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Pro-Ject X1 im Test

Mit dem Einser hat Pro-Ject seinen Ruhm begründet. Nun kommt die Neuauflage. Noch edler, noch besser. Der X1 hat uns fasziniert: archaisch, schön, klangstark. Wir haben ihn getestet.

© Pro-Ject

Pro-Ject X1 im Test

Pro

  • schön und archaisch
  • guter Klang
  • vereint Innenspannung und Auflösung

Contra

Fazit

Stereoplay Gesamturteil: 68 Punkte; Klang: 46 Punkte; Preis/Leistung: überragend

Wir können in Atmosphäre baden und in Hochauflösung swingen

Es gibt da das schöne Wort von der Archaik. Wer Freud gelesen hat, weiß – hier geht es um Bilder in unserem Kopf, die fast wie ein Instinkt angeboren sind. Eine halb-religiöse Mischung. Wir können uns nicht wehren. Wollen es vielleicht auch gar nicht.

Genau in diese Welt dringt der X1 von Pro-Ject vor. Er ist der archaische Typus eines Plattenspielers. So, wie er in unserem Kopf herumgeistert. Ein Rechteck, eine Rundung, ein Arm. Ein heiliges Trio.

Dennoch glauben wir nicht daran, dass Pro-Ject einen magischen Designer mit dem X1 beauftragt hat. Es ist halt einfach nur ein Plattenspieler, nach den Formvorgaben der stingentesten Art. Und doch wird hier wirklich gut gebaut. In der Bodenplatte liegt der Motor. Er ist recht schlau entkoppelt und gefedert. Per Riemen wird ein Subteller angetrieben.

Darüber liegt der eigentliche Plattenteller aus massivem Acryl. Die Gesamtkonstruktion steht auf drei gefederten Beinen, ganz elegant höhenverstellbar noch dazu.

Den X1 gibt es in Schwarz oder Weiß und ist in acht Schichten aufwendig lackiert. Doch das Finish in Walnuss erscheint uns am schönsten, mit gewachster Oberfläche, bildschön. 

Dann die Architektur des Tonarms. Hier strecken sich 8,6 Zoll über das Vinyl. Wir sehen eine geflochtene Oberfläche aus Carbon, jedoch im Sandwich mit Aluminium, gelagert auf vier Punkten. Auch das ein Archaiker – gerade, strikt, und das Antiscating-Gewicht wird über einen Ausleger feinjustiert.

Bishier hin hätten wir einen Preis von deutlich über .1000 Euro angesetzt. Falsch. Pro-Ject ist wesentlich günstiger unterwegs: mit 800 Euro. Im Paket gibt es sogar eine Tondose nach MM-Standard dazu, die Pro-Ject nicht selbst ertüftelt hat. Das ist eine Eigeninterpretation auf Basis eines kleinen MM-Systems von Ortofon und heißt offiziell Pick it S2 MM.

© Pro-Ject

Und das in dieser Preisklasse: Pro-Ject spendiert dem X1 einen massiven Teller aus Acryl-Glas, angetrieben von einem Subteller mit Riemen.

Wir stehen also vor einer Komplettlösung. Alles ist an Bord, sogar ein hochwertiges Signalkabel. Einfach am MM-Port anschließen und sich freuen. Es ist abermals vorbildlich, wie Pro-Ject um die Praxiswerte und die Gefühle seiner Kundschaft weiß. So elegant dieser Plattenspieler auch aussieht – man kann ihn einfach auspacken, das Auflagegewicht bestimmen, die Signalkabel an den Verstärker stricken – und sofort wird ehrlich und reich Musik an die Lautsprecher geflutet. Das ist effektiv und ebenso schön. 

Auch die Wahl der Umdrehungszahl ist eine Winzigkeit – einfach auf der Oberfläche links unten die gewünschte Zahl antippen, und selbst uralte 78er-Scheiben können ausgelesen werden. Die Konkurrenten sparen gern bei der nötigen Haube gegen Staub – hier liegt sie dem Lieferumfang bei. Das ist die Komplettlösung, für mehr als angemessenes Geld. Wenn die Kombi denn auch klingt.

Wir haben ganz schwere Kost aufgelegt, gerade ganz frisch erschienen. Obwohl der Komponist und Interpret schon seit drei Jahren unter der Erde liegt. Adam Cohen hat das Abschiedswerk seines Vaters Leonard vollendet – „Thanks for the Dance“. Das ist alles andere als Leichenfledderei, sondern wirklich große Musik. Wer schlau ist, bestellt die LP. Wer ganz schlau ist, sichert sich die Sammleredition in weißem Vinyl. Schon der erste Track nimmt gefangen – „Happens to the Heart“.

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Ein kleines, feines Arrangement, der Meister mit seinem Sprechgesang in der Mitte, rechts die angerissenen Saiten, links ein leises Klavier – und viel Atmosphäre. Und genau das wollen wir von einem guten Plattenspieler hören: viel Flair, viel Lebensgefühl, dann die audiophile Pracht.

Stimmt das Gefühl zwischen Magen und Zwerchfell nicht, so kann uns jeder noch so teure Plattenspieler gestohlen bleiben. Doch der X1 ließ das Wunder aufleben. Viel Herzblut, alles erstaunlich entspannt. Dann die hellen Impulse, der abgesteckte Raum. Da war uns klar, dass dieser kleine MM-Tonabnehmer ein großer Könner ist.

Pro-Ject hat sich hier als Meister der schlauen Kombination erwiesen. Dann in „The Night of Santiago“ – da ist in den tiefen, pulsierenden Saiten der Drive gefragt. Ein wabernder Antrieb würde sofort entlarvt. Der X1 zeigte Kontur, kraftvoll, geradlinig. Da versichern wir uns nochmals des Preises. Es bleibt dabei: Dieser Mix aus Ehrlichkeit und Spielfreude kostet tatsächlich nur 800 Euro.

© Pro-Ject

Archaik auch hier: Der Tonarm ist schnurgerade, geformt aus Alu und Carbon. Dabei einfach zu justieren über die Gewichtsskala und das Ausleger-Gewicht für das Antiscating.

Mitgröhlen erlaubt

Schwenken wir auf Edelpopum. Vor einigen Jahren haben sich ein paar der großen Topsänger und Bands zusammen getan, um einem noch größeren Star zu huldigen – „The Art of McCartney“.

Wer Glück hat, konnte die Edelpressung auf vier knallbunten LPs kaufen. Unfassbar, welche Kreativität ein einzelner Mann über Jahrzehnte aus sich herausgepumpt hat. Die Huldigung kann gar nicht groß genug ausfallen. Ein Highlight ist eindeutig „Eleanor Rigby“, gesungen von Alice Cooper – da stellen sich die Nackenhaare auf. Oder „Hey Jude“ von Steve Miller – da will man mitgröhlen. Wenn denn der Plattenspieler den Mix aus Aura und Dynamik schafft.

Hier zeigte der X1 erstaunliche Qualitäten, leicht, elegant, mit viel Groove. Wieder erkannten wir, dass dieser Mix aus Antrieb, Tonarm, Plattenteller und Tonabnehmer sehr schlau kombiniert wurde. Sagen wir einmal, wir würden nach Jahren unsere Vinylleidenschaft wieder entdecken. Oder wir wären ein Abiturient, der neu einsteigen will – hier ist ein ganz Großer für mehr als nur faires Geld.

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