Vergleichstest

Testfahrt: Navis mit Stau-Infos im Vergleich

500 Kilometer ohne Stillstand? Connect lässt vier Navisysteme mit Stau-Informationen aus dem Web zur großen Vergleichsfahrt antreten. Welches führt am schnellsten zum Ziel?

Staudienste

© BMW

Staudienste

Live-Verkehrsdienste sind die wohl größte Errungenschaft der Navigationshersteller überhaupt. Was bis vor fünf Jahren via UKW-TMC-Rundfunk an Staumeldungen ins Auto übertragen wurde, verdiente oftmals nicht den Namen: Entweder der Stau war schon da, aber nicht gemeldet, oder er wurde gemeldet, hatte sich aber schon wieder aufgelöst. Vor allem funktioniert das TMC-System nicht in Innenstädten, sondern nur auf Autobahnen und größeren Bundesstraßen. Auch das technisch präzisere TMC Pro einige Jahre später konnte an diesen Umständen nur bedingt etwas ändern.

Schnellere Staumeldungen durch Floating Data

Erst Tomtom hat 2008 mit seinem HD Traffic hier die Wende eingeläutet. Das Prinzip: Die Handys der Autofahrer werden über das Mobilfunknetz geortet - zeigen die Messgeräte eine plötzliche Ballung vieler Handys, muss da ein Stau sein (Fachbegriff: Floating Phone Data). Vermischt mit anderen Datenquellen wie Fahrbahnsensoren, Lieferwagenflotten und den Navis selbst (Floating Car Data genannt) konnte man so zum ersten Mal auch in Innenstädten präzise Staumeldungen erheben und dank Internet-Verbindung auch nahezu in Echtzeit ins Fahrzeug übermitteln.

BMW Navigation Professional

© connect

BMW Navigation Professional

Klar, dass Tomtom nicht lange alleiniger Anbieter eines solchen Dienstes in Deutschland bleiben würde: Neben den US-Firmen Inrix und Navteq Traffic startete jüngst auch BMW seinen Verkehrsservice mit dem bis dato unbekannten Mile-Konsortium. Alle Dienste funktionieren ähnlich: Mal werden Handys verfolgt, mal Flotten oder sonstige Sensorendaten ausgewertet und per Internet ins Fahrzeug gesendet.

Vier Kandidaten treten zur Vergleichsfahrt an

Doch welcher Anbieter hat den besten Dienst? Eine Testfahrt mit vier Navigationssystemen auf einer 500 Kilometer langen Strecke soll es zeigen: von Stuttgart über Mannheim nach Frankfurt und wieder zurück, unter penibler Einhaltung der Tempolimits und mit regelmäßigen Fahrerwechseln. Dabei treten zwei teure Werkslösungen gegen zwei Plug-and-Play-Navis an.

In der Galerie stellen wir die vier Kandidaten vor: Audi Navigation Plus, BMW Navigation Prfessional, Garmin nüvi 3590 LMT und Tomtom Go Live 1015.

Bildergalerie

Audi Navigation Plus
Galerie
Stau-Dienste

500 Kilometer ohne Stillstand? Diese vier Navisysteme mit Stau-Informationen aus dem Web traten zur großen connect-Vergleichsfahrt an.

Die Werkslösungen: Eine halbe Stunde Verzögerung

Dass die Dienste noch nicht perfekt sind, wird unterwegs schnell klar. Auch dem parallel gestarteten Audi ergeht es auf der Frankfurt-Etappe nicht besser als dem BMW: Während uns der BMW in die Stadt schickt, wo eine Demonstration überall für Stau sorgt, macht der Audi zwar einen Bogen um die gesperrte Innenstadt, steht aber trotzdem auf den Bundesstraßen drum herum im Stau.

Audi Navigation Plus

© connect

Audi Navigation Plus

Das Ergebnis: Beide Fahrzeuge brauchen für die 30-Kilometer-Strecke von Kelsterbach nach Bergen-Enkheim eine ganze Stunde. Ein großes Hallo gibt's am Zwischenstopp in Bergen-Enkheim, wo es sich die Fahrer mit Garmin- (mit Navteq Traffic) und Tomtom-Navis bereits seit einer halben Stunde gemütlich gemacht haben. Dies ist sicher als Extremfall zu werten.

Doch auch auf der Weiterfahrt nach Hochheim am Main steht der Audi wieder in einem nicht erkannten Stau und verliert weitere 15 Minuten - obwohl die Straßen auf dem Navi-Bildschirm tiefgrün eingefärbt sind, was für freie Fahrt steht. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass das System in allen weiteren Fällen korrekt funktioniert und der Audi mit 510 Kilometern die insgesamt kürzeste Strecke wählt - doch mit über sieben Stunden auch am längsten braucht.

Tomtom gegen Garmin: Auf die Route kommt es an

Doch die Qualität der Staumeldungen alleine sagt noch nichts aus; die Ergebnisse dieses Tests können nicht ohne Weiteres auf andere Geräte oder Apps mit demselben Staudienst übertragen werden, sondern gelten immer nur zusammen mit der entsprechenden Navigation. Wie das Gerät mit den eingegangenen Staumeldungen umgeht, wie früh und an welcher Stelle es neu berechnet - all das wirkt sich darauf aus, wie lange man tatsächlich unterwegs ist.

