Testbericht

Backes & Müller BM Line 30

Die Line-Modelle von Backes & Müller waren immer rank, schlank und klangen äußerst neutral. Die mollige BM Line 30 (62000 Euro pro Paar) will nun Spaß und Lust in die Familie bringen.

  1. Backes & Müller BM Line 30
  2. BM Line 30: DMC-Gegenkopplung
  3. Datenblatt
Backes & Müller BM Line 30

© Julian Bauer

Backes & Müller BM Line 30

Als Backes & Müller-Chef Johannes Siegler das letzte Mal die Redaktion besuchte, entspann sich eine interessante Diskussion. Es ging um Spaß in der Musikwiedergabe - und um die Rolle des Bass-Prinzips von Lautsprechern dabei. Ich führte unter anderem die Magico- und die neuen T+A-Schallwandler an, die mit geschlossenem Gehäuse einen fantastischen und durchaus lustvollen Bass erzeugen.

Siegler, der mit BM bislang nur geschlossene Konstruktionen entworfen hatte, blieb skeptisch. "Ist doch komisch", gab der ambitionierte Gitarrist zu bedenken, "dass alle Welt, sowohl im HiFi als auch im Studio, die Vorzüge von geschlossenen Systemen preist, aber zu über 90 Prozent Bassreflexboxen gekauft werden."

Die Erklärung lieferte er gleich mit. "Will man mit geschlossenen Konstruktionen Wärme und Fülle erzielen, wird der gesamte Bass schwammiger. Das Bassreflex-Prinzip kann man so abstimmen, dass nur die tiefsten Frequenzen ein bisschen nachfedern und so für die wohlige Körperhaftigkeit sorgen."

Backes & Müller BM Line 30

© Archiv

Das speziell für BM entwickelte Horn verdeckt einen 12-Zoll-Koax und sorgt bei Mitten und Höhen für phasenlineare Abstrahlung.

Ausreichend Grund für Johannes Siegler jedenfalls, es nun ebenfalls mit einer Bassreflex-Konstruktion zu versuchen. Was sich so lapidar anhört, ist für Backes & Müller gar nicht einfach, weil die obligatorische DMC-Membranregelung der Bässe eigentlich nur mit geschlossenen Boxen funktioniert. Aber Siegler fand einen Ausweg.

Was den Spaßfaktor beim Musikhören ebenfalls garantiert, sind Pegelfestigkeit und Verzerrungsfreiheit. Beides erreicht man am einfachsten mit Hörnern und standfesten PA-Chassis. Der spanische Chassis-Hersteller Beyma liefert hier offenkundig genau das Richtige: 12-Zoll-Tieftöner mit 4-Zoll-Schwingspulen und vergleichsweise leichten Papiermembranen.

"Wir hatten vorher keine Erfahrung mit solchen Chassis", sagt Johannes Siegler. "Da herrschen Beschleunigungskräfte von mehreren hundert ,g'. Das ist längst kein HiFi mehr, sondern ernsthafte Beschallungstechnik."

Backes & Müller BM Line 30

© Archiv

Die beiden 12-Zoll-Bässe sind wegen ihres exorbitanten Antriebs und der leichten Papier-Membran äußerst wirkungsgradstark. Weil die Frontelemente die Chassis zum Teil überdecken, wird der Schall um die Kanten herum gebeugt.

Als Mittelhochtonergänzung für einen so potenten Bass kommen naturgemäß nur Hochleistungstreiber in Frage - am besten unterstützt von einem Horn. Siegler entschied sich für einen Koax, ebenfalls von Beyma. Die Spanier bauen ihm hier eine Spezialkonstruktion mit einem Kompressions-Treiber für den Hochton und einem 12-Zoll-Mitteltöner mit sehr leichter Papier-Membran. Dieser Koax-Riese sitzt hinter einem trickreichen Horn, das allerdings fast nur den Hochton-, nicht aber den Mitteltonbereich verstärkt.

Pegel ist hier nicht das wichtigste Thema, beide Treiber sind laut genug. Viel entscheidender ist, dass die spezielle Hornform aus dem gesamten Mittelhochtonbereich schon auf kurzer Distanz eine phasenlineare Wellenfront macht. Denn anders als die großen Schwester-Modelle BM 35 und BM 50 erzeugt die BM Line 30 nicht eine Zylinderwellen-Abstrahlung für große Hörabstände. Sie ist eher für das Nahfeld konzipiert - wobei dieses hier locker bis vier Meter reicht. Im besagten Bereich wird der Raum aufgrund der bewusst gerichteten Schallabstrahlung weitgehend ausgeblendet.

Backes & Müller BM Line 30

© Archiv

Die perfekte Einstellung: Es gibt Drehregler auf der Rückseite der BM 30. Mit etwas mehr Aufwand kann der Nutzer die Box aber auch per PC tunen. Die Software gehört zum Lieferumfang und ist selbsterklärend. Sie bietet die Option von drei weiteren Filtern (Oberfläche siehe links). Diese sind mit dem Cursor in Frequenz und Güte (Breite) frei einstellbar. Tausende Einstellungen lassen sich übrigens speichern.

