Smartphone mit gutem Gewissen

Fairphone 3 im ersten Test

Mit dem Fairphone 3 geht nicht einfach das nächste Smartphone in die dritte Generation. Entscheidend ist die Idee dahinter, die angesichts drängender Umweltprobleme und Fridays for Future immer mächtiger wird. Connect hat das Fairphone 3 für einen ersten Test in die Hand genommen.

Fairphone 3

© connect

Das Fairphone 3 kommt mit einem 18:9-Display, das von einem breiten Rahmen eingefasst wird.

Pro

  • nachhaltig, transparent und unter fairen Arbeitsbedingungen produziert
  • Akku wechselbar
  • Dual-SIM und micro-SD
  • niedrige Reparaturkosten (defekte Komponenten lassen sich einfach nachkaufen und selbst austauschen)

Contra

  • breiter Rahmen ums Display
  • einfaches Kunststoffgehäuse
  • für einen 5,7-Zöller sehr groß
  • technisch hinter der Konkurrenz in dieser Preisklasse

Fazit

Das Fairphone 3 ist technisch nicht mit den Smartphone-Platzhirschen vergleichbar, bietet aber ein ausreichendes technisches Niveau für die Nutzung im Alltag. Das innovative Konzept hinter dem Produkt hält der Industrie einen Spiegel vor und gibt dem Endkunden die Möglichkeit, einen Unterschied zu machen.

Das Smartphone ist ein Hightech-Produkt und als solches auch ein Spiegel der globalisierten Gesellschaft mit all ihren Errungenschaften und Widersprüchen. Es bietet unbegrenzten Zugang zum Wissen der Welt und erleichtert den Alltag in vielen Bereichen, aber es wird auch unter ungerechten Arbeitsbedingungen zusammengebaut und die erforderlichen Mineralien wie Wolfram oder Kobalt stammen oftmals aus Konflikt- und Bürgerkriegsregionen.

Hinzu kommt eine kapitalistische Gesellschaftsordnung, deren Eckpfeiler die Gewinnmaximierung und nicht die ressourcenschonende Produktion ist. Auf das Smartphone übersetzt bedeutet dies: Wir kaufen uns alle zwei Jahre ein neues Modell, statt das alte zu reparieren. Aber dieser Eckpfeiler fängt nicht erst seit Fridays for Future und den immer sichtbarer werdenden Folgen des Klimawandels an zu bröckeln.

Fairphone will einen Unterschied machen

Sie habe den MWC 2019 besucht, erklärt Fairphone-CEO Eva Gouwens bei der Präsentation des Fairphone 3 in Berlin, und an den Messeständen der ausstellenden Unternehmen habe sie nirgendwo Informationen über Nachhaltigkeit gefunden, darüber, welchen Einfluss diese Industrie auf den Planeten hat. Keine Informationen darüber, unter welchen Arbeitsbedingungen die gezeigten Hightech-Produkte produziert werden.

Mit ihrem Unternehmen möchte Sie einen Unterschied machen – und das heute vorgestellte Fairphone 3 zeigt exemplarisch, welche Schwierigkeiten damit für den Verbraucher verbunden sind.

Fairphone 3 mit tansparenter Rückseite

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Das Fairphone 3 besteht komplett aus transparentem Polycarbonat. Es ist haptisch nicht besonders ansprechend, erlaubt aber interessante Einblicke.

Fairphone 3: Die Technik ist von Gestern

Denn aus technischer Sicht bedeutet es: Verzicht und Bescheidenheit. Obwohl das Fairphone 3 mit 450 Euro so viel kostet wie ein Smartphone mit gehobener Ausstattung, wird technisch nicht mehr geboten als einfache Mittelklasse:

  • das SoC Snapdragon 632 wurde bereits Mitte 2018 vorgestellt, es handelt sich um einen Mittelklasse-Chipsatz mit 8 Kernen bis zu 1,8 GHz, der auch im Honor 8C und Moto G7 den Takt vorgibt. Das G7 bekommt man bereits ab 200 Euro.
  • Stichwort Moto G7. Das ist wie das Fairphone 3 mit 4 GB RAM und 64 GB ROM ausgestattet, kostet aber weniger als die Hälfte.
  • Das LCD ist 5,7 Zoll groß und zeigt 2.160 x 1.080 Pixel, die Darstellungsqualität macht auf den ersten Blick einen durchschnittlichen Eindruck.
  • Die 12,2-Megapixel-Kamera bietet eine gute Bildqualität auf Mittelklasse-Niveau. Es gibt nur eine Brennweite, erweiterte Bildoptionen wie zum Beispiel ein Nachtmodus fehlen. Dafür trennt der Porträtmodus Vorder- und Hintergrund sauber, es gibt zudem einen professionellen Modus mit vielen Einstellungsmöglichkeiten. 
  • Die Frontkamera bietet ebenfalls einen Porträtmodus und knipst Bilder mit 8 Megapixeln.
  • Das Smartphone ist 10 Millimeter dick und mit 158 x 72 Millimeter für einen 5,7-Zöller zudem viel zu hoch und zu breit. Kein Wunder, mit den breiten Rändern um das Display wird viel Platz verschenkt. Das Gehäuse besteht komplett aus schlichtem Kunststoff.
Fairphone 3 mit wechselbarem Akku

