Konnektivität im Körper

Hintergrund Bodyhacking: Von Human Augmentation bis Cyborg

Die vernetzte Welt macht auch vor unserem Körper nicht halt: Bodyhacker tragen bereits Mikrochips unter der Haut, um ihren Alltag zu erleichtern oder körperliche Beeinträchtigungen auszugleichen. Wo wird uns die Technik in Zukunft hinführen?

Cyborg Bodyhacking

© Lars Norgaard

Neil Harbisson ist farbenblind und offiziell ein Cyborg. Eine in seinen Schädel implantierte Kamera wandelt Farben in Vibrationen um, die der Knochen in seine Ohren überträgt.

Eine Berührung mit der Hand genügt, und schon ist die Fahrkarte für den Bus gelöst, die Haustür dank Smart Lock geöffnet und bald auch der Kaffee bezahlt. Mikrochips unter der Haut sind schon längst keine Zukunftsmusik mehr: Ab 60 Euro sind diese reiskorngroßen Implantate bereits erhältlich. Wer tapfer genug ist, setzt sich das gute Stück selbst ein oder besucht den Piercer seines Vertrauens. Danach kann man sich offiziell als Bodyhacker bezeichnen – als jemanden, der seinen Körper mithilfe von Technik aufgerüstet hat.

Auf die Implantate lassen sich zum Beispiel drahtlos Informationen wie die eigene Visitenkarte übertragen – ganz einfach per NFC. Mit der ID-Nummer des Chips kann man außerdem kontaktlose Zutrittssysteme anlernen, wodurch Mitgliedsausweise für das Fitnessstudio oder Hausschlüssel obsolet werden – ein passendes Schloss in der Wohnungstür vorausgesetzt.

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Die Frage nach der Sicherheit

Doch wie sicher ist das alles? Die Daten auf dem Chip im Vorbeigehen abzugreifen, ist beispielsweise nicht möglich. Zwar lassen sich NFC-Chips auf eine Entfernung von zehn Zentimetern auslesen, unter der Haut schirmt das Gewebe den Empfang jedoch auf ein paar Millimeter ab.

Von kontaktlos kann hier also keine Rede mehr sein. Das ändern auch energiereiche Lesegeräte nicht. Ein Dieb muss genau wissen, wo das Implantat sitzt, und mit einem Lesegerät Hautkontakt herstellen. Eine Geldbörse zu stehlen, ist wahrscheinlich einfacher.

In Zukunft könnten Mikrochips unter der Haut diese wiederum ersetzen – und mit ihr eine Fülle an Plastikkarten, verriet uns Bodyhacker Dr. Patrick Kramer. Mit seinem Unternehmen Digiwell vertreibt er die Mikrochips über das Internet. Bisweilen mögen sie den Alltag des Nutzers erleichtern, einen medizinischen Nutzen haben sie jedoch nicht. Dabei kann Bodyhacking mehr sein als ein Chip unter der Haut.

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Der erste Cyborg

Der Brite Neil Harbisson ist der erste offiziell anerkannte Cyborg – ein Mischwesen aus Mensch und Maschine. Seit seiner Geburt ist er farbenblind und nimmt seine Umgebung nur in Graustufen wahr. Dabei wollte er es allerdings nicht belassen: Er entwickelte ein Gerät, das Farben vor seinem Gesichtsfeld erkennt und in Schall umwandelt. Dank seines elektronischen Auges nimmt er sogar Lichtwellen außerhalb des sichtbaren Spektrums wahr, von Infrarot bis Ultraviolett. Die unterschiedlichen Frequenzen der einzelnen Farbtöne wandelt seine Antenne in ein akustisches Äquivalent um und gibt sie über Vibrationen an seinen Schädel weiter.

Anfangs war das Gerät noch mit Druck gegen seinen Kopf gebunden, später entschied sich Harbisson jedoch für eine OP, bei der ein Arzt die Kamera mit seinem Schädelknochen verschraubte. Hinzu kam noch ein Modul, welches den Apparat mit dem Internet verbindet. Dadurch ist es seinem Träger möglich, Fotos von anderen Menschen zu empfangen und akustisch zu erleben.

Harbissons Ansicht nach verleiht ihm sein Gerät sogar einen neuen Sinn. Doch auch bestehende Sinne können mit Implantaten bereits verbessert oder gar erst ermöglicht werden. Cochlea-Implantate geben beispielsweise Gehörlosen ein Hörempfinden zurück. Ein Teil der Hörprothese sitzt dabei unter der Kopfhaut. An ihr sind Elektroden befestigt, die in die Hörschnecke des Innenohrs führen und dort den Hörnerv stimulieren.

Umgebungsgeräusche nimmt das System mit einem externen Teil auf, der ein Mikrofon enthält und die Audiosignale mit Radiowellen an den inneren Teil überträgt. Die neuesten Implantate lassen sich bereits mittels Bluetooth direkt mit einem Smartphone verbinden, um Telefonate oder Musik zu übertragen.

Die Fähigkeiten unseres Körpers derartig mit Technik zu steigern, nennt sich Human Augmentation. Zukünftig wird die Vernetzung zwischen uns und der Technik sogar noch größer, wenn es nach findigen Unternehmern wie Elon Musk geht.​

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Maschinen mit dem Hirn steuern

Mit seinem 2016 gegründeten Unternehmen Neuralink möchte er das menschliche Gehirn mit Computern verknüpfen. Mikrochip-Implantate sollen die Verbindung zwischen Denkorgan und Maschinen herstellen, sodass man diese zukünftig mit reiner Gedankenkraft steuern kann. Anfangs soll die Technik vor allem Menschen mit körperlichen Einschränkungen helfen, wieder mit ihrer Außenwelt zu interagieren.

So ambitioniert das Vorhaben klingt, es gibt bereits ähnliche Projekte, bei denen Querschnittsgelähmte per Gedankenkraft einen Roboterarm ​steuern. Auch Fahrzeughersteller wie Nissan erproben die Kommunikation zwischen Gehirn und Auto mit dem Ziel, die Reaktionszeiten zu verbessern. Das System soll Lenk- und Bremsvorgänge frühzeitig erkennen und einleiten, bevor der Fahrer dies kann. Bis das alles so weit ist, wird aber noch etwas Zeit vergehen: Die Marktforscher von Gartner geben der Human Augmentation noch mehr als zehn Jahre, bis sie sich im Markt etabliert hat.

Bis dahin können wir uns in Ruhe Gedanken machen, wie smart wir sein möchten.

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