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Standlautsprecher

Paradigm 800 F im Test

Mal etwas Super-Authentisches: Obwohl rasant günstig, entsteht die 800 F von Paradigm in Kanada. Kein globalisieter Billigheimer, sondern ein perfekt tarierter Lautsprecher. Lesen Sie unseren Test hiezu.

© Paradigm

Paradigm 800 F: In wenigen Takten schwingt sich dieser Lautsprecher vom Feingeist zur brachialen Tanzbox auf.

Pro

  • sehr guter Preis
  • einheitliches Timing

Contra

  • Abstriche beim Finish

Fazit

Stereoplay Gesamturteil: 80 Punkte; Klang: 59 Punkte - absolute Spitzenklasse; Preis/Leistung: überragend

Die Welt ist eine Kugel. Al­les kann von einer Seite zur anderen rollen. So funk­tioniert der globale Markt. Doch Paradigm hebelt die Spielregeln aus. Man residiert in Kanada – und fertigt auch dort. Das ist ein mittleres Wun­der. Denn die meisten Hersteller der westlichen Welt verla­gern ihre Fließbänder nach China. Dort sind die Arbeits­stunden dramatisch günstiger.

Paradigm widerspricht. Selbst die Gut-­günstig­-Serie wird am Firmenstandort daselbst gefer­tigt. Das Zentrum von Toronto liegt im Norden, nur ein paar Kilometer entfernt. Die Gren­ze zu den USA geht mitten durch den Lake Ontario. Schon auf der Landkarte sehen wir: Hier wird Geld gemacht. Das ist ein Hotspot der nordameri­kanischen Wirtschaft.

Schlank und hoch

Zwei Standlautsprecher haben uns erreicht. Aus der günstigen Premier­Serie das größte Mo­dell unter den Standboxen – die 800 F. Das ist kein wirk­liches Monstrum. Eher eine überaus schlanke Standbox mit 105 Zentimetern in der Höhe. Die Verarbeitung ist fair, aber nicht luxuriös. Bei unserem Modell wurde eine Folie über das rund zwei Zentimeter dicke MDF gespannt. „Espres­so“ heißt der Farbton. 

Eigent­lich ein tiefes Schwarz mit angedeuteter Holzmaserung. Wer es spartanischer, klassi­scher mag, kann natürlich auch ein Tiefschwarz und ein Weiß bestellen. Geschmacksfrage. Keine Geschmacksfrage hin­gegen sind die Chassis. Auch sie werden rein in Kanada in der Firmenzentrale entwickelt und gefertigt. 

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Die Kombi ist anspruchsvoll. Der Bass wird doppelt belegt. Hier tönen zwei Diagonalen mit 16,5 Zentime­tern. Im Rücken liegt dazu der passgenaue Bassreflex­-Kanal. Bedeutet umgekehrt auch ei­nen Praxistipp für die Aufstel­lung: Wird der Bass zu dick, bitte die Lautsprecher deut­liche Zentimeter von der Rück­wand in den Raum ziehen. 

Das Membranmaterial selbst strahlt wenig Erotik aus. Sieht aus wie Polypropylen – und ist es auch, jedoch leicht angemixt mit Karbon­Fasern. Stolz sind die Kanadier auf die besonderen Einkerbungen in der Sicke – hier soll mehr Kontrolle er­reicht werden, zugleich eine größere Hubkraft. 

Zur Kür noch ein schöner Fachbegriff: „Perforated Phase-­Aligning“ – nach diesem Prinzip spielt der Mitteltöner auf. Das kann man sich eigentlich selbst er­ klären. Auch hier waltet ein Mix aus Polypropylen und Karbon, allerdings mit einer nicht entfernbaren Scheibe da­vor. 

Die Gesamtkonstruktion ist das Markenzeichen von Paradigm – ein Mix aus Dif­fusor und Linse. Definierte Schwingungen werden betont, andere eher auf den Raum aus­gebreitet. Sieht gut aus, auf den Punkt berechnet – unsere Messergebnisse sprechen sich ebenfalls für diese Konstruk­tion aus.

Noch ein Blick in die Höhe. Die Frequenzen oberhalb von 2,5 Kilohertz werden einer Aluminium­-Membran anver­traut. Die wiederum liegt in einer berechneten Bautiefe mit einem Hornvorsatz. Hier wird definierte Energie auf den Hörplatz gestrahlt.

© Josef Bleier

Aufgebaut in zwei Schichten: Die Bausteine der Weiche sind wuchtig und edel, sie sind direkt verkoppelt mit dem Bi-Wiring-Terminal auf der Rückseite.

Europäischer Einfluss

Der Chefentwickler stammt übrigens nicht aus Kanada, sondern aus der Ukraine. Wir haben es hier also mit einer Nordamerikanisch/Europäischen Verbrüderung zu tun. Fühlt sich gut an. Klingt es auch gut? Legen wir dazu ein ganz überra­schendes Album auf. 

Al Di Meola weidet sich in den Supersongs der Beatles. Das Cover selbst kokettiert mit ei­nem John­-Lennon-­Album. Alle großen Gitarren­-Songs sind vertreten. Al Di Meola gibt die volle Breitseite des Luxusgitarristen. „Here Comes the Sun“ eröffnet den Reigen, schon nach wenigen Takten ist klar: Es wird groß, dick und fett.