Technisch also versucht die BM Line 30, die Musik so energievoll wie möglich an den Hörer zu bringen. Aber auch optisch ist sie eine klare Ansage: Da wurde gar nicht erst versucht, dieses machtvolle Klang- und Pegelpotenzial in irgendeine schlank-elegante Form zu pressen. Die BM 30 ist eine stämmige Männerbox mit strammen 131 Kilo Lebendgewicht.

Die stattliche Kilozahl ergibt sich aus dem Grundgerüst, das aus 22er MDF aufgebaut ist, sowie etlichen Zusatzelementen:  Front und Fuß sind aus dem schweren Kunststein Korean, die Seitenwangen aus bis zu 50 Millimeter starken Echtholzteilen.

Backes & Müller BM Line 30

© stereoplay

Die Shelving-Filter hinten auf der BM 30: Grüne und blaue Kurve zeigen deren Wirkung in Maximal- und Minimal-Position.

Bedämpft wird das Gehäuse behutsam - nach Messungen: An Stellen, wo es Sinn macht, sind Matten aus Dämmwolle aufgebracht. Das stabile Metallteil, das die Elektronik auf der Rückseite trägt, ist zusätzlich mit Antidröhnmatten (Bleibitumen) aus der Autoindustrie ruhiggestellt.

Apropos Elektronik: Als vollaktive Vierwege-Box birgt die BM 30 auch vier Endstufen: Im Bass arbeiten zwei Digitalendstufen mit je 500 Watt, im Mittelhochton vertraut Siegler nach wie vor auf analoge Endstufentechnik: "Das klingt feiner."

Backes & Müller BM Line 30

© stereoplay

Frequenzgang & Impedanzverlauf: Im gesamten Mittelhochtonbereich etwas wellig. Erst weit außerhalb der Achse (graue Kurve) wenig Pegel

Die Aktivtechnik plus DSP ermöglicht Frequenzganz-Manipulationen, die passiv nur sehr aufwendig machbar wären - zum Beispiel mit den eigentlich gar nicht so tief spielenden, hart aufgehängten Bässen eine untere Grenzfrequenz von etwa 25 Hertz zu erreichen. Es ginge auch tiefer, das ist aber kaum sinnvoll.

Siegler: "Gerade in Klassik-Aufnahmen gibt es so viel tieffrequenten Müll, da ist man gut beraten, nicht viel weiter runterzugehen."

Die 27 Hertz (-6 dB), welche die BM Line 30 schafft, sind tief genug. Ich habe noch nie in den elf Jahren, die ich jetzt bei stereoplay bin, Charly Antolinis Schlagzeug-Klassiker "Knock Out" derartig unvermittelt und realistisch um die Ohren geschlagen bekommen. Jeder Hieb der Bass-Drum fand seinen Weg direkt in meine Magengrube, die Snare-Drums schnalzten unvermittelt in meine Gehörgänge. Und die Becken sirrten so echt, als säße ich direkt daneben. Das Hören mit der BM Line 30 ist eine Erfahrung, die bereichert - und die unfasslich viel Spaß macht.

Backes & Müller BM Line 30

© stereoplay

Pegel- & Klirrverlauf 85-100 dB SPL: Sehr geringer Klirr im Bass, keinerlei Kompression feststellbar

Ich saß auf dem Sofa des Hörraums, drehte lauter und lauter - und es wurde immer besser. Das war wie eine Sucht. Den ebenfalls in die Jahre gekommenen, aber immer noch exorbitant guten Hörtest-Klassiker "Jazz At The Pawn-Shop" zelebrierte die dicke Backes mit einer Wucht, Leidenschaft und Authentizität, die ich mir von allen Lautsprechern wünsche.

Das Klirren der Gläser, das stramme Akustik-Bass-Intro, der Besen, der virtuos über die Snare-Drum fegt - das kam so ohne jede Mühe und mit so immens viel Kraft, dass wohl nur Live-Musik besser klingt. Solange man in etwa auf Achse sitzt, bleibt der Zauber selbst bei kritischen Gesangsaufnahmen ("Männer" von den Bläck Föös) uneingeschränkt erhalten.

Doch die BM 30 ist ein Horn. Ihre unglaubliche Intensität, das Direkte in der Wiedergabe wird durch die starke Bündelung erreicht. Sie verhindert das Luftig-Leichte konventioneller Lautsprecher und reduziert das Klangbild in der Tiefe. Die Stimmen bekommen, wenn man außerhalb der Achse sitzt, einen durchaus hörbaren etwas rauen, kehlig-hölzernen Anstrich. So bleibt der Eindruck zwiespältig: Das beschriebene leicht Nasale ist der BM Line 30 fast immer zu Eigen. Auf der anderen Seite sind mehr Live-Charakter und mehr Spaß-Lautsprecher im HiFi-Bereich derzeit einfach nicht zu haben.

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