbon 1 Mk II im Hands-on-Test

3.3.2021 von Andreas Seeger

Gegen das Smartphone-Einerlei: Das Berliner Startup Carbon Mobile bringt nun endlich das Carbon 1 Mark II in den Verkauf. Das einzigartige Smartphone steckt in einem Karbon-Gehäuse und ist dünner und leichter als jedes andere vergleichbare Modell. Es gibt aber ein paar Haken.

ca. 3:10 Min
Testbericht
VG Wort Pixel
Carbon 1 MK II
Das exquisite Smartphone ist ausschließlich in schwarz für 799 Euro erhältlich.
© Hersteller

Pro

  • mit 6,3 Millimeter und 125 Gramm das dünnste und leichteste 6-Zoll-Phone auf dem Markt
  • einzigartiges Karbon-Gehäuse

Contra

  • kratzanfällige Oberfläche
  • kein 5G
  • veraltetes SoC
  • schlechte Kamera
  • nur Android 10 ohne Extras

Fazit

Dem Berliner Startup Carbon Mobile ist ein einzigartiges Hingucker-Smartphone gelungen, das schnell zum Tischgespräch wird. Ob das reicht, um die vielen Defizite auszugleichen, muss jeder selbst entscheiden.


Vielversprechend

Vor einem Jahr hat das Berliner Startup Carbon Mobile das Carbon 1 Mk II vorgestellt (wir berichteten) und schon damals war absehbar, dass Corona zu Verzögerungen in der Produktion führen würde. Der Verkaufsstart wurde nach hinten verlegt auf den Sommer 2020. Was damals keiner wissen konnte: Dass es noch schlimmer kommen würde. Nun geht das Smartphone mit einem Jahr Verzögerung endlich in den Verkauf.

Corona zeigt auch, dass kleinere Unternehmen ohne großes Finanzpolster Krisen schlechter wegstecken können als große internationale Konzerne. Sie haben nicht die Power, um Lieferengpässe auszubalancieren und sie haben nicht die Stückzahlen, um innerhalb der Lieferkette Druck zu machen.

Zukunftsmaterial Karbonfaser

Es war eine schwere Zeit, in der man die Produktion komplett neu aufsetzen musste, gibt der Gründer Firas Khalifeh bei der Produktvorstellung offen zu. Aber er richtet den Blick nach vorn und wenn das Thema auf Karbonfaser kommt, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Und er hat gute Gründe dafür. Der Verbundwerkstoff ist ultraleicht und gleichzeitig extrem stabil, weshalb er im Flugzeugbau und anderen Hightech-Bereichen gern und viel gesehen ist.

Es stellt sich die Frage, warum Karbon nicht schon längst Smartphone-Standard ist. Die Antwort ist schnell gefunden: Das Material ist ein elektromagnetischer Leiter, ein Smartphone-Gehäuse würde dabei wirken wie ein Faradayscher Käfig, der die Signale nicht durchlässt. Karbonfaser ist damit denkbar ungeeignet für ein vernetztes Gerät wie ein Telefon. Doch diese Hürde will Carbon Mobile überwunden haben. Das Zauberwort heißt HyRECM (Hybrid Radio Enable Composite Material), dabei handelt es sich um ein neuartiges Hybridmaterial, bei dem Kohlefaser mit komplementären Werkstoffen verwoben wird. Das Unternehmen bezeichnet seine Entwicklung als „Durchbruch in der Materialwissenschaft“.

Im Test können wir bestätigen, dass es keine Empfangsprobleme gibt, weder per Mobilfunk, noch per Wlan.

Karbon ist sehr kratzanfällig

Ist Carbon Mobile damit gelungen, was milliardenschwere Konzerne wie Huawei und Samsung nicht hinbekommen? Oder haben diese Unternehmen aus guten Gründen kein Interesse? Denn es gibt noch einen weiteren Grund, der gegen den Smartphone-Einsatz spricht: Die extreme Kratzempfindlichkeit. Die Oberfläche unseres Mk II zeigte bereits auf leichten Druck mit einem spitzen Gegenstand tiefe Kratzer. Das Gorilla Glas 7 unseres Galaxy S21 Ultra hat die gleiche Prozedur unbeschadet überstanden. Wie sieht das Carbon 1 Mk II nach ein paar Monaten Benutzung aus? Dabei muss man auch im Hinterkopf behalten, dass keine Schutzhülle mitgeliefert ist und mit entsprechendem Zubehör aufgrund der geringen Stückzahl nicht zu rechnen ist.

Lösen ließe sich das Problem mit einer Lackierung, aber es stellt sich die Frage, wie diese sich auf die Funkeigenschaften des Smartphones auswirken würde.

Carbon 1 MK II LED-Benachrichtigungslicht
Coole Idee: Das Logo auf der Rückseite ist hintergrundbeleuchtet und schimmert in unterschiedlichen Farben.
© Hersteller

Technisch ganz weit hinten

Hier wird ein weiterer Nachteil des Carbon-Smartphones deutlich: Das Startup Carbon Mobile ist nicht in der Lage, ein ähnliches Preis-Leistungsverhältnis zu realisieren wie Samsung & Co, die Modelle in millionenfacher Stückzahl produzieren und viel niedrigere Einkaufs-, Produktions- und Logistikkosten haben. Beim Mk II bekommt man abseits vom innovativen Gehäuse nur veraltete Technologien – und das für saftige 799 Euro. Die drei schwerwiegendsten Kritikpunkte aus technischer Sicht:

  • 5G fehlt
  • Das SoC von Qualcomm-Konkurrent Mediatek gehört „nur“ zur Mittelklasse und wurde bereits vor mehr als zwei Jahren vorgestellt.
  • Das duale Kamerasystem hat nur eine Brennweite und kann qualitativ bei weitem nicht mit anderen Smartphones in der Preisklasse mithalten.

Auch die Software ist nicht mit den Großen vergleichbar. Installiert ist ein schlichtes Android-System ohne optischen Schnickschnack und ohne Extras. Es handelt sich um Version 10. Das Unternehmen verspricht ein „zeitnahes“ Update auf die aktuelle Version 11, zudem weitere System-Upgrades und kontinuierliche Sicherheitsupdates. Nur: Das letzte Sicherheitspatch ist vom November 2020. Das macht skeptisch.

Carbon 1 Mk II technische Daten

  • SoC: Mediatek Helio P90
  • RAM + Speicher + SIM: 8 GB + 256 GB, micro-SD oder zweite SIM
  • Display: 6 Zoll, OLED, 1.080 × 2.160 Pixel
  • Betriebssystem: Android 10
  • Kamerasystem auf der Rückseite:
    • 16 MP, Weitwinkel
    • 16 MP, Weitwinkel
  • Frontkamera: 20 MP
  • Konnektivität: Wlan a/b/g/n/ac, Bluetooth 5.0, NFC, USB Typ C
  • Akku: 3.050 mAh
  • Maße: 154 x 74 x 6 mm
  • Gewicht: 125 g
  • Farben: Schwarz
  • Preis und Marktstart: 799 Euro, März 2021

Fazit: Nur für Fans

Damit ist klar, dass sich das Carbon 1 Mk II nur für Hardcore-Fans des Verbundwerkstoffes empfiehlt. Oder für Menschen, die kompromisslos das leichteste und dünnste Smartphone wollen, das der Markt hergibt. In jedem Fall ist dem Berliner Startup ein einzigartiges Hingucker-Smartphone gelungen, das schnell zum Tischgespräch wird. Ob das reicht, um die vielen Defizite auszugleichen, muss jeder selbst entscheiden.

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