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Mit einem Handgriff kann man die Rückseite abziehen und den Akku herausnehmen. Danach liegen die Steckplätze für zwei Nano-SIMs und die micro SD frei.

Das Konzept weist in die Zukunft

Verkürzt gesagt: Man bekommt Technik von gestern zum Preis eines top ausgestatteten Xiaomi-Smartphones wie dem brandneuen Mi 9T Pro. Das muss man erstmal schlucken. Und sich dann klar machen, welche Vorteile das Fairphone 3 bietet:

  • Mineralien wie Gold, Wolfram, Zinn und Kobalt zu großen Teilen aus konfliktfreier Produktion
  • Möglichst transparente und faire Arbeitsbedingungen innerhalb der Lieferkette
  • Der Akku ist wechselbar und kann günstig nachgekauft werden
  • Zwei SIM-Steckplätze und ein Steckplatz für micro SD
  • Das Kunststoff-Gehäuse ist durchscheinend und erlaubt einen interessanten Blick ins technische Innenleben
  • Mit dem breiten Rahmen und dem dicken Kunststoff ist das Gehäuse sehr robust und scheint auch einen Sturz von der Tischkante zu überleben. Ein Bumper gehört zum Lieferumfang
  • Man kann die wichtigsten Komponenten (Display-Einheit, Kamera, Akku, Lautsprecher) im Online-Shop unter fairphone.com zu fairen Preisen nachkaufen und selbst austauschen. Das Fairphone ist so konstruiert, dass der Austausch einfach ist und auch von Laien durchgeführt werden kann. Beispiel: Während ein kaputtes Display bei einem aktuellen Top-Smartphone locker 300 Euro kosten kann, ist man beim Fairphone 2 mit 90 Euro dabei.

Der Fokus des Fairphone 3 liegt also auf einer langen Nutzungsdauer und Nachhaltigkeit. Leider fehlen Angaben zum Software-Support. Als Betriebssystem ist Android 9 installiert, wie viele Android-Versionen folgen werden, ist nicht bekannt. Von Fairphone heißt es lediglich, dass man bemüht sei, das Modell fünf Jahre lang zu unterstützen. In unseren Augen ist das eine zu unkonkrete Aussage.

Schraubenzieher im Lieferumfang

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Beim Fairphone 3 verzichtet der Hersteller auf Netzteil, Kabel und Kopfhörer und legt stattdessen einen kleinen Kreuzschraubenzieher in den Lieferkarton.

Alles nachprüfbar

Ein weiterer Unterschied zu etablierten Herstellern: Fairphone schlüsselt alle Kosten für Herstellung, Steuern und Investitionen genau auf und gibt auch den eigenen Gewinn pro Gerät an.

Zudem offenbaren die Niederländer einen detaillierten Einblick in ihre Zuliefererkette. Wer möchte, kann sich eine zehnseitige Liste mit Namen und Adressen jedes einzelnen Lieferanten herunterladen. Mehr Transparenz geht fast nicht.

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Fazit: Smartphone mit Zukunft

Vom Fairphone 1 wurden 60.000 Modelle verkauft, beim Fairphone 2​ waren es schon 115.000 Modelle. Die Verkaufszahlen dürften bei der dritten Generation nochmals steigen. Nicht nur weil das Konzept den Zeitgeist trifft, sondern auch weil das Fairphone 3 für 450 Euro eine technische Ausstattung bietet, die zwar nicht das Niveau von Huawei, Samsung & Co erreicht, aber auch nicht allzu weit dahinter zurück liegt.

Eine wachsende Anzahl von Nutzern dürfte sich damit zufrieden geben, im Austausch für ein nachhaltiges Produkt. Umso mehr, weil der Preis gegenüber dem Vorgänger (UVP 525 Euro) unter die psychologisch wichtige 500-Euro-Marke gefallen ist. Und der wachsende Erfolg wird hoffentlich dazu führen, dass die gesamte Industrie stärker für dieses Thema sensibilisiert wird.

Das neue Fairphone ist ab Anfang September 2019 im Handel zu kaufen. Interessenten können das Fairphone 3 bereits jetzt auf fairphone.com vorbestellen.

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