Eine gute Kette muss dem gewachsen sein. Wir wollen Eleganz und den Schlag in die Magengrube. Beides vermochte die 800 F zu zaubern. Da war Spielfreu­de da, sofort und ungefiltert. Super, wie Hoch-­ und Mitteltöner eine Allianz vereinbar­ten. Wir hatten den Korpus der Gitarren, gekrönt von den hel­len Impulsen der Saiten. Wo geht das Herz am meisten auf? 

Ohne Frage bei „Here, There and Everywhere“. Der Meister spielt einsam auf seiner akus­tischen Gitarre. Keine Show, keine Effekte, die reine Wahr­heit. Das ist ein Track für die besten unter den besten Lautsprechern. Erstaunlich wie die Paradigm den Zauber erkann­te. Der definierte Raum, die Luft, die Körperlichkeit. Wirk­lich gekonnt. Was sofort den Rechner bei uns in Gang setzte. 

Das war ein Klangbild für – geschätzt drei­- bis viertausend Euro. Paradigm klatschte uns eine Ohrfeige ins Gesicht und sag­te: 2590 Euro das Paar. Wir fühlten uns schlecht, wir fühl­ten uns gut. Endlich wieder ein Lautsprecher, den wir für sein Preis/Leistungsbewusst­ sein ehren dürfen. Hier gibt es die gehobene, absolute Spit­zenklasse unserer Bestenliste für erstaunlich stemmbares Geld.

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Service

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Massive Dynamik

Wir wollen tiefer eintauchen. Diesmal mit massiver Dyna­mik. Fritz Kalkbrenner befeu­ert die Disco­-Tänzer. Unfass­bar fett der Bass, alles steht unter heftigem Stromfluss. „True Colours“ ist das neue Album. „One Day at A Time“ will uns so richtig heftig im Tiefbass abholen. Die 800 F verwandelte sich von einem Moment zum anderen vom Feingeist zur brachialen Tanz­box. 

Böse Bass­-Frequenzen quälten unser Bewusstsein, wirre Akkorde im Cinema­scope – Big Party auf der Para­digm. Wer da noch still im Hör­sofa verharrte, musste tot oder taub sein. Und doch schlich sich da ein „Aber“ ein. Die 800 F wirkte bei manchen Impulsen etwas verhangen. Deshalb unser Ratschlag: 

Dieser Lautsprecher muss eingespielt werden. Am besten über 40 Stunden. Die tieferen Membranen brauchen Spielraum. So ließen wir unser Testexemplar über zwei Näch­te mit dynamischer Musik al­lein. Klar war danach die dyna­mische Feininformation besser.

Paradigm 800 F: Ein Supermix

Nehmen wir den Druck aus dem Spiel. Etwas sensibler bitte. Da empfehlen wir als grandiose Testmusik das neue Album von Wolfgang Haffner – „Kind of Tango“, erschienen bei ACT. Die Musiker verstehen ihr Handwerk, die Ingenieure sind vielleicht sogar eine Spur besser unterwegs. 

Das macht Spaß, das schafft Atmosphäre. Ein Super­ mix. Schon mit dem ersten Track – „Tango Magnifique“. Ganz fein das Schlagzeug im Hintergrund, mit dem Besen auf der Snare-­Drum. Konturstark der Bass, ein leises Gitarren­solo, dann der große Auftritt des Marimbaphones. Ein Lautspre­cher muss hier alles abbilden können, darf aber nicht nerven.

Wir wollen uns gut fühlen. Das geht nicht nur in die Ohren, son­dern ganz direkt auch an unsere Haut. Super wie die 800 F diese Faszination aufstehen ließ. Das passte perfekt. Die Lautstärke war human, die Abbildung reich.

© Josef Bleier

Hinter gestanzten Löchern: Der Hochtöner ist 2,5 Zentimeter in der Diagonale groß – er besteht aus Aluminium und liegt in einer berechneten Hornvertiefung. Das strahlt eine hohe, definierte Energie auf den Hörplatz aus.

Vor allem die Geschlos­senheit der Membranen über­zeugte. Wir faseln häufig über das Thema. Aber es ist wichtig. Die schönste, teuerste, größte Box ist schrecklich, wenn wir die Klangproduzenten einzeln hören. Es geht um Magie, da­rum, dass aus unterschiedlichen Membranen ein ganzheitlicher Klang entsteht.

Das können überraschender­weise nicht alle Hersteller. Doch hier hat Paradigm mit Polypropylen und Aluminium ein einheitliches Timing gezau­bert. Wirklich harmonisch, rich­tig, elegant. Ich würde diesen Lautsprecher kaufen. Nicht für mich, aber für einen guten Freund, der gerade ein Studium begonnen hat. Das ideale Set für Einsteiger, die ganz weit oben grasen wollen. Ohne Kom­promisse, im kleinen Raum, aber mit hohen Ambitionen.

Fazit

Ein wirklich schöner, schlauer Lautsprecher. Oberste Vorgabe: Der Preis sollte annehmbar bleiben. Das wurde erreicht. Dafür müssen wir einige Abstriche beim Finish hinnehmen. Aber klanglich ist die schlanke 800 F ein wirklicher Feingeist.​

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