Garmin nüvi 3590 LMT

© Garmin

Garnin nüvi 3590 LMT

Das zeigt am besten das Duell Tomtom gegen Garmin. Beide führen uns weiträumig um die Frankfurter Innenstadt herum, wobei das Garmin sogar eine sechs Kilometer längere Strecke wählt als das Tomtom. Trotzdem rollt das Garmin-Auto drei Minuten früher ins Ziel. Auch bei der Anfahrt nach Frankfurt aus Richtung Süden nehmen die beiden portablen Navis den zwei teuren Festeinbauten mit der besseren Route bis zu sieben Minuten ab.

Dafür allerdings nervt vor allem das Garmin an anderer Stelle: Die Bluetooth-Verbindung zum Smartphone für den Empfang der Staumeldungen stellt sich nach den Zwischenstopps nicht immer zuverlässig her, sodass der Fahrer stets von Hand prüfen muss, ob auch alles läuft.

Hätte allerdings das Garmin bei der Innenstadttour von Ludwigshafen nach Mannheim nicht im Verkehrsgetümmel einer hier stattfindenden Großveranstaltung den Überblick verloren und dem Fahrer zehn Minuten Stop and go durch die Innenstadt beschert, es wäre beinahe an das Tomtom herangekommen. Aber auch so schafft das Garmin trotz der tendenziell längsten Einzelstrecken (gesamt: 536 Kilometer) mit rund sechseinhalb Stunden noch die zweitbeste Zeit.

TomTom Go: 50 Minuten schneller als Audi

Tomtom Go Live 1015

© Tomtom

Tomtom Go Live 1015

Nur sechs Stunden und fünfzehn Minuten braucht das Auto mit dem Tomtom Go für 527 Kilometer - damit nimmt der Altmeister dem Audi satte 50 Minuten ab. Mehrfach berechnet der Tomtom neu, doch kein einziges Mal stehen wir mit ihm im Stau. Noch dazu ist hier die Aufbereitung der Stauinformationen am besten gelungen: Seitlich wird stets eine Leiste eingeblendet, auf der die Staus auf der Route stilisiert dargestellt werden - mitsamt der zu erwartenden Verzögerung. So hat der Fahrer das Geschehen immer im Griff, weiß, wo sich der Stau in etwa befindet und kann auch Routenvorschläge besser bewerten.

Ebenfalls ordentlich gelöst hat BMW die Staudarstellung mit seinem Splitscreen: Der Bildschirmausschnitt lässt sich mit einer Staukarte belegen, auf der die Straßen nach Durchflussgeschwindigkeit farblich markiert sind. Ein Icon leuchtet zudem gelb oder rot auf, wenn sich auf der Strecke eine Behinderung befindet, deren Umfahrung aber noch keinen Sinn ergibt. Erst wenn das System meint, eine bessere Route gefunden zu haben, rechnet es automatisch neu, bleibt dem Fahrer aber zusätzliche Informationen schuldig.

Von Hand eingreifen kann der Fahrer nicht. Mit 528 Kilometern und 6:42 Stunden liegt der BMW in der Endabrechnung auf Rang drei, hält seine selbst errechnete Ankunftszeit aber am genauesten ein (zwei Minuten).

Keine Kartendarstellung der Staus

Am schlechtesten ist hier wieder der Audi, der seine errechnete Ankunftszeit um 32 Minuten verpasst - kein Wunder angesichts der nicht erkannten Staus. In die Karten blicken lässt sich der Audi ebenso wenig wie der BMW: Neben einer Textansicht der Staumeldungen, die in der Fremde eher nutzlos ist, färbt auch das MMI-System die Straßen nach Durchflussgeschwindigkeit ein - aufgrund der ohnehin farbenfrohen Navigationskarte wirkt das Ganze unübersichtlicher als bei BMW.

Das Garmin geht hier wieder einen eigenen Weg, der aber ebenfalls nicht an den des Tomtom herankommt: Ein kleines Icon färbt sich je nach Verehrslage grün, gelb oder rot. Eine richtige Stauübersicht bekommt man erst nach einem Gang durchs Menü angezeigt, kann aber hierauf recht wenig erkennen. Schlägt das Garmin eine neue Route vor, zeigt es eine Liste der geplanten Straßen an, doch selbst in bekannter Umgebung ist dies oft keine große Hilfe - wer kennt schon sämtliche Straßen seiner Stadt mit Namen?

Die detaillierten Testergebnisse habe wir in der folgenden Tabelle zusammengefasst.

Download: Tabelle

Fazit: Der Altmeister hat wieder gesiegt

Der Tomtom Go Live 1015 führte satte 50 Minuten schneller ins Ziel als der langsamste Testteilnehmer - diese Zahl spricht eine eindeutige Sprache. Aber auch das zweitplatzierte Garmin nüvi 3590 LMT zeigte eine ansprechende Leistung: Wäre der vermeidbare Schlenker durch Mannheim nicht gewesen, wäre das nüvi bis auf drei Minuten an den Tomtom herangekommen. An Stabilität, Bedienung und Darstellung des Stausystems muss Garmin allerdings noch arbeiten.

Schlimm erwischt hat es hingegen den Audi: Die langen Verzögerungen in Frankfurt waren sicherlich ein Extremfall, an einem anderen Tag wäre das Ergebnis nicht so deutlich ausgefallen. Dennoch zeigt die Gesamtbetrachtung der Testfahrt, dass das Optimum hier noch nicht erreicht ist, vor allem bei der Staudarstellung und der Informationsgenauigkeit. Besser war hier das System im BMW: Vor allem die Darstellung der Staus wirkt dank Split- Screen gelungener. Doch am Ende zählt, wer früher am Ziel ist - und das war der Tomtom Go Live 1015.

Weitere Informationen

Garmin Nüvi 3590 LMT im Test

Tomtom Go Live 1015 im Test

Die besten Navi-Apps fürs iPhone

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