Testbericht

Röhren-Vollverstärker Lyric T-24

12.11.2010 von Bernhard Rietschel

Der wohl kleinste Röhren-Vollverstärker des HiFi-Universums spart nur an der Leistung. Musikalisch übertrifft der Lyric Ti-24 (1000 Euro) selbst optimistische Erwartungen - wenn der "NF ADJ"-Schalter richtig steht.

ca. 2:25 Min
Testbericht
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  1. Röhren-Vollverstärker Lyric T-24
  2. Datenblatt
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 Ein Verstärker wie ein Kunstwerk: Das dick verchromte Metall der Knöpfe und Seitenteile fühlt sich fast weich an, der schwarze Lack glänzt tief, als wäre er noch flüssig. Darunter, vor Blick und Berührung geschützt, die alte, schöne Verstärker-Schule, nicht platt in Platinen geätzt, sondern in akkurater Punkt-zu-Punkt-Verdrahtung dreidimensional vernetzt. Nur am Heck sitzt ein winziges Leiterplättchen für den USB-Digitaleingang.

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Alles dran: USB- und 2 Cinch-Inputs, sogar eine Kopfhörerbuchse sitzt am Heck.
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Auf Deck stehen vier Endröhren - ohne Größenvergleich könnte man sie für EL34 halten, dann hätte der Amp in etwa die Ausmaße seiner größeren Lyric- und Cayin-Brüder. Es sind aber EL84, Leistungspentoden wie die 34er, nur deutlich kleiner - kaum größer als ein Lippenstift. Unmengen dieser reinen Audioröhren wurden in den 50er, 60er Jahren verbaut. Opas Dampfradio verstärkte damit Marschmusik. Im legendären Gitarrenamp Vox AC-30 elektrifizierte ein Quartett EL84 die Riffs der Stones, Beatles und Shadows. Später nutzten auch Radiohead, Nirvana, U2 und zahllose andere Rock-Ikonen den Amp mit dem charakteristisch griffigen Sound.

Ein HiFi-Röhrenverstärker darf dagegen nicht zuviel Sound, sprich Klirr erzeugen. Soll Eric Satie nicht wie Eric Clapton klingen und Kurt Masur nicht wie Kurt Cobain, ist man gut beraten, mit dem Ti-24 den einstelligen Leistungsbereich nicht zu verlassen. Dahinter betritt man die Welt der Verzerrungen. Das nur vorweg, damit Sie nachher nicht behaupten, wir hätten Sie nicht gewarnt.

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Freiverdrahtung ist arbeitsintensiv, aber immer noch die beste und schönste Art, Röhrenamps zu bauen.
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Wie groß eine Handvoll Watt klingen, hängt entscheidend vom Lautsprecher ab. Der Lyric mag hochohmige wirkungsgradstarke Boxen, klar. Er musizierte aber schon an einer in diesem Punkt eher durchschnittlichen KEF XQ-40 zauberhaft echt, lebendig und intensiv, und stellte die Tester vor ein Problem: Dieser Amp kann überhaupt nicht laut, duckt sich vor Bassbrisen wie ein Grashalm im Wind und schmirgelt in einen forte gespielten Steinway auch schon mal einen Anflug von Fender Rhodes hinein.  - waren sie heimlich kaputtgegangen, oder warum wollte sie niemand mehr hören?

Wie stuft man so etwas ein? Mit einem Kompromiss: knapp unter seinem stärkeren, stabileren Cayin-Kollegen A-55T, wohl wissend, dass der Ti-24 diesen an ideal passenden Boxen - etwa der ultradynamischen Voxativ Ampeggio - sogar schlägt.

Neben Demut lernt man vom Ti-24 interessante Lektionen über die Wirkung von negativer Über-Alles-Gegenkopplung. Diese Korrekturmaßnahme - sie führt einen Teil des Ausgangssignals mit umgekehrtem Vorzeichen an den Eingang zurück - ist über den "NFB Adj"- Knopf an der Front in sechs Stufen einstellbar. Tatsächlich ließ sich für jede Box, die wir am Lyric probierten, nach Gehör ein individuelles Feedback-Optimum finden: eins über Minimum bei der Voxativ, drei Stufen höher für die KEF, wieder eine zurück an der Cabasse Minorca. Die Veränderungen waren nicht subtil. Die Abbildung wirkte bei zu hoher Einstellung eindimensional und leblos, Sänger leicht asthmatisch, während zu lockere Zügel dem Bass schadeten und dem Klang eine nervös-diffuse Note gaben - der Klirr wurde zu dominant. Angesichts der Deutlichkeit des "Einrastens" am jeweiligen Optimum stellt sich die Frage, ob so eine Gegenkopplungs-Anpassung nicht auch für andere Verstärker sinnvoll wäre. Ganz so offensichtlich dürften die Unterschiede bei größeren Amps nicht sein; der Lyric mit seinem schmalen Grenzbereich profitiert davon jedenfalls deutlich.

Fazit

Der Ti-24 ist zwar nicht wirklich billig, aber dafür bildschön verarbeitet und superb abgestimmt. Es ist ein vollständiger, erwachsener Röhren-Vollverstärker in Miniaturausgabe. Seine beschränkte Leistung dürfte den Erfolg am Massenmarkt limitieren, Röhrenfans dagegen werden nicht umhin kommen, ihn sich anzuhören.

Lyric TI-24

Lyric TI-24
Hersteller Lyric
Preis 1000.00 €
Wertung 95.0 Punkte
Testverfahren 1.